Fruchtkörbe für Habsburger

17. Februar 2008, 18:34
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Das Kunsthistorische Museum zeigt Giuseppe Arcimboldos bizarre Kompositionen aus Obst Gemüse, Blumen und Meeresfrüchten. Gut 150 Objekte repräsentieren den Manieristen

Etwa die Hälfte davon kommt aus dem Hausbestand.

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Wien – Kaum am Kaiserhof angekommen, kam Giuseppe Arcimboldo (1526–1593) auch schon auf die "Jahreszeiten" – und damit auf jene Bildidee, die den Mailänder Maler, Dekorateur, Musiker und Gelegenheitsingenieur bis heute mit enormem Wiedererkennungswert ausstattet: Porträts komponiert aus Obst und Gemüse, angereichert um leicht dechiffrierbare Elemente zur Würdigung seiner Auftraggeber, der Habsburger. Maximilian II. war Arcimboldos wichtigster Förderer und folglich unbedingt bildwürdig.

Das Kunsthistorische Museum zeigt etwa 150 Objekte zum Schaffen des Manieristen. Und so sieht der Sommer dann eben danach aus, was er bringt: Reife, rotbackige Pfirsiche geben die gesunden Wangen, eine Feldgurke brilliert anspielungsreich in der Rolle der Nase, eine Birne macht auf Kinn, und selbstredend geben Kirschen das Lippenprofil vor.

Danke an "M"

Um all das für ein zeitgenössisches Publikum jetzt nicht ganz platt erscheinen zu lassen, hat Giuseppe Arcimboldo auch Raritäten eingebunden: getrocknete Maiskolben etwa, die eben erst von Mexiko aus angetreten waren, die Tafeln Europas zu bereichern, verliehen dem Sommer sein teuflisch mehrfach geschlitztes Ohr, Melanzani unterschiedlichster Färbung spielen Nackenmuskel und Kopfschmuck. Ein "M" dankt ergeben Maximilian.

Und wie im wirklichen Leben spielen die Habsburger auch noch im Winter eine Hauptrolle: knorrig nun und also beständig schmückten sie in der fruchtlosen Zeit neben Zitronen auch Feuerstein und -eisen: Auf dass jeder mitbekommt, dass der Winter die Kette des Ordens vom Goldenen Vlies trägt und also auch hochwichtig ist.

Zwecks Frühlingsbildfindung ließ Maximilian Arcimboldo im Garten säen, was der Meister so als Teilvorbild ins Auge fasste: Lavendel für die Brauen, Stiefmütterchen als Pupillen-, Maiglöckchen als Zahnersatz. Da mussten Pfingstrosen die Ohren vorgeben und Akeleien deren Läppchen beringen. Alles ein wenig übermütig, schließlich steht der Frühling doch für Jugend. In dem Alter ist noch nichts mit Ordensketten-Tragen.

Bizarr wird Arcimboldo dann, wenn es gilt, so ein Leben in einem Bild zu fassen. In Summe, zeigt er, ist alles nicht wirklich lustig, die Rückschau dessen, der alle Jahreszeiten in Kopf und Gliedern hat, fällt melancholisch aus: Das scharfe Profil ist der Dreiviertelansicht im eindeutig zum Dunkel neigenden Hell-Dunkel gewichen, ausgewachsene Zweige am Haupt deuten auf mehrmaliges Gehörnt-Worden-Sein hin, die Frühlingsblüten erinnern, längst zu Orden gegossen, vage an frühes Treiben. Immerhin hängt der Wein trostversprechend vom Haupt und Moos schützt die all zu wunden Stellen. Das Feuer des "Elemente-Zyklus" – einmal zu seiner Marke gefunden, hat Arcimboldo nichts irgendwie Naheliegendes ausgelassen – scheint bloß noch aus der Ferne. Und auch Meeresgetier und Korallen sind dem strengen Winter längst entflohen.

Und natürlich aber auch muss man sich einen "Bibliothekar" jetzt als Kompositkopf aus Büchern vorstellen und einen "Gemüsegärtner" als – Karrieregrab. Mit der Idee der Umkehrbilder hat Arcimboldo im Branding dann doch einen Bock geschossen. Der Umkehrtrick erschien selbst Zeitgenossen als zu maniriert.

Und schließlich ist auch "Vertumnus" auf dem Weg ins Wiener Kunsthistorische Museum (er kommt verspätet um den 15.März). Das Porträt zeigt Rudolf II. als Garant des Goldenen Zeitalters. An ihm ist alles reif, er ist Vertumnus, der römische Gott aller Jahreszeiten und also erhaben über Zeit- und Lebensalter. (Markus Mittringer, DER STANDARD/Printausgabe, 11.02.2008)

>>>Ein Plädoyer für neue Fragestellungen
Sylvia Ferino kuratiert Arcimboldo im Kunsthistorischen Museum und trägt ein bisher unbekanntes Werk des Meisters zu Tage
  • Arcimboldos 180-Grad-Trick: Der Umkehreffekt, der den Gemüsekorb erst zum Gärtner macht, war selbst Zeitgenossen zu platt.
    foto: museo civico ala ponzone

    Arcimboldos 180-Grad-Trick: Der Umkehreffekt, der den Gemüsekorb erst zum Gärtner macht, war selbst Zeitgenossen zu platt.

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