Integration: Im Kreisverkehr gegen die Einbahn

12. Februar 2008, 09:40
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Wenn Integration "keine Einbahnstraße" ist, was ist sie dann? Und was macht uns zu ÖsterreicherInnen? - Von Mari Steindl

Während der Innenminister medial schon längst mit anderen Themen beschäftigt ist, geben wir seinem größten Marketingprojekt, dem Integrationsbericht, noch einmal die Chance einer Diskussion. Wenn Integration, wie so oft betont, "keine Einbahnstraße" ist, was ist sie dann? Dieser Frage widmet sich die Kulturanthropologin Mari Steindl*.

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Was macht uns zu ÖsterreicherInnen? Welche Werte verbinden einen jugendlichen Opernballdemonstranten mit einem Opernballdebütanten, wiewohl sie beide die österreichische Staatsbürgerschaft besitzen? Und was sind österreichische Traditionen? Diese Frage beantwortete eine Gruppe von SchülerInnen aus der Wein-Stadt Krems im Gespräch mit mir unlängst spontan mit "der Heurige". Doch bald war auch den SchülerInnen klar, dass es sich beim Heurigen wohl eher um eine regionale Tradition handelt, die in Vorarlberg oder Tirol kaum verbreitet ist.

"Integration ist keine Einbahnstraße", tönt es oft von politischer Seite. Gleichzeitig folgt der Aufruf an MigrantInnen, selbst "Integrationswillen" zu zeigen. Eine Annäherung beider Seiten wird gefordert. Das Sinnbild der Straße stellt Integration als einen geradlinigen Prozess mit zwei Gegenfahrbahnen dar. Aber stehen sich auf der Straße der Integration tatsächlich zwei verschiedene Fahrzeuge gegenüber? Gibt es tatsächlich ein "Wir Einheimische" und ein "Ihr Zugewanderten"?

Zu viel Multikulti? Sehr oft wird in Integrationsdebatten betont, "wir" ÖsterreicheInnen hätten ein Recht auf "unsere" kulturelle Identität, die durch ein Zuviel an "Multikulti" bedroht würde. Auch die so genannten Parallelgesellschaften werden in diesem Zusammenhang kritisiert. Beide Begriffe, Multikulturalismus und Parallelgesellschaften, setzen aber voraus, dass Kultur etwas Fixes, klar Abgrenzbares sei. Man konstruiert ein "Wir" der Mehrheitsgesellschaft und ein "Ihr" der MigrantInnen.

Kultur ist aber nie abgeschlossen und fix. Wenn wir aber davon ausgehen, dass Kultur sich ständig verändert, dann kann kulturelle Identität nicht verloren gehen.

Kultur ist dynamisch

Die Vitalität einer Gesellschaft drückt sich auch darin aus, wie fähig sie ist, Neues zu integrieren. "Warum soll ich mich als Österreicher fühlen, wenn ihr mich nicht akzeptiert?", das ist eine berechtigte Frage, die ein junger Österreicher mit türkischem Background vor ein paar Wochen in einer Club 2 Diskussion in den Raum stellte. Wenn Integration gelingen soll, müssen Dichotomien wie "Wir" und "Ihr" aufgelöst werden und Mehrfachzugehörigkeiten, wie sie in einer globalisierten Welt Realität sind, respektiert und rechtlich ermöglicht werden. Es wäre überlegenswert, die Österreich-Charta in eine Charta des Zusammenlebens umzubenennen.

Kehren wir zurück zur Straße, aber wählen wir ein neues Symbol: den Kreisverkehr. Hier gibt es keine Frontstellung zweier Seiten, sondern verschiedene Ein- und Ausfahrtsmöglichkeiten - und alle sind miteinander in Bewegung. (derStandard.at, 12.2.2008)

Zur Person
Die Sozial- und Kulturanthropologin Mari Steindl ist stellvertretende Geschäftsführerin des Interkulturellen Zentrums und bietet Seminare, Workshops und Lehrgänge zum Thema Interkulturelle Kompetenzen an

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Interkulturelles Zentrum
  • Stellt von Berufs wegen die Frage nach dem "typisch Österreichischen": Mari Steindl
    foto: privat

    Stellt von Berufs wegen die Frage nach dem "typisch Österreichischen": Mari Steindl

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