Theologischer "Blick fürs Ganze"

11. Februar 2008, 08:34
17 Postings

Theologie-Studenten haben Zukunft. Nicht zwingend in religiösen Berufen, sondern als Journalisten, in Banken oder in der Erwachsenenbildung

Standard: Sie haben Theologie, Latein und Italienisch studiert. Wie kam es, dass Sie die Theologie zum Beruf machten?

Müller: Eigentlich ging der Weg anders rum: Ich studierte Latein, weil mich die antike Kultur und Sprache interessiert hat. Im Laufe des Studiums bin ich immer näher zur Theologie gerückt. Ich habe gemerkt, dass mir das Philosophische nicht reicht, dass ich das Religiöse als Hintergrund mitreflektieren möchte. Ich wollte einen möglichst breiten und tiefen Zugang zum Leben.

Standard:  Woher rührt Ihre Begeisterung für die klassische Kultur und die Religion?

Müller: In der Oberstufe habe ich Cicero gelesen, Ovid und andere, und die Interpretation von Texten hat großen Spaß gemacht. Studiert habe ich sowohl Latein als auch Theologie im Hauptfach. Mein Elternhaus war nicht streng, aber engagiert katholisch. Mein Vater war in der Jugendarbeit tätig, meine Mutter in der katholischen Frauenarbeit. Nach einem Auslandssemester in Rom habe ich Italienisch dazu genommen. Damals hatte ich noch das Berufsziel Lehrerin, und in Deutschland hieß es: Je mehr Fächer, desto größer sind die Chancen, eine Stelle zu bekommen. Italienisch war damals neu an den Schulen.

Standard: Sie haben viel im Ausland geforscht. Wie steht die Katholisch-Theologische Fakultät Wien im Vergleich da?

Müller: Wien zeichnet sich durch die Schnittstelle zu den osteuropäischen Ländern aus. Das merkt man an den Studierenden, vor allem bei den Doktoranden. Es ist so etwas wie ein Markenzeichen, dass das ökumenische Gespräch mit der orthodoxen Kirche eine große Rolle spielt. Wir haben künftig vor, etwa in der Moraltheologie viel stärker mit den Kollegen aus Osteuropa zusammen zu arbeiten.

Standard: Wenn sich jemand für Theologie begeistert, aber nicht Priester werden will oder kann - wo liegen die Chancen?

Müller: Die Zahl derjenigen Absolventen, die neun Monate nach dem Abschluss im Beruf sind, entspricht denen der Abgänger anderer Studienrichtungen. Das sind so um die 85 bis 90 Prozent. Man findet Theologen als Journalisten, in der Personalverwaltung, in Banken, bei Interessenvertretern, in der Erwachsenenbildung. Auch das Anfangsgehalt entspricht dem der anderen Disziplinen - etwa bei den Juristen oder anderen Fachbereichen wo man meinen würde, dass die weit mehr verdienen.

Standard: Sie würden also kein Zweitstudium empfehlen, sozusagen für den "Brotjob"?

Müller: Eigentlich nicht. Empfehlen würde ich es eher, um über den eigenen Horizont zu blicken. Weitere Qualifikationen sind immer super!

Standard:  Die genannten Berufssparten vertragen durchaus eine Portion Ethik. Macht das einen guten Theologen aus, dass er weiß, was sich gehört?

Müller: Nun, das Spezifische des Studiums ist eher, dass man einen Blick fürs Ganze kriegt und sich eine ungeheure Flexibilität aneignen muss. Weil das Studium die ganze Glaubenstradition mit betrachtet, ist es so vielfältig: Theologen können Texte interpretieren, bringen Menschen zusammen, die unterschiedlich denken, können sich schnell einarbeiten. Sie haben in unterschiedlichen Bereichen zu tun, müssen sich mit Geschichte beschäftigen, mit alten Sprachen, mit verschiedenen philosophischen Richtungen, mit Archäologie, Kunst und Naturwissenschaft.

Standard:  Gibt es auch Bereiche, in denen ein Theologe nicht firm ist?

Müller: Das einzige, was die Theologen anscheinend nicht so gut können ist, Dinge auf den Punkt zu bringen oder sich schnell zu entscheiden. Sie lernen abzuwägen, Pro und Contra zu sehen, die Vielseitigkeit der Dinge zu schätzen. Und was dann fehlt - und das ist wohl der Schritt, der erst die wirklich hohen Gagen ausmachen würde - ist, dass sie schnell entscheiden. (DER STANDARD Printausgabe, 9./10. Februar 2008)

Zur Person
Institutsleiterin Sigrid Müller bekam als erste Frau einen Lehrstuhl am Institut für Moraltheologie der Universität Wien.
  • Sigrid Müller ist die erste Lehrstuhlinhaberin am Wiener Institut für Moraltheologie.
    foto: standard/corn

    Sigrid Müller ist die erste Lehrstuhlinhaberin am Wiener Institut für Moraltheologie.

Share if you care.