"Höhere Stipendien statt halbe Studiengebühren"

13. Februar 2008, 14:14
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Rektoren-Chef Badelt warnt im STANDARD-Interview vor dramatischen Folgen für Unis und kritisiert "Denkfehler" Hahns

Christoph Badelt, Chef der Rektoren, über Minister Hahns „Denkfehler“ beim Teilzeitstudium, und wer die Rechnung dafür zahlen müsste: Die Studierenden selbst. Mit ihm sprach Lisa Nimmervoll.

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STANDARD Sie waren ja nicht gerade begeistert, als Wissenschaftsminister Johannes Hahn (ÖVP) seine Idee für halbierte Studiengebühren für berufstätige Studierende erneuerte. Dabei fordern Sie schon lang ein Teilzeitstudium. Woran hakt Hahns Modell?

Badelt: Dieser Vorschlag hat den von den Universitäten gemachten so verkürzt und verkehrt, dass er sich als Bumerang für die Unis erweist.

STANDARD: Weil die Unis dadurch viel Geld verlieren würden. Immerhin arbeiten 42 Prozent der Studierenden permanent, 18 Prozent gelegentlich.

Badelt: Wie viele Berufstätige auch immer das Angebot annehmen würden – die Einkommensausfälle wären massiv. Es müsste zu ganz dramatischen Verschlechterungen in der personellen Ausstattung kommen und daher zu einer Verschlechterung der Lehrqualität.

STANDARD: Welche Folgen hätte der Studiengebührenausfall für die Unis?

Badelt: Wir schätzen an der WU einen jährlichen Einkommensausfall von vier bis fünf Millionen Euro, die Universität Wien würde pro Jahr 16 Millionen verlieren. Wenn man eine Professorenstelle mit 120.000 Euro ansetzt, sieht man, was das für eine Verschlechterung bedeutet. Was unbedingt gesagt werden muss, ist, dass im Vorschlag des Ministeriums ein großer Denkfehler besteht. Nämlich die Leute, die jetzt berufstätig sind, nehmen ja heute schon die Angebote der Universität nicht voll wahr. Die würden nur rational handeln, wenn sie auf die geringere Gebühr umsteigen. Deshalb erspart sich – das ist der Zentralpunkt – die Universität durch den Vorschlag des Ministeriums nichts, sondern sie verliert nur.

STANDARD: Wie würde Ihr Teilzeitstudien-Modell aussehen?

Badelt: Wir, die Universitäten, wollten ein Modell, das eine Effizienzsteigerung und mehr soziale Gerechtigkeit gebracht hätte. In unserem Modell würden die Studiengebühren umgestellt auf das Leistungspunktesystem ECTS oder Lehrveranstaltungen, die ein Studierender belegt. Das würde das Teilzeitstudium auch beinhalten. Wenn man nur die eine Seite der Münze nimmt und sagt, diejenigen, die weniger studieren als die Norm, brauchen weniger zahlen, wie Minister Hahn das angekündigt hat, heißt das ja, dass man zwar einen Teil der Studierenden begünstigt, aber auch einen Einnahmenausfall zulasten der anderen schafft. Die Politik muss sich entscheiden, ob sie den Einnahmenausfall für die Universitäten durch Teilzeitstudierende jenen anlasten will, die mehr studieren, oder ob sie die Begünstigung einer Gruppe durch Steuermittel ausgleicht. Uns geht es darum, dass mehr Verbindlichkeit im Studium geschaffen wird, dass man sich für einzelne Kurse inskribiert, wie das in den meisten Unis der Welt üblich ist, und dass daher auch die Scheininskriptionen wegfallen würden.

STANDARD: Wie groß ist das Problem der Scheininskriptionen für die Planungen der Universitäten?

Badelt: Wenn Studierende quasi auf gut Glück viele Lehrveranstaltungen, zum Beispiel acht oder neun pro Semester, belegen, und dann erfahrungsgemäß höchstens die Hälfte positiv abschließen oder in den ersten vier Wochen langsam ausscheiden, dann kann man dem zwar in einem gewissen Ausmaß entgegenwirken, indem man am Anfang mehr Leute nimmt. Aber man kann das schon aus Gründen der Hörsaalkapazität nicht unendlich machen. Ich glaube, dass die Planbarkeit und auch die Effizienz steigen würden, weil sich ein Studierender überlegen würde, welche Kurse er wirklich machen will, und für die zahlt er dann auch.

STANDARD: Boku-Rektorin Ingela Bruner kritisierte in ihrer Antrittsrede das Auseinanderfallen von Semesteranfang und Inskriptionsende. Die Unis müssten wissen, mit wie vielen Studierenden sie planen könnten.

Badelt: Ich würde es noch schärfer formulieren. Das ist eine andere Facette der Beliebigkeit unseres Studiensystems. Wo gibt’s denn das, dass man sich zwei Monate nach Studienbeginn dafür entscheiden kann, es zu beginnen. Da sieht man, wie die scheinbare Liberalität in Wahrheit nur zu einer Beliebigkeit führt, die dann zu neuen Effizienzverlusten, aber auch zu einem Verlust an Lebenszeit für die Studierenden führt. STANDARD: Wäre berufstätigen Studierenden nicht sogar mehr geholfen mit mehr Block- und Abendseminaren oder auch Kinderbetreuung, als ihnen 180 Euro im Semester nachzulassen?

Badelt: Unsere Erfahrung an der WU mit einem besonders hohen Anteil an berufstätigen Studierenden ist, dass die Berufstätigen wirklich nur wenige Lehrveranstaltungen im Semester machen, sich dann ganz auf die konzentrieren und daher auch länger studieren. Ich hielte es für den wesentlich besseren Weg, dass man Leuten, die aus rein ökonomischen Gründen berufstätig sind, höhere Stipendien bezahlt, damit sie rascher studieren können.

STANDARD: Unterm Strich gilt: Wenn die Politik niedrigere Studiengebühren anbieten will, muss sie den Unis den Betrag, der dann fehlt, ersetzen?

Badelt: Ja, es muss budgetneutral sein. Es sei denn, man nimmt eine Verschlechterung der Lehrqualität und der Ausbildungsrelationen in Kauf. Wenn wir an meiner Uni, der WU, zwischen vier und fünf Millionen Euro verlieren würden, dann wäre das mehr als die Verbesserung der Studienbedingungen, die wir durch die letzte Leistungsvereinbarung bekommen haben. Aufgrund der extrem schlechten Betreuungsrelationen haben wir Geld für zusätzliches Personal erhalten. Das müsste ich alles wieder stoppen und einstellen. Den Rektoren der meisten anderen Unis geht es ganz genauso. Es ist völlig unverständlich, wie man sagen kann, man will endlich etwas tun für die Verbesserung der Betreuungsrelationen und dann nimmt man gleichzeitig den Universitäten die finanzielle Basis dafür weg. (DER STANDARD Printausgabe, 11. Februar 2008)

Zur Person: Christoph Badelt(57), Wirtschafts- und Sozialökonom, seit 2002 Rektor der WU Wien, seit 2005 Präsident der Rektorenkonferenz alias Universitätenkonferenz seit 1. Jänner 2008.
  • Halbe Studiengebühr für Berufstätige? Macht fünf Millionen Euro oder 41 Professorenstellen weniger für die WU: Christoph Badelt.
    foto: standard/hendrich

    Halbe Studiengebühr für Berufstätige? Macht fünf Millionen Euro oder 41 Professorenstellen weniger für die WU: Christoph Badelt.

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