Auf ein Mineral mit Stanislas

11. Februar 2008, 17:00
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Lothringens Wasser sind tief in den Bergen der Vogesen zu suchen. Quellenforschung kann betreiben, wer den Spuren eines polnischen Königs folgt

Viel zu tun hatte er nicht, der länderlose König. Vielleicht war auch das der Grund, warum Stanislas Leszczinski im 18. Jahrhundert in Contrexéville Linderung suchte von der Last der Leibesfülle. Und warum er dennoch wie kaum ein anderer um diese Zeit den Kurorten im südlichen Lothringen am Westrand der Vogesen seinen architektonischen Stempel aufdrücken konnte. Vom Reichstag war er zum König von Polen gewählt worden, doch Russlands Favorit, der Sachsenkönig August der Starke, hat ihm den Thron verwehrt. Stanislas wurde abgeschoben, ging ins Land seines Schwiegersohnes, Ludwig XV.

Mit dem Herzogtum Lothringen und auch finanziell recht großzügig ausgestattet, entwickelte Stanislas, der wegen seines Umfanges "der Dicke" genannt wurde, im damals so üppigen Barock eine regelrechte Bauwut. Ihr verdankt Lothringens frühere Hauptstadt Nancy die Place Stanislas, einen der spektakulärsten Hauptplätze der Welt. In Lunéville, wo er sich besonders gerne aufhielt, entstand das prunkvolle Barockschloss.

Mit Vorliebe weilte Stanislas jedoch in den Vogesenbädern - in Bains-les-Bains, in Vittel oder auch in Plom- bières-les-Bains, das heute noch so aussieht wie auf den Stichen des 18. Jahrhunderts. Vor allem aber in Contrexéville, wo er den Kurkomplex errichten ließ.

Trinken und Wandeln

Elegant wirkt die große Kuranlage noch immer: der Kuppelbau der Trinkhalle, das Kurhaus, das alte Grand Hotel und die Wandelhalle mit ihren Boutiquen. Dahinter beginnt gleich der Kurpark, der unmerklich übergeht in die Waldlandschaft der Umgebung. Selbst die neuen, surrealistisch geformten und poppig bunten Wasserspeier gleich neben dem ehrwürdigen Bau wollen und können am morbiden Charme des Verfalls nichts ändern.

Die Heilkraft des Wassers hier am Rand der Vogesen kannten bereits die Römer. In "Contra Aquas Villa" kurten angeschlagene Legionäre, aber eben auch ihre übergewichtigen Vorgesetzten. Denn bereits damals kannte man die Wirkung des Wassers von Contrexéville, das - rund 80 Grad heiß - aus dem Boden strömt und als Heilmittel gegen Übergewicht gilt. Die gesundheitsfördernde Wirkung ließ man sich dann 1861 von der französischen Akademie der Medizin bestätigen, seit rund 20 Jahren feilt die Stadt nun an ihrem Image, ein "Schlankmacher" zu sein. Für viele gastronomische Betriebe wurde im Jahr 2005 ein Label eingeführt, das spezielle Angebote für schmackhafte Gerichte kennzeichnen soll, die dennoch auf die Grundsätze einer ausgewogenen Ernährung zurückgehen.

Stanislas Leszczinski war aber stets auch Gast in Plombières-les-Bains. Er bevorzugte vor allem die Badeanlagen in jenem Haus, das sonst sehr wohlhabenden und nicht sonderlich geschäftigen Noblen für Kur oder Kurzweil diente: den Stiftsdamen von Remiremont. Das heute "Bains Stanislas" genannte Gebäude war das Stadthotel der adeligen Damen, die im nahegelegenen Remiremont an der Mosel das Regiment führten.

Hier an der oberen Mosel hatte der schottische Mönch Columban ein Frauenkloster gegründet, das schon im Mittelalter vermögend und einflussreich war. Die Äbtissin war Reichsfürstin und unterstand nur Kaiser und Papst, die Stiftsdamen entstammten dem Hochadel. Zeitweise unterhielt das Damenstift an der Mosel sogar eine eigene Armee. Sie wohnten in einzelnen Häusern, die mit einem für eine Ordensgemeinschaft unerhörten Luxus ausgestattet waren. Die Einrichtungsgegenstände, heute im Charles-Friry-Museum in Remiremont zu sehen, sprechen noch immer eine beredte Sprache.

Bien-être, peut-être

Dass sich auch Plombières-les-Bains heute beharrlich weigert, seiner Kur-Architektur den Begriff "Wellness" überzustülpen, hängt nicht nur damit zusammen, dass man in Frankreich lieber "Bien-être" dazu sagt. Das Kernangebot der "Compagnie Thermale", wie sich der Komplex um die herausragend schöne "Napoléon-Therme" heute nennt, ist der medizinisch begleitete Kuraufenthalt geblieben.

Wellnesshotels, die sich aufs Lifestyle-Wochenende am Thermalwasser spezialisiert haben, sind in der Region die Ausnahme. Vielmehr ist es hier eine Sache, in einem stilvollen Hotel zu nächtigen, und eine gänzlich andere, eine Therme zu besuchen: Die Bäder haben nämlich nicht nur ihr historisches Antlitz bewahrt, sondern man fühlt sich tatsächlich wie bei einer Museumsvisite in Badehosen.

Ganz anders war das für Kaiser und Könige, Politiker und Philosophen, Dichter, Musiker und Mätressen, für die Lothringen im 18. und 19. Jahrhundert noch jene Gegend Frankreichs gewesen ist, in der sich "Toute l'Europe" zum Plantschen traf. In den kleinen Thermalbädern am Rand der Vogesen weilten die Kardinäle Richelieu und de Rohan, Napoléon III., Kaiserin Josephine und die Prinzessin Christine von Schweden, Voltaire oder Berlioz tatsächlich noch, weil sie dort den Inbegriff zeitgeistiger Erholung vermuteten und fanden.

Vittel ist dabei heute jener Ort, der seine 1884 vom Architekten der Pariser Oper errichtete Kurhalle am offensichtlichsten an die Erwartungen angepasst hat, die "WellnessGäste" an eine Therme richten. Nicht, dass man die alten Brunnenhäuser und die Eleganz der Anlage mit der Renovierung geopfert hätte, aber trendiges Thalasso ist dort nun ein ebenso akzeptabler Grund, die heiligen Kur-Säulenhalle zu betreten, wie schwerer Rheumatismus. (Christoph Wendt/DER STANDARD/Printausgabe/09./10.2.2008)

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