Ohne Glut und Rauch geht's auch

8. Februar 2008, 21:40
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Ich heiz mir ganz sicher keine mehr an - Das war nicht immer so: Erinnerungen eines Exrauchers - von Christoph Winder

Wer von Rauchkultur spricht, weitet den Kulturbegriff bis zur Bedeutungslosigkeit aus. Mit eben demselben Recht könnte man auch von Heroinkultur am Karlsplatz sprechen.

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Lieber Robert!

Herzlichen Dank für deine streckenweise von Zweifeln durchwehte, aber mit vielen verführerischen Argumenten vorgebrachte Apologie des Zigarettenrauchens. Als liberaler Redakteur einer liberalen Zeitung habe ich kein Problem, sie zu publizieren. Ich hätte nur ein Problem, wenn ich sie unkommentiert publizieren würde, obwohl mich das in die Verlegenheit bringt, einem geschätzten ALBUM-Beiträger öffentlich in den Rücken fallen zu müssen. Aber ich gebe zu, dass auch ich parteiisch bin. In meiner Eigenschaft als glücklicher Exraucher (auch die gibt es, du erwähnst sie nur nicht) will ich festhalten, dass mich deine Argumente nicht überzeugen.

Ich glaube, dass es so etwas wie eine "Rauchkultur" gar nicht gibt, und ich glaube, dass Du ein paar hässliche Wahrheiten über das Rauchen unter den Tisch fallen lässt, die ich gern von dort wieder hervorholen möchte. Ich betone, dass ich kein militanter Exraucher bin, und obwohl ich das ganze Geschmauche heute lächerlich und unverständlich finde, können mir die Raucher mit ihren Stinkmorcheln vor dem Gesicht herumwedeln und ihre absurden Kringel um die Ohren blasen. Ich rege mich nur selten auf, sondern begegne ihnen mit einer herzlosen Indifferenz, die von einem unbefangenen Beobachter fälschlich als Toleranz gedeutet werden könnte.

Fremdkörper

Ich reagiere deshalb gereizt auf Versuche, das Rauchen in gedankliche Zusammenhänge mit Eleganz, Kommunikation und Coolness zu bringen, weil mich diese illusionäre Belegung des Rauchens mit positivem Sinn in meinem Leben viel Zeit, Geld, Energie und Gesundheit gekostet hat. In Wahrheit war das Rauchen ein Fremdkörper in meinem Leben, von allem Anfang an. Den ersten Tschick - eine von meinem Opa geflauchte Smart Export - habe ich mit zehn oder elf in einem Gartenhaus geraucht. Aufgeregt und ungeübt wie ich war, stippte ich die Zigarette so energisch in den Aschenbecher, dass das Ding in der Mitte halb entzweiriss und ich die Inhalationstauglichkeit nur mühselig wiederherstellen konnte, indem ich den Riss mit Daumen und Zeigfinger zuhielt. Dabei verbrannte ich mich, und schlecht wurde mir auch. Es war alles sehr unelegant. Keineswegs hatte ich das Gefühl, dass mein "Selbstporträt an Tiefe, an Schärfe und vielleicht an Gefährlichkeit" gewonnen hatte, sondern mir war einfach nur kotzübel.

Kein Grund zum Kneifen

Aber: Grund zum Kneifen war das noch lange keiner. Denn aus dem Fernsehen erfuhr man, dass Rauchen beruhigend, wenn nicht gar gesundheitsfördernd sei. Deutlich erinnere ich mich an das HB-Männchen, eine cholerisch veranlagte Zeichentrickfigur, welche in allerlei missliche Lagen kam (tropfende Wasserhähne, platzende Milchflaschen usf.) und darob so in Rage geriet, dass sie schließlich wahrhaftig in die Luft ging, wo sie wohl auch geblieben wäre, hätte sie nicht eine HB-Schachtel mit einem neckisch hervorgereckten Zigarettenbündel wieder auf die Erde zurückgelockt. Ein gut geölter Bariton kommentierte aus dem Off: "Halt, mein Freund! Warum denn gleich in die Luft gehen? Greife lieber zur HB, dann geht alles wie von selbst ..." Mit solcher Werbung wurde man in den 1960ern und 1970ern bombardiert: "Frohen Herzens genießen!" "HB ist mild und schmeckt!" "Der Geschmack von Freiheit und Abenteuer!"

Unter dem Eindruck dieser Behauptungen, und unter dem Eindruck einer Peergroup, die rauchte, was das Zeug hielt, arbeitete ich mich beharrlich in den Klub der Raucher vor, dem ich dann mehrere Jahrzehnte mit großem, quasi professionellem Engagement angehörte. Zeitweilig rauchte ich filterlose Gauloises und Marlboro light parallel, um meine Wahlfreiheit bis zum letzten Zug auszuschöpfen. Nachträglich betrachte ich diese Zeit mitnichten als eine Epoche der persönlichen Enkulturation, sondern als einen von außen her induzierten Akt einer grotesken Selbstdressur, der mit Kultur so viel zu tun hat wie ein Zirkuselefant mit Thomas Mann.

Heroinkultur

Stellt man, wie Herr Kittler, Rauchen in einen Zusammenhang mit Kultur, dann geht das nur, wenn man den Kulturbegriff bis zur Bedeutungslosigkeit ausweitet. Mit eben demselben Recht könnte man von der Heroinkultur am Karlsplatz oder von der Rotlichtkultur in der Wiener Polizei sprechen, wo ebenfalls "Laster und ungesunde Tätigkeiten" im Spiel sind. Für mich ist das Postulat einer "Rauchkultur" die fadenscheinige Bemäntelung einer Sucht, welche allerdings - und jetzt kommt die gute Nachricht - viel leichter abzulegen ist als sich die Raucher das ständig selbst suggerieren (ich empfehle Allan Carrs Buch Endlich Nichtraucher, das alle wesentlichen Informationen über das Rauchen enthält - vor allem die, wie man wie es ein für alle Mal bleiben lässt).

Grotesk, wenn Kittler auch noch den Geschlechtsverkehr in den Dienst seiner Raucherwerbung stellt - Nichts Schöneres als die Zigarette danach! -, als bestünde seit je ein freundschaftliches Naheverhältnis zwischen Kopulieren und Rauchen. Das Gegenteil ist der Fall: Jeder Gefäßspezialist wird Kittler bescheinigen, dass das Rauchen mit einem gesteigerten Impotenzrisiko einhergeht. Die wahrscheinlichere Formel lautet nicht "Rauchen nach dem Orgasmus", sondern "Rauchen oder Orgasmus". Außerdem - ich spreche aus Erfahrung - hat das Rauchen in horizontaler Lage spezielle Gefahren. Einmal habe ich mir (beim Lesen!) mit einem Stück versehentlich an einem Buch abgestreifter Zigarettenglut ein ordentliches Loch in die Brust gebrannt, was weder elegant noch euphorisierend und schon gar nicht entspannend war.

Ausblendung

Was mich, lieber Robert, an deinem Artikel besonders verwundert hat, ist, dass du alle geschäftlichen und politischen Hintergründe des Rauchens zugunsten seiner ästhetisch-kommunikativen Aspekte ausblendest. Ich bin da weniger duldsam. Ich hege den Verdacht, dass all die Raucher, die sich so viel auf ihre Freiheit zugutehalten, in Wahrheit bloße Schachfiguren in einem viel größeren Spiel sind. Dass die Spielemacher in der Zigarettenindustrie (es folgt ein Understatement) auch ein wenig zynisch agieren, ist mir vor kurzem bei Lektüre des Buches Das Geschäft mit dem Tod (Hg. Michael Adams, Zweitausendeins) wieder bewusst geworden.

Es handelt sich um Auszüge aus den Gerichtsprotokollen aus dem Prozess, den die USA 1999 gegen die großen US-Tabakfirmen angestrengt hatten und der 2006 mit der Erkenntnis endete, dass die Beklagten "de facto einer kriminellen Vereinigung" angehörten. Diese Zeugenaussagen muss man einmal gelesen haben: Wie sich da Batterien von Wissenschaftern und Marketingleuten, die sich der krebsauslösenden Eigenschaften ihres "Produktes" voll bewußt waren, die Köpfe zerbrachen, mit welchen Mischungen von Ammoniak und Zucker und welchen Slogans von Freiheit und Abenteuer man die jugendlichen Konsumenten am besten anfixen könnte, das ist doch recht abstoßend. Ich sehe da durchaus auch Parallelen zu "Gesundheitspolitikern", die nicht alles Mögliche daran setzen, um den "Rauchgenuss" in Lokalen sofort zu unterbinden. Allein der Umstand, dass ich mich aus solchen zynischen politischen und geschäftlichen Kalkülen ausgeklinkt habe, ist mir ein endlos sprudelnder Quell innerer Freude.

Bleibt noch die Sache mit der Gefahr. Ehrlich gesagt, mir ist die Welt auch ohne Rauchen gefährlich genug. Wir haben die Atombombe, den Treibhauseffekt, die Al-Kaida und noch so vieles andere mehr, dass ich mir mein Leben nicht auch noch durch ein systematisches Kokettieren mit einem Karzinom prickelnder gestalten muss. Du hast dich redlich bemüht, mich zu überzeugen, aber der Lockruf der Zigarette verfängt bei mir nicht mehr. Ich würde mich trotzdem freuen, wenn wir bald wieder einmal zusammen auf einen Kaffee gehen, wenn möglich in ein Nichtraucherlokal.

Herzlich, Christoph. (DER STANDARD Printausgabe, 9./10.2.2008)

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