Barack Obama - Ein amerikanischer Traum: Eine amerikanische Suche

17. Februar 2008, 22:48
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Viele, wenn nicht die meisten amerikanischen Politiker fühlen die publizistische Verpflichtung auf sich lasten, sich dem Wähler mit programmatischen Schriften oder in Biografien vorstellen zu müssen. Meist handelt es sich um sehr detailverliebte Werke, die selbst Fans auf Geduldsproben stellen können. Rudi Giuliani (inzwischen aus dem Rennen 2008 ausgeschieden) erörterte seine "Leadership" auf 462 Seiten; Hillary Clinton ("Making History") toppte das mit 596 Seiten, und ihr Gemahl benötigte 2005 gar 1064 Seiten, um "My life" zu erzählen. Für den Leser hält sich das Vergnügen eher in Grenzen.

"Ein amerikanischer Traum. Geschichte meiner Familie", die von heute an im Buchhandel erhältliche Autobiografie des Ausnahmepolitikers Barack Obama, hebt sich stark von bloßer politischer Konfektionsware ab, und zwar inhaltlich ebenso wie stilistisch, durch die Ernsthaftigkeit ihres Tons ebenso wie durch den Charakter ihres Helden. Erschienen ist "Dreams from my father", so der viel treffendere Titel des Originals, erstmals 1994; im Jahr 2004 wurde es vor dem Nominierungsparteitag der Demokraten in Boston, wo der "Keynote Speaker" Obama sogar Bill Clinton und erst recht John Kerry die Show stahl, neu aufgelegt.

Persönlicher und intimer als das 2007 erschienene "Hoffnung wagen", erzählt "Ein amerikanischer Traum" die Geschichte einer schwierigen Identitätssuche, bei der Persönliches und Politisches untrennbar ineinander verwoben sind. Im Jahr 1960, als Obamas Eltern, ein Kenianer und eine Amerikanerin, in Hawaii heiraten, ist die "Miscegenation", die "Rassenmischung", noch in mehr als der Hälfte der US-Bundesstaaten ein Straftatbestand. Fast hundert Jahre nach der Einführung eines Verfassungszusatzes, der den Schwarzen nach dem Bürgerkrieg Gleichberechtigung zusicherte, bleibt diese Gleichberechtigung in der politischen Praxis ein Witz.

Rassistische Ausgrenzung ist ein Thema, das sich wie ein roter Faden durch Obamas Buch zieht. Er erlebt sie in Indonesien: Dorthin ist seine Mutter gezogen, nachdem sie ihr Mann - Barack ist gerade einmal zwei Jahre alt - verlässt, um wieder in Kenia zu leben. Er erlebt den Rassismus als "Stadtteilarbeiter" in der Problemsiedlung "Altgeld Gardens" in Chicago. Und er erlebt ihn in Kenia, wo sich mit seiner Schwester Auma auf der Suche nach den Spuren seiner Familie väterlicherseits macht - die Vatersuche ist das andere große Leitmotiv des Buches. Der Schilderung dieser Afrikareise gilt der dritte, bewegendste Teil des Buches. In einem Hotel in Nairobi bewundert Obama die Freiheit zweier weißer Touristen, "die Auma und ich nie erleben würden, ein unerschütterliches Selbstverständnis, das demjenigen vorbehalten ist, der in eine imperiale Gesellschaft hineingeboren ist".

Die Suche nach Linderung für seine seelische Zerrissenheit führt Obama auch auf Um- und Abwege, zu denen sich offen bekennt: Der von Bill Clinton her bekannte Doubletalk ("Marihuana geraucht, aber nicht inhaliert") ist seine Sache nicht. Obama nimmt Kokain, raucht Haschisch. Er liest klassische schwarze Autoren wie James Baldwin oder William DuBois, kann sich aber weder im einen noch im anderen erkennen. Einzig die Biografie von Malcolm X gibt ihm mehr Orientierung, doch er fühlt sich von dessen aggressiver Haltung gegen die Weißen abgestoßen. Erst der Aufenthalt in Afrika ermöglichst ihm schließlich ein eindrucksvoll geschildertes Versöhnungserlebnis am Grab seines Vaters, in dem die Motive des Politischen und des Persönlichen abermals zusammenfließen. Er kommt zur Einsicht, dass sich die von Kolonialismus und Rassismus geschlagene Wunde, die Zerrissenheit, an der sein Großvater und sein Vater litten und an der er selbst leidet, nicht heilen lassen wird. Aber man kann über sie reden, man kann versuchen, sie durch politische Aktivität, im Tun zu bewältigen.

Im Verlauf seiner Heldenreise hat sich Obama dem Leser nach und nach als eine hochgradig komplexe Persönlichkeit enthüllt, die ihre Welterfahrung in eine amerikanische Begriffswelt fasst, ohne schablonenhaft oder banal zu werden. So offenbart sich im Medium dieses Kandidaten auch die großzügige, kosmopolitische Seite der USA, eine Seite, die in den vergangenen acht Jahren leider zu häufig verborgen geblieben ist. (Christoph Winder/DER STANDARD, Printausgabe, 9./10.2.2008)

  • Barack Obama Ein amerikanischer Traum. 444 Seiten/€ 24,90,- Hanser Verlag 2008

    Barack Obama Ein amerikanischer Traum. 444 Seiten/€ 24,90,- Hanser Verlag 2008

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