Oper für Feinschmecker

8. Februar 2008, 18:52
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Der Schweizer Marco Arturo Marelli ist international gefragter Regisseur und Bühnenbildner. Am Samstag hat an der Grazer Oper seine Inszenierung der "Arabella" Premiere

Graz - Als Zertrümmerer habe er sich nie gesehen, meint der 58-jährige Marco Arturo Marelli gegenüber dem Standard. Dann eher schon als konsequenter "Entstauber", und im Alter werde man ja bekanntlich sowieso milder. Und Arabella - nach dem Rosenkavalier vor drei Spielzeiten seine zweite Richard-Strauss-Inszenierung am Grazer Opernhaus - eigne sich schon gar nicht zum Draufhauen.

"Das Stück ist so fragil, dass es in 1000 Stücke zerbrechen würde", mahnt Marelli, obwohl er es - ähnlich wie schon beim Rosenkavalier - von seiner Handlungszeit loszulösen versucht und es in die Zeit nach dem Ersten Weltkrieg versetzt. Doch jede zu vordergründige Aktualisierungswut - etwa in Richtung der bereits braunen Epoche der Dresdner Uraufführung im Juli 1933 - würde gerade Arabella nicht gut bekommen. "Dazu ist Arabella zu sehr Märchen. Cinderella und die Titelfigur sind verwandte Seelen. Und es würde auch meiner Auffassung als Ausstatter widerstreben, denn ich halte auf der Bühne nicht Ausschau nach realistischen oder gar naturalistischen Bildern."

Marelli räumt ein, "dass diese lyrische Komödie eine Spur bitterer und für Dirigenten wie Regisseure auch in dramaturgischer Hinsicht gewiss sperriger als der Rosenkavalier" sei. "Mit Sicherheit ein Werk für Feinschmecker, mit vielen leisen, auch gesellschaftskritischen Zwischentönen und ohne große dramatische Effekte und Zuspitzungen." Gerade Hofmannsthals letzter Text verschließe sich aufgrund seiner meisterhaften Charakterisierungskunst und seines feinen Humors jeglichem Abgleiten ins Triviale.

Singuläres Werk

Und wie steht's mit dem oft vernommenen Vorwurf an das Werk, bloß ein Aufguss des Rosenkavaliers zu sein? "Der trifft ins Leere", widerspricht Marelli, "dafür ist diese Oper zu singulär. Das können nur jene behaupten, die sich mit dem Stück nicht auseinandersetzen wollen."

So befinden wir uns also im Sog der frivol-exaltierten und schuldenmachenden Hauptstadt Wien, "wobei selbst Mandryka von der Inflation mitgerissen wird". Und wo bleiben die großen Gefühle, die Sehnsüchte nach dem "Richtigen", die Arabella herbeiträumt?

"Lange Zeit auf der Strecke, genauso wie das Geld der schwer ramponierten Hasardeure. Denn mit dem ökonomischen Crash werden auch die emotionalen Befindlichkeiten mit verdrängt. Wir befinden uns ja im Wien der Zwischenkriegszeit, und da ist jede und jeder am Verdrängen, und zwar immer jeweils auf Kosten der nächsten Generation. Der heruntergekommene Adel wie das Bürgertum brauchen Geld, um sich das teure Gesellschaftsspiel in der Stadt noch leisten zu können", erklärt Marelli.

Verlumptes System

"Und das ist der bittere und triste Teil dieser Geschichte. Denn beide Schwestern werden von ihren dekadenten Eltern gezwungen, Opfer für dieses verlumpte System zu bringen. Arabella wird zur Siegestrophäe degradiert, und Zdenka ihres Frauseins beraubt. Beide sind sich in der Bedingungslosigkeit ihres Liebens ähnlich. Beide träumen von wirklicher Hingabe und finden sozusagen 'Erlösung' - jede allerdings auf ihre Weise."

Obwohl der Regisseur hier wie sein eigener Dramaturg wirkt, ist für ihn klar, dass junge Menschen heutzutage nicht über den intellektuellen, sondern nur über den emotionalen Zugang in die Oper zu holen sind. "Klar ist die Kunstsprache Hofmannsthals nicht die Sprache unserer Kids heute. Da sind die Berührungsängste verständlicherweise groß. Aber wenn wir genügend Energie, Klugheit und Einfühlungsvermögen für die Jugend aufbringen, kann es uns gelingen, diese Hemmschwelle abzubauen." (Peter Stalder, DER STANDARD/Printausgabe, 09/10.02.2008)

  • Für Marco Arturo Marelli ist Arabella ein Märchen: "Cinderella und die Titelfigur sind verwandte Seelen."
    foto: oper graz

    Für Marco Arturo Marelli ist Arabella ein Märchen: "Cinderella und die Titelfigur sind verwandte Seelen."

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