"My Blueberry Nights": Versuch über die Chemie der Sehnsucht

17. Februar 2008, 18:22
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"My Blueberry Nights", der jüngste Film von Wong Kar-Wai, mit Norah Jones, eigentlich Musikerin, als solche Superstar und jetzt Schauspieldebütantin

Wien – Eine Lieblingsepisode aus dem Umfeld dieses Films: Norah Jones, eigentlich Musikerin, als solche Superstar und jetzt Schauspieldebütantin in Wong Kar-Wais My Blueberry Nights, soll sich bei Interviews rund um die Weltpremiere über Drehbedingungen beklagt haben. Bei den drei Tage währenden Arbeiten an einer Kussszene, die sie mit Jude Law an einem Bartresen vollführen sollte, habe ihr der Regisseur derartige Verrenkungen abverlangt, dass sie nachher lang unter einem steifen Nacken gelitten habe.

Nun kommt, wie einst schon Alfred Hitchcock – ebenfalls ausgehend von Kussszenen – behauptete, im Kino das, was am leichtesten und natürlichsten wirken soll, nicht selten unter den verquersten Verrenkungen, dem merkwürdigsten Aufwand zustande. Und natürlich ist besagte Szene in My Blueberry Nights eine der wahrhaft lyrischen, eine meisterliche Komposition an Ausleuchtung, Farbe, körperlicher Sinnlichkeit. Einem lange nicht eingelösten Begehren, das die beiden Protagonisten, einen romantischen Coffeeshop-Besitzer und seiner melancholischen Stammkundin, zuerst fast wie erfroren innehalten macht, schließlich die Frau auf eine längere Reise durch Amerika verfallen lässt, und gleichzeitig den Mann zu schmerzlichstem (oder vielleicht eher doch: köstlichem) Warten treibt.

Wie immer bei Wong Kar-Wai ist es auch hier nicht notwendig, mehr an "Inhalt" nachzuerzählen. Wie zuletzt etwa seine Meisterwerke In the Mood for Love und 2046 ist auch My Blueberry Nights weniger bestimmt durch Handlung(en) als durch sinnliche Reize und Erinnerungskonstruktionen.

Jukebox-Amerika

Welche Chemie kommt da ins Spiel, wenn einen ein Stück Blaubeerkuchen, sein Geschmack, seine Konsistenz vergangene Augenblicke ins Gedächtnis zurückruft? Welche Farben, Gerüche, Wetterstimmungen verbinden wir mit lange nicht gehörten Songs? Und, in diesem Fall ganz wesentlich: Was für ein "Amerika" beschwört ein aus Hongkong stammender Regisseur wie Wong Kar-Wai eigentlich, wenn er erstmals Gelegenheit hat, in den USA zu drehen? Eher ein Jukebox-Amerika oder Edward-Hopper-Amerika, außerhalb der Zeit und gleichzeitig ganz spezifisch mit Jugendassoziationen verbunden.

Das bringt uns durchaus wieder zu den Nackenproblemen von Norah Jones: Was den Regisseur da umtreibt bei seiner Bildwahl und seinen Verrenkungs-Leichtigkeiten, das scheinen sie und Jude Law nicht ganz verstanden zu haben. Anders als die fernöstlichen Stars von 2046 vermögen sie nicht mit der Kamera zu tanzen. Lediglich der grandiose David Strathairn führt in einer sehenswerten Episode als Eifersuchtsmörder vor, was das heißt: Sich als Kunstfigur und gleichzeitig ganz und gar präsent in den Tagtraumbildern des Wong Kar-Wai zu behaupten. (Claus Philipp, DER STANDARD/Printausgabe, 09/10.02.2008)

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    foto: imdb
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