Fundstück: Spiel nicht mit dem Nazischwein!

11. Februar 2008, 16:16
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Knud Romers "Wer blinzelt, hat Angst vor dem Tod"

Das Spiel mit Schein und Sein scheint en vogue zu sein in der Gegenwartsliteratur. Thomas Glavinic hat jüngst seinen Roman Das bin doch ich veröffentlicht, dessen Hauptfigur ein Autor namens Thomas Glavinic ist. Der 1960 geborene und im Ort Nykøbing auf der Insel Falster aufgewachsene dänische Werbefachmann Knud Romer Jørgensen legt ganz Ähnliches vor mit seiner als Roman auftretenden Familienbiografie. Romer, Sohn eines Dänen und einer Deutschen, gab nach einem Nervenzusammenbruch 2003 seinen Beruf auf und schrieb anschließend diesen Roman. Hauptfigur ist Knud, der 1960 geborene Sohn eines Dänen und einer Deutschen, der in Nykøbing aufwächst, sozial isoliert und buchstäblich umzingelt ist vom Hass auf alles Deutsche.

Ist das ein Werbegag Romers, der als Werber landesweit so bekannt war, dass er in einem Film Lars von Triers einen Werber mimen durfte? Oder unverstellte Autobiografie, die folgerichtig einen literarischen Skandal auslöste? Preisgekrönt und ein Bestseller in Dänemark, ist dies aber, noch immer, ein "Roman". Und ähnlich dem Buch Hundsköpfe seines Landsmannes Morten Ramsland eines, das überreich ist an Skurrilem und Berührendem, so wenn er vom Spießrutenlaufen Knuds innerhalb und außerhalb der Schule erzählt, von emotionalen Misshandlungen und seinen Großeltern, von denen jeder auf seine Weise am Leben zerbrach. Wie Knud Romer am Ende das Sterben seiner Mutter schildert, die zwischen klarer Erinnerung und bösem Herumkommandieren, zwischen kindlichem Erinnern und herrischer Geste pendelt, wie er ihren Tod und die Reaktion seines hinfälligen Vaters emotional kaum schultern kann, das ist wirklich herzzerreißend. Und jenseits aller Artistik. (Alexander Kluy, ALBUM/DER STANDARD, 09./10.02.2008)

Knud Romer, "Wer blinzelt, hat Angst vor dem Tod". Deutsch von Ulrich Sonnenberg. € 17,30/169 Seiten. Insel, Frankfurt/Main 2007.
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