Literatur führt, die Politik folgt

11. Februar 2008, 16:16
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Alessandro Bariccos neuer Roman "Diese Geschichte" ist ein fantastisches Märchen über den Einbruch der Moderne und den Traum vom Automobil

Zwei italienische Autoren veröffentlichten 2005 politisch bewegte Romane, die sich in Folge den Status des meistverkauften Buches zu teilen hatten. Und obschon einem das unter anderen Umständen absonderlich vorkommen würde, führte das zu ausführlichen Vergleichen zwischen dem "Veltroniano" Alessandro Baricco und dem "Fascista" Pietrangelo Buttafuoco, Aldo Cazzullo rief im Corriere della Sera sogar den "Wettkampf" ihrer Bücher aus.

Der rechte sizilianische Polemiker und Journalist Buttafuoco schreibt über eine Spionin Hitlers und ihre titelgebende Mission Le uova del drago. Baricco, der politisch linke, aus Turin gebürtige, mitunter als zu kunstgewerblich geleitet kritisierte Schriftsteller, erzählt in seinem bescheiden mit Questa storia (Diese Geschichte) benannten Roman (auch) über die Schlacht von Caporetto. Vor jeder inhaltlichen Kritik stand in den italienischen Medien das Phänomen, dass Buttafuoco Lob auch von der Linken erhielt, und zeitgleich Baricco unerwartete Wertschätzung von der Rechten erfuhr. Baricco, der Questa storia als erstes Buch beim Verlag Fandango veröffentlichte, und zwar mit gleich vier unterschiedlichen Buchcovern des Künstlers Gianluigi Toccafondo, habe sich nun zu einem wahrhaftigen Dichter entwickelt, schrieb sogar die Berlusconi-freundliche Zeitung Libero. Wie bei Einaudi theorisiert wurde: Die Literatur führt an, die Politik folgt. Baricco sei es jedenfalls, und das schreibt Cazzullo im Corriere, gelungen, eine Art Ilias, unter Weglassung des Olymps, neu zu erzählen und den Krieg in einer absolut humanen Dimension wiederzugeben.

Schleichender Wahnsinn

Dabei machen die Erinnerungen an Caporetto lediglich ein, allerdings sehr intensives und bedrängendes Kapitel des mit mehr als 300 Seiten für Baricco ungewöhnlich langen Romans aus. Bedrängend, weil sich die schemenhaften Erinnerungen an einzelne Kriegsepisoden im Herbst des Jahres 1917 wie schwerer Nebel über Unebenheiten der Fantasie breiten und alle ihre Schlupflöcher ausfüllen: "Es war, als hätte eine Art Rausch allen das Hirn verdreht. Wenn Sie diesen schleichenden Wahnsinn nicht verstehen, können Sie gar nichts verstehen. Es war irreal, alles war irreal. Wir kamen auf einem kleinen Platz an, der voll italienischer Soldaten war, doch sie saßen alle nur da (...) und das Verrückte ist, dass weit und breit nicht ein Österreicher zu sehen war. Sie hatten das getan, was man beim Holzsammeln tut, sie hatten die Männer wie Reisigbündel zusammengefasst und dort gelassen, um später zurückzukommen, wenn sie Zeit hatten", erzählt darin Ultimo über italienische Soldaten, die wie gelähmt in Udine das Schicksal abwarten, das die Österreicher ihnen zuschreiben würden.

Dabei ist Diese Geschichte keinesfalls ein Kriegsroman, schon gar nicht eine Chronik oder ein Statement. In Form einer fast mystischen Familiensaga erzählt Baricco über den Einbruch der Moderne in die bäuerliche Welt des nördlichen Italiens, zugleich eine fädige Epik über das faszinierende Wunder des Automobils. Libero Parri ist von dieser Faszination ergriffen. Knapp nach der Jahrhundertwende gibt er seinen Hof im Piemont auf und eröffnet eine Autowerkstatt – die einzige im Umkreis von dreihundert Kilometern.

Schnelle Autos, ruhelose Zeit

Die rasende Entwicklung der Autos, die wahnsinnige Geschwindigkeit, die etwa beim wilden Autorennen "Mille Miglia" so rasch erreicht wurde und flächendeckend ungestüme, himmelschreiende Begeisterung auslöste: Eine Metapher für die sich überschlagende, lebendige Eile und Unruhe, von der Italien in dieser Zeit ergriffen war, wird von Baricco nur zu treffend eingesetzt. Die "Mille Miglia", das erste öffentliche Straßenrennen, wurde auf 1600 Kilometern italienischem Boden ab 1927 abgehalten und brachte das Automobil ins ganze Land – wenige Jahre davor wurde Libero Parri noch prophezeit, er werde das Ankommen der Autos nicht mehr erleben. Es ist wohl auch kein Zufall, dass dieser heldenhafte Visionär Libero denselben Namen trägt wie Ferruccio Parri, jener ehemalige Partisanenführer, der nach der Befreiung von den Faschisten im April 1945 als Ministerpräsident eine nationale Einheitsregierung zu etablieren versuchte.

In zweiter Generation wird der Sohn, Ultimo, dessen Leben die Zeitspanne des Geschehens ausmacht, Liberos Leidenschaft weiterleben. Ultimo, ein sonderbar strahlendes Kind, von dem die Leute bald sagen, er habe den "goldenen Schatten", entwickelt, vom Vorkriegsrennen Paris–Madrid und der "Mille Miglia" geprägt, früh die Idee einer perfekten Rennstrecke, die nicht nur – eine Novität – in sich geschlossen sein soll, sondern in exakt 18 Kurven sein Leben beschreiben soll. "Manche Menschen leben ihr ganzes Leben nur für einen einzigen Moment", sagt Elizaveta Jahrzehnte später – jene "Prinzessin", in die Ultimo sich nach dem Ersten Weltkrieg verliebt, als die beiden auf einem Kleinlaster mit Klavieren durch die USA tingeln, um im Auftrag von Steinway den Amerikanern Musik in die Salons zu bringen, und die Diese Geschichte romantisch beschließen wird. Der eigentliche Held, Ultimo, wird, und das ist eine schöne Spielweise, in den siebzig Jahren seiner Geschichte nie direkt greifbar, tritt dafür aber umso klarer aus den Erzählnebeln hervor.

Baricco, der in den frühen Neunzigerjahren mit einem TV-Literaturmagazin populär wurde, war in seinem Schreiben seit jeher ein äußerst sensibler Zeitgeistkünstler, der seine stilistische Anpassungsfähigkeit von Roman zu Roman weitertreibt und entwickelt. Auch in seinem neuen Roman inszeniert er geschickt Erzählstrategien zu einem versponnenen, traumhaft stimmungsvollen Zeitbild. Nach kühleren Erzählungen (zuletzt City und Ohne Blut) schrieb Baricco mit Diese Geschichte nun eine Meisterversion jener Form, die ihn mit Land aus Glas, Oceano Mare oder Novecento berühmt gemacht hat: das poetische Märchen. (Isabella Hager, ALBUM/DER STANDARD, 09./10.02.2008)

Alessandro Baricco, "Diese Geschichte". Aus dem Italienischen von Annette Kopetzki.€ 19,90/308 Seiten. Hanser, München 2008.
  • Artikelbild
    cover: hanser
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