der schönste Tag der Woche: Steiler Zahn – Ruhe in Frieden!

12. Februar 2008, 12:23
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Anlässlich des "Welttags der Feuchtgebiete", konnte man in einigen Zeitungen Slogans wie "Rettet die Sümpfe" lesen

Anlässlich des "Welttags der Feuchtgebiete", den Sie am vergangenen Samstag hoffentlich gebührend gefeiert haben, konnte man in einigen Zeitungen Slogans wie "Rettet die Sümpfe" oder "Schützt unsere Frösche" lesen. Auch wenn ich die Sorge um gefährdete Moor- und Matschlandschaften teile, sollten wir nicht vergessen, dass auch unsere Sprache in Bedrängnis geraten ist. Aus diesem Grund hat die "Gesellschaft für bedrohte Wörter" eine "Rote Liste" mit jenen Wörtern veröffentlicht, gegen deren Verschwinden Sie und ich dadurch ankämpfen sollen, indem wir diese im Alltag möglichst häufig verwenden. Na gut, dachte ich mir, integriere ich einige dieser Wörter in meinen Sprachschatz. Das kam dabei heraus: "Ein Pomadenhengst und ein Schrammhans sitzen in einer Diskothek, in der ein Schallplattenalleinunterhalter Platten auflegt, und reden über das Waldsterben. Dabei verspeisen sie ihre Sättigungsbeilage und beobachten die Frischfleischparade auf der Tanzfläche, wobei es ihnen besonders eine Duttengretel mit Betonfrisur und ein steiler Zahn mit Atombusen angetan hat." Ich weiß nicht, ob ich hier etwas missverstanden habe, aber bei all diesen Wörtern kann man doch nur sagen: Ruhet in Frieden!

Ein Wort, das zum Glück noch nicht auf der Liste der bedrohten Wörter steht, ist Ernteausfall. Dieses schöne Substantiv hörte ich dieser Tage aus dem Mund des Tragöden Harald Krassnitzer. Die Szene war stark genug, um sich in mein Kurzzeitgedächtnis einzuprägen: außen, Tag, Weinberg. Krassnitzer betrachtet nachdenklich ein paar vertrocknete Trauben, schaut einer jungen Dame tief in die Augen und seufzt: "70 Prozent Ernteausfall beim Chardonnay." Alles halb so schlimm, Herr Krassnitzer. Machen Sie es wie die australischen Weinproduzenten: Die schmeißen alles in ihre riesigen Tankkessel – selbst, wenn es ein totes Känguruh ist. Deshalb nennt das Weingut Kingston im Barossa Valley einen seiner Chardonnays auch "Wildlife", der wie folgt beworben wird: "In diesem Wein findet unsere Liebe für die australische Tierwelt ihren Ausdruck – deren Einzigartigkeit, Fülle und Fähigkeit, in einer harschen Umwelt zu bestehen. Dementsprechend bietet dieser Chardonnay einen einzigartigen Charakter und geschmackliche Fülle, mit einem lebhaft-frischen Bukett tropischer Früchte zum sofortigen Genuss." Der Hinweis auf den "sofortigen Genuss" ist wichtig, weil dieser Wein nach einem Jahr höchstwahrscheinlich nur noch als Putzmittel zu gebrauchen wäre. Oder als Spezialität beim Opernball, der heute vor 52 Jahren zum ersten Mal stattgefunden hat und dessen Besucher bekanntlich einen Saumagen haben müssen, womit wir doch wieder bei den bedrohten Wörtern gelandet wären. (Kurt Palm, ALBUM/DER STANDARD, 09./10.02.2008)

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