"Bombenangst": Die Geister wieder loswerden

20. Februar 2008, 13:34
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Wie viele Minuten vor zwölf steht der Zeiger auf der Atomuhr? Darüber scheinen sich auch die Experten nicht ganz einig zu sein

Geschätzte 27.000 Nuklearwaffen gibt es heute auf der Welt. Das ist eine schlechte Nachricht, deren gute Seite jedoch ist, dass es im Jahr 1986 65.000 waren. Vom Ende des Ost-West-Konflikts konnte man sich in dieser Beziehung dennoch mehr erwarten. Zwar beginnt auch Jason Epstein seine Rezension von Joseph Cirinciones Bomb Scare (Bombenangst), um das es hier gehen wird, in The New York Review of Books mit dem Zitat von Robert McNamara, aber es ist zu spannend, um es deshalb auszulassen: "Geisteskrank" sei die Nuklearpolitik der USA und der Nato, sagte der frühere Pentagonchef (1961–1968) bei einer Podiumsdiskussion im November 2005, "illegal, unmoralisch, militärisch unnötig und mit zerstörerischer Wirkung auf das Nichtverbreitungsregime". Was in den 1990er-Jahren an Abrüstungschancen versäumt wurde, wird in den 2000ern noch zelebriert.

Robert McNamara, der kalte Krieger, ein Bekehrter, der zu seiner Zeit als wichtigstes US-Abschreckungsinstrument die "Assured Destruction" propagierte, die Fähigkeit, bei einem sowjetischen Angriff 25 Prozent der sowjetischen Bevölkerung und 50 Prozent der sowjetischen Infrastruktur sofort zu vernichten (es dauerte nicht lange, dann wurde die Mutual Assured Destruction, MAD, die gegenseitige sichere Zerstörung, daraus). Immerhin hat er jedoch damals schon die Wünsche von US-Militärs, die nach der Kubakrise einen Bedarf von 10.000 Minuteman ICBMs (interkontinentale ballistische Raketen, die mit Nuklearsprengköpfen bewaffnet sind) anmeldeten, auf "nur" 1000 heruntergedrückt.

Für Joseph Cirincione sind die Militärs (oder fairerweise: gewisse militärische Kreise) der zweite der "drei nuklearen Musketiere", die die Hauptrolle bei nuklearen Entscheidungen eines Staates spielen: scientists, soldiers, state leaders (Wissenschafter, Soldaten, Politiker). Cirinciones Spiel mit einer Alliteration ist hoffentlich kein zu plumpes Beispiel, um zu illustrieren, was er mit seinem Text von 150 Seiten (exklusive Fußnoten und Index) versucht und schafft: ein hochkomplexes, hochumstrittenes Thema so aufzubereiten, dass auch der Nichtfachmann weiß, was er gelesen hat, wenn er das Buch wieder zuschlägt. Dazu gehören manchmal solche sympathischen Eselsbrücken.

Niemand wird deswegen Cirinciones Ernsthaftigkeit anzweifeln oder die seines Buches. Der langjährige Direktor für Non-Proliferation am Carnegie Endowment for International Peace, heute Vizepräsident für Nationale Sicherheit am Center vor American Progress in Washington (alle seine anderen Positionen aufzuzählen, geht hier zu weit), ist einer der namhaften Massenvernichtungswaffenexperten der Welt. Die Ruhe und der Pragmatismus – und manchmal auch der Witz –, die er selbst persönlich ausstrahlt, zeichnen auch sein Buch aus. Eine Wohltat in hysterischen Zeiten.

ABC der Atomwaffen >>> ABC der Atomwaffen

150 Seiten also zur "Vergangenheit und Zukunft von Atomwaffen", wie der Untertitel von Bomb Scare heißt, ein Thema, zu dem zehntausende Buchseiten geschrieben wurden. Es ist kaum zu glauben, aber es geht sich dabei sogar noch ein A-B-C des Atomwaffenbaus aus, nach dessen Lektüre auch der Physikresistenteste den einfachsten Unterschied zwischen Uran- und Plutoniumbombe verstehen wird. Das Kapitel "Building the Bomb" (Bombenbau) hat 13 Seiten, die Geschichte der ersten Atomwaffen inklusive.

Was daraus erwuchs – der Versuch, die Technologie als US-Eigentum für andere unzugänglich zu halten, und das Scheitern dieses Versuchs – nimmt die nächsten zwei Kapitel in Anspruch ("Controlling the Bomb" und "Racing with the Bomb", Kontrolle und Wettlauf). Auf die USA folgten bekanntlich als Atomwaffenstaaten die Sowjetunion (1949), Großbritannien (1952), Frankreich (1960) und China (1964), letzterer unter reuigen Flüchen Moskaus, das sich vor dem Bruch mit Peking beim Transfer von Nukleartechnologie nicht lumpen ließ. Mit der Internationalen Atomenergiebehörde (IAEO) 1957 und dem Atomwaffensperrvertrag (NPT, Non-Proliferation Treaty) 1970 wurden Institutionen und Instrumente geschaffen, mit denen die gerufenen Geister kontrolliert werden sollten: Nuklear-Technologie um den Preis von Inspektionen (IAEO) und Recht auf Technologie um den Preis von Atomwaffenverzicht (NPT).

Bisher nur für Klubmitglieder

Man kann dem NPT ein durchaus gemischtes Zeugnis ausstellen – einen absoluten Schutz vor Schwindlern bietet er nicht, aber daran wird mit einer ständigen Entwicklung der Inspektionen gearbeitet. Allgemeiner Konsens ist jedoch, dass es ohne ihn heute wesentlich mehr Atomwaffenstaaten geben würde. Die Atomwaffenbesitzer Israel, Indien, Pakistan haben den NPT nie unterzeichnet, Nordkorea ist ausgetreten. Wenn die USA (und Frankreich stellt sich auch schon an) jetzt mit Indien im zivilen Atombereich zu kooperieren beginnen, dann durchbrechen sie ein für sakrosankt gehaltenes Grundprinzip des NPT: nukleare Goodies nur für Klubmitglieder.

Cirincione beschäftigt sich relativ ausführlich und in seiner klaren, übersichtlichen Weise mit der Frage, was Staaten veranlasst, sich Atomwaffen zulegen oder darauf zu verzichten – und arbeitet gut das Paradoxon heraus, dass die fünf Pros (Gründe) gleich sind wie die fünf Kontras (Barrieren): "Sicherheit, Prestige, Innenpolitik, Technologie und Wirtschaft". Und eine gelungene Sicherheitspolitik des 21. Jahrhunderts müsste wohl darin bestehen, es Staaten leichter zu machen, sich aus den genannten fünf Gründen gegen Atomwaffen zu entscheiden.

Mit der Frage "Warum beschreitet ein Staat nicht den nuklearen Weg?" beschäftigt sich das bereits 2004 erschienene "The Nuclear Tipping Point" (Der nukleare Wendepunkt), herausgegeben von drei bekannten US-Thinktanker, wobei einer von ihnen, Robert Einhorn, unter Präsident Bill Clinton Staatssekretär für Nonproliferation im US-Außenministerium war. Gerade an den acht präsentierten Fallstudien über die Nichtatomwaffenstaaten Ägypten, Deutschland, Japan, Saudi-Arabien, Südkorea, Syrien, Taiwan und Türkei lässt sich ablesen, wie dünn die Linien sind, die ein Land überschreitet oder auch nicht – etliche dieser Länder hatten ihre Optionen sorgfältig erwogen. An den "Kalkulationen", die bei der Entscheidung zum Nein angestellt werden, sollte man sicherheitspolitisch anknüpfen. Aber das ist leichter gesagt als getan, nicht nur wegen der Wild Cards (Stichwort Iran) in der Atomszene, sondern eben auch wegen der eingefahrenen Sicherheitsbegriffe derer, die bereits Atomwaffen haben.

Nach dem Sicherheitsimperativ, der à la Thomas Hobbes "Mensch gegen Menschen" sieht, war es klar, dass nach den USA deren Rivalen sich ebenfalls Atomwaffen zulegen würden. Nach eigener Aussage schlug die Stunde für Indien mit Chinas Eintritt in den Waffenklub. Es folgte Pakistan.
Aber auch konventionelle Bedrohungen wurden mit Nuklearbewaffnung beantwortet, wie von Israel und Südafrika, letzterer bisher der einzige Staat, der ein ausgewachsenes Waffenprogramm mit bereits existenten Waffen abgewickelt hat (bei den Nachfolgestaaten der Sowjetunion, auf deren Territorium sich sowjetische Waffen befanden, liegt die Sache doch etwas anders).

Argument "Prestige" mit zwei Seiten >>> Auch Staaten, die "außerhalb des Zentrums des internationalen Systems" liegen, sind anfällig für Atomwaffen, das klarste jüngere Beispiel der Iran. Allerdings könnte der Iran genau unter dem Sicherheitstitel auch einen anderen Weg einschlagen. Wenn ein Staat zu viel Macht in die Hände bekommt, so dass sich andere dadurch bedroht fühlen – das eklatante Beispiel des iranischen Angriffsszenarios auf Israel –, dann trägt der scheinbare Zuwachs an Macht de facto zur Unsicherheit des Staates bei.
Genauso hat das Argument "Prestige" zwei Seiten. Cirincione sieht die französische Atombewaffnung fast ausschließlich in diesem Licht (er zitiert dabei Scott D. Sagan) – denn das Argument, dass die amerikanischen nuklearen Garantien nicht a priori als ausreichend erschienen, traf auch auf andere europäische Staaten zu, die doch eine andere Wahl trafen. Die Bombe war Charles de Gaulles Ticket zur internationalen Größe und platzierte Frankreich wieder dort, wo es nach dessen Ansicht hingehörte, unter die großen Mächte. Auch der britische Premierminister Harold Macmillan argumentierte, dass "Länder, die in der Geschichte eine große Rolle gespielt haben, ihre Würde behalten müssen".

Da spielt natürlich auch Punkt Nummer drei, die Innenpolitik, herein – und es ist in diesem Licht fast erstaunlich, dass die überwältigende Zahl der Staaten der Welt Atomwaffen eben nicht für wesentlich halten für ihre nationale Identität oder ihren Platz in der Welt. Aber solange die Atomwaffenstaaten selbst ihre Waffen nicht als "historischen Unfall" (IAEO-Generaldirektor Mohamed ElBaradei) betrachten, werden sie eine Sicherheits- und Prestigeoption auch für andere bleiben.
Interessant ist auch das Technologie-Argument, auf der Pro-Seite eine Art von technologischer Determinismus: Was der Mensch machen kann, muss er machen – auch weil er weiß, dass es sonst ein anderer versucht (das Beispiel der H-Bombe in den USA). Das gilt für Neues, aber man könnte ergänzen, dass es in Schwellenländern wie dem Iran das "Können" von dem ist, was schon andere können, das bewiesen werden muss – zumal mit einem Atomwaffenstaat Pakistan als Nachbarn, dem gegenüber man sich kulturell überlegen fühlt.

Wie viel Knall pro Dollar >>> Wie viel Knall pro Dollar

Die technologischen und wirtschaftlichen Barrieren brauchen weiter nicht diskutiert werden, Atomwaffen sind schwer zu erlangen und teuer. Die ökonomischen Argumente für eine Atombewaffnung, die nur von Lobbyisten vorgetragen werden, sind vergleichsweise primitiv: "a bigger bang for a buck" (ein lauterer Knall pro Dollar).
Cirincione diskutiert dann noch den Zustand der "nuklearen Welt" von heute, die neue US-Politik, und schließt mit einem Trostkapitel über die "good news" über Proliferation – dass die Arsenale weiter schrumpfen ab, plus Lösungsansätze für die brennenden Fragen Nuklearterrorismus, unsicher aufbewahrtes Atommaterial (aus dem Bomben werden können) und mögliche neue Atomwaffenstaaten.

Schlechter – oder gar besser?

Ob es wirklich so eine Katastrophe ist, wenn neue dazukommen, diese Debatte haben schon Mitte der 1990er-Jahre Scott D. Sagan (Stanford University) und Kenneth N. Waltz (Columbia) geführt. Ihr The Spread of Nuclear Weapons wurde 2003 ergänzt, mit dem Untertitel "A Debate Renewed" (eine wiederaufgenommene Debatte), neu aufgelegt.
Zwar hat sich auch seither einiges getan (Iran, Nordkorea, Libyen), aber die grundsätzliche Debatte der beiden Kontrahenten hat nichts an Frische verloren: Waltz argumentiert "More may be better" (Mehr könnte besser sein), Sagan "More will be worse" (Mehr wird schlimmer), mit einer zweiten Runde, wo der eine jeweils auf die Argumente des anderen antwortet. Unter anderem – aber das ist wirklich nur eines der Argumente – wirft Waltz den Atom-Apokalyptikern, jenen, die die Katastrophe ausbrechen sehen, sollte der nukleare Klub wachsen, einen imperialistischen Blick vor – die zweite und dritte Welt sei, selbst wenn sie wollten, unfähig, das Abschreckungsspiel so zu spielen, dass nichts passiert.

Zu den unsicheren Kandidaten unter den existierenden nuklearen "Haves" (im Gegensatz zu den "Have nots", den nuklearen Habenichtsen) zählt Sagan wenig überraschend Pakistan – wobei sich das Land nicht nur als Besitzer von Atomwaffen, sondern vor einigen Jahren auch als "Proliferant", Verbreiter, herausgestellt hat. Wenngleich der nukleare Bauchladen, aus dem die geheimen Programme in Nordkorea, Iran und Libyen Technologie bedient wurden, von einem "Privaten" betrieben wurde, A. Q. Khan, dem "Vater der pakistanischen Atombombe".

Gordon Corera, Sicherheitskorrespondent von BBC News, hat dem Thema sein Shopping for Bombs gewidmet, mit dem Untertitel (übersetzt) "Nukleare Verbreitung, globale Unsicherheit und der Aufstieg und Fall des Khan-Netzwerks". Das Buch ist gründlich recherchiert und gut lesbar – doch Achtung, es könnte den optimistischen Endton, den man von Cirincione mitgenommen hat, wieder zerstreuen. Letztlich bleibt also doch wieder die "Bombenangst". (Gudrun Harrer/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 9./10.2.2008)
Joseph Cirincione
Bomb Scare. The History & Future of Nuclear Weapons
€ 21,90/206 Seiten. Columbia University Press NY 2007.
  • Solange die Atomstaaten ihre Waffen nicht als "Unfall der Geschichte" betrachten, bleiben sie auch für andere Länder eine Sicherheits- und Prestigeoption.
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    Solange die Atomstaaten ihre Waffen nicht als "Unfall der Geschichte" betrachten, bleiben sie auch für andere Länder eine Sicherheits- und Prestigeoption.

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