"Training ist eine Hygienemaßnahme"

8. Februar 2008, 16:17
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Die Angebotspalette ist riesig - doch was ist im Fitnesscenter wirk­lich empfehlens­wert? Der Autor des Fitness Guide 2008 im Interview

derStandard.at: Es gibt eine unglaubliche Menge an Angeboten. Welche Trainings sind sportmedizinisch empfehlenswert?

Tschiltsch: Da ist meine Antwort weder medizinisch noch sportwissenschaftlich, sondern ganz einfach: Jeder muss sich selbst darüber bewusst werden, was ihm gefällt. Denn trotz einer breiten Palette an Angeboten macht Mann/Frau nur das, was empfohlen wird. Von der Freundin, vom Trainer. Ohne auf sich selbst einzugehen. Das von außen aufoktruierte "muss", wie "du muss Yoga machen, du musst zur Rückengymnastik gehen…"das funktioniert nicht. Deshalb haben Fitness Center auch eine hohe Dropout Rate.

derStandard.at: Oder anders gesagt: Wie merkt man, was gut tut?

Tschiltsch: Zur Gesunderhaltung ist es ganz egal, was ich mache. Hauptsache ich mache etwas. Und ohne Spaßfaktor geht gar nichts. Auch Matthias Horx sagt, dass der "Selfness" Bereich im Kommen ist. Das heißt, der Mensch ist nicht mehr mit allem einverstanden was von außen kommt.

derStandard.at: Wie hoch sind die Dropoutraten?

Tschiltsch: Es lässt sich nicht nachforschen, da die Evaluierung im Fitnesscenter hausintern passiert. Aber ich schätze, dass jeder Zweite innerhalb eines Jahres wieder aufhört.

derStandard.at: Was halten Sie von Hometraining Geräten ?

Tschiltsch: Diese Geräte sind mit den High-Tech- Fitnessgeräten eines Studios nicht zu vergleichen. Das wäre der Vergleich einer Schubkarre zur Mercedes S-Klasse. Das heißt, dass das Eine nichts mit dem Anderen zu tun hat. Damit ist aber nicht die Lebensdauer des Gerätes gemeint, sondern die Bewegungsamplitude oder die Ergonometrie. Denn das funktioniert bei den allerwenigsten Geräten.

derStandard.at: Wie erkennt man den Unterschied?

Tschiltsch: Geräte, die nach ergonomischen Richtlinien geplant wurden, haben eine ganz andere Dimension. Die haben in keiner Wohnung Platz. Die kleinen Dimensionen im Homebereich gehen auf Kosten der gesamten Bewegungsausführung. Und dann kommt noch etwas dazu: Irgendwann dient der Fahrradergometer höchstens noch zum Aufhängen der nassen Hemden. Weil der Spaß nachlässt.

derStandard.at: Kann man zu Hause Bewegungsabläufe falsch eintrainieren?

Tschiltsch: Ja. Man kann mehr kaputt machen, als es nützt. Es bedarf eines geschulten Trainerauges, um Fehlhaltungen und Fehlstellungen aller Gelenke zu korrigieren. Kraftsport ist ein Sport, den man erlernen muss, wie jede andere Sportart auch. Sonst ist er kontraproduktiv. Auch beim Ausdauertraining am Fahrradergometer kann eine falsche Sitzeinstellung oder Lenkerhöhe dem Körper schaden.

derStandard.at: Wann ist die beste Trainingszeit?

Tschiltsch: Fitnesstraining ist ein Ganzjahrestraining. Das ist auch gleichzeitig mein Appell: Man muss das wie eine Hygienemaßnahme sehen, die der Funktionserhaltung des gesamten Muskelsystems dient. Von den Nackenmuskeln über den Beckenboden bis in die Zehen.

derStandard.at: Gibt es in den letzten Jahren klare Trends?

Tschiltsch: Man muss ehrlich sagen, den "big bang" wie der Laufboom in den 1990ern, den gibt es nicht. Aber ein Trend ist sicherlich, dass vor allem zwei Altersgruppen mehr Fitnesssport betreiben. Das sind 16 bis 25-Jährige. Das Phänomen der fitnessbewussten Studenten und Schüler hat es vor ein paar Jahren noch nicht gegeben. Und die zweite Gruppe ist die Generation 60 plus.

derStandard.at: Welche Angebote locken Jugendliche?

Tschiltsch: Junge Menschen gehen nicht nur zur Ertüchtigung ins Fitnesscenter. Da spielt auch der Aufrissfaktor eine Rolle, der ergibt sich wie von selbst. Zusätzlich nehmen genderspezifische Angebote zu. Man weiß einfach, dass Frauen lieber in ein Gruppentraining gehen, als sich auf eine Kraftmaschine zu setzen. Die Trendforschung belegt, dass asiatisch angehauchte Inhalte gut bei Frauen ankommen, wie Elemente aus Yoga, Qi Gong oder Shiatsu.

derStandard.at: Und wo ist der Mann im Fitnesscenter zu finden?

Tschiltsch: Mann geht auf das Laufband. Mann geht auch auf den Crosswalker. Klassisch ist er im Freihantelbereich und auf den High-Tech-Kraftgeräten. Vom Grouptraining kommen immer öfter martialische Inhalte. Da werden zum Beispiel Kung Fu Elemente in einen Rhythmus zur Musik gebracht. Damit spricht man mittlerweile auch Männer an. Genauso mit high-impact Boxen, im Sinne eines militärischen Drills. (nia)

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  • Bernd Tschiltsch, Autor des Fitness Guide 2008
    foto: pressefotos.at/thomas preiss

    Bernd Tschiltsch, Autor des Fitness Guide 2008

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