Das "Werden der japanischen Großstadt" in Wien

14. Februar 2008, 16:09
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"Nagoya" - eine umfangreiche Ausstellung zu Traditionellem und Alltagsmodernem im Wien Museum

Wien - Er hat den Kopf eines Tigers und den Körper eines Karpfens, im Volksmund wird er aber liebevoll als Delfin bezeichnet: Der Shachi, ein goldenes Fabeltier, das über die Jahrhunderte zum Symbol der japanischen Stadt Nagoya wurde, ziert in seiner Heimat sowohl Burgtor wie Kanaldeckel, ist als Souvenir in jeder erdenklichen Form zu kaufen und nun auch im Wien Museum Karlsplatz mannigfach vertreten.

Bei der Ausstellung "Nagoya - das Werden der japanischen Großstadt", die bis zum 4. Mai zu sehen ist, präsentiert sich der Shachi "als konstantes Symbol über 400 Jahre Wandel", wie Direktor Wolfgang Kos bei der Presseführung am Mittwoch betonte.

Einmal reiste sogar der originale Shachi von der Burg in Nagoya nach Wien, bei seinem einzigen und großen Ausflug zur Weltausstellung 1873. "Seitdem besteht ein reger Austausch zwischen Wien und Nagoya", erzählte Hiroshi Okada, der Direktor des Nagoya City Museums, mit dem das Wien Museum nun bereits die vierte Ausstellung - zwei davon in Japan - zeigt.

"Running Shachi"- Souvenirlaufband

Bisher ging es in diesen, wie in vielen anderen Japan-Schauen eher um traditionelle Themen wie die Samurais, die Teekultur oder den Schwertkampf. Preziosen aus der Edo-Zeit des 17. Jahrhunderts, wie wertvolle Wandschirme oder Ritterrüstungen, finden sich auch hier. Sukzessive schreitet die Ausstellung aber in der Stadtgeschichte fort und widmet sich mit Müllsäcken, Videos aus Pachinko-Spielhallen oder einem "Running Shachi"- Souvenirlaufband vor allem der modernen Vermischung von Traditionellem und westlichen Einflüssen in einer Wirtschafts- und Industriemetropole.

Zumindest Teile des Original-Shachi sind nach 135 Jahren nach Wien zurückgekehrt - einige seiner goldenen Schuppen, die bei der Bombardierung der Burg von Nagoya im zweiten Weltkrieg explosionsartig verstreut wurden, zeugen von den Zerstörungen des Krieges, dem ein systematischer und musterhaft genau geplanter Wiederaufbau der Stadt folgte. Als urbanes Geflecht steht Nagoya beispielhaft für die rasche und effektive japanische Stadtentwicklung. In Nagoya selbst leben nur knapp über zwei Millionen Menschen, die Stadt ist aber eingebunden in ein vollständig urbanisiertes Gebiet, das etwa viermal so viele Einwohner beherbergt. "Die Stadt ist nicht langsam aus einem kleinen Dorf entstanden", erzählte Kos, "sie wurde vor 400 Jahren als Residenzstadt gegründet, in der zehntausende Samurai lebten."

Heute ist sie die viertgrößte Stadt Japans, die vor allem durch Konzerne wie Toyota oder Brother wirtschaftliche Bedeutung hat und als Hauptstadt des Umweltschutzes gilt. "Es ist unglaublich, wie viele Arten von Karton jeder bei der Mülltrennung unterscheiden muss", berichtete Kos. Passend zeigen Fotografien des japanischen Künstlers Eiji Ina Mülllandschaften aus ganz Japan. Sie, sowie die Arbeiten von Edgar Honetschläger, der 2005 Nagoya-Hühner als Models für seine "Chicken Suits" einsetzte, stellen die kleine zeitgenössische "Kunst-Schiene" der Themenschau dar. Und auch hier taucht er immer wieder auf, der "goldene Delfin", als Plüschtier oder Keramik-Souvenir, das auf einem Sushi-Laufband aus der Ausstellung geleitet. (APA)

  • Shinsui Ito (1898–1972): "Uhr und Schönheit" 1920/30 (Ausschnitt)
    foto: wien museum/ nagoya city museum

    Shinsui Ito (1898–1972): "Uhr und Schönheit" 1920/30 (Ausschnitt)

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