Bader, Medicus und Weise Frau. Wege und Erfolge der mittelalterlichen Heilkunst

30. Mai 2001, 16:59
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Die Ars Vivendi des Mittelalters setzte ganzheitlich beim täglichen Leben und nicht erst im Krankheitsfall ein, zeigt Wolfgang Reddig

Wer einsteigt in die Welt dieses Buches gerät alsbald - und das nicht nur wegen der vielen faszinierenden Bilder - in den Sog des Themas. Ars vivendi - die mittelalterliche Heilkunde - setzte ganzheitlich beim täglichen Leben und nicht erst im Krankheitsfall ein. Entgegen der heutigen Praxis fand die Untersuchung des Patienten meist in dessen eigener Wohnung, in Anwesenheit seiner Familie statt. Durch den Arzt und das Medikament erwartete man schnellen Heilerfolg. Blieb die Genesung aus, wandte man sich, über Standesgrenzen hinweg, anderen Heilkundigen zu.

Mental starken Einfluss hatte zum Beispiel die Pest. Die Heilkunst, obzwar zunehmend medizinisch, stand diesen Seuchen hilflos gegenüber. Die unheilvolle Konstellation der großen Gestirne machte man u.a. auch für die Syphilis verantwortlich. Bei all diesen Seuchen war und blieb die wirkungsvollste Reaktion die Flucht, weiß der Autor, ein promovierter Historiker, zu berichten. Dies klingt in all seiner Tragik komisch, doch all die Wunderwaffen von heute waren eben noch nicht erfunden. Wobei sich dennoch die Frage stellt, ob wir Menschen des 21. Jahrhunderts mit all den Errungenschaften von Wissenschaft und Technik den Menschen des Mittelalters gar so haushoch überlegen sind! Wenn wir lesen, dass die Menschen des Mittelalters die achthundert gründlichen Beschreibungen medizinischer Nutzpflanzen des Pedanios Dioskurides, der unter den Kaisern Nero und Vespasian gedient hatte, durch zweihundert tierische und mineralische Produkte, auf eintausend Heilmittel ergänzten, welche grundlegend waren für die materia medica, so klimgt das sehr bekannt. Zu den beschriebenen Pflanzen zählten u.a. die Kamille, der Enzian, der Lorbeer und die sagenumwobene Mandragora oder Alraune.

Furcht und Ansehen verband man mit den Weisen Frauen, deren Abfolge von den Kultpriesterinnen fließend war. Die Bezeichnung "Hexe" hatte sich aus dem althochdeutschen Begriff "Hagzissa" entwickelt, womit das "wilde Weib" aus dem Hag gemeint war, das uns wieder zu den heilkundigen Frauen zurückbringt.

Dank der akribischen Forschungsarbeit des Autors erfahren wir auch eine Menge über Prosekturen, Wundärzte, die Heilberufe und Fürsorge in der mittelalterlichen Stadt, über die medizinische Ausbildung an den ersten Universitäten u.v.m. Die Zeitreise ist empfehlenswert. (Maria Lehner)

Wolfgang F. Reddig
Bader Medicus und Weise Frau
Wege und Erfolge der mittelalterlichen Heilkunst

176 S./ öS 291,-
Battenberg
ISBN: 3-89441-467-7

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