Brettl-Sause

8. Februar 2008, 17:00
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Viele Jahre ließ sich die Skimarke Kästle auf keiner Piste mehr blicken - Jetzt sind die Brettln mit den zwei Pfeilen wieder da - Martin Grabner ließ sie mit Ex-Weltmeister Tom Stiansen am Arlberg laufen

Das Liftpersonal der Seilbahn auf den Rüfikopf in Lech schaut interessiert: Eine Gruppe Skifahrer steigt aus der Gondel, alle ausgerüstet mit weißen Skiern in sehr reduziertem, aber irgendwie doch abgehobenem Design, nur da und dort unterbrochen von zarten Linien, einer farbigen, ovalen Aussparung in der Schaufel und den charakteristischen zwei Pfeilen, dem "Double-Arrow-Logo" von Kästle. Viele Jahre haben die Liftler die Vorarlberger Skimarke hier nicht mehr zu Gesicht bekommen.

Die Gruppe hat an diesem Tag den Job, die neuen Modelle auszuprobieren. Als Teststrecke dient der "Weiße Ring", eine Skirunde über 22 Pistenkilometer und rund 5500 Höhenmeter zwischen Lech, Zürs und Zug. Prominentester Tester ist der Slalomweltmeister von 1997, der Norweger Tom Stiansen, der letzte Medaillengewinner auf Kästle. 1999 wurde die Marke vom damaligen Besitzer, dem Benetton-Konzern, aufgelassen. 2007 kauften KTM-Chef Stefan Pierer und sein Partner Rudolf Knünz die Namensrechte von den Italienern und gründeten die Kästle GmbH, an der sie mit 74 Prozent beteiligt sind. Die restlichen 26 Prozent hält das Management, bestehend aus Siegfried Rumpfhuber, Alexander Lotschak und Oliver Binder, alle drei ehemalige Rennläufer und langjährige Skientwickler.

Voll-Eschen-Ski

Was an Kästle dran ist, veranschaulicht eine Ausstellung, die am Vortag des "Weißen Rings" im denkmalgeschützten Huber-Hus-Museum eröffnet wurde (zu sehen bis 20. April). Der Besucher unternimmt eine Zeitreise zu den Anfängen des Anton Kästle senior, der 1924 in seiner Wagnerei-Werkstätte in Hohenems das erste Paar Voll-Eschen-Ski herstellte und 1929 seine erste Serienproduktion in Form des "Arlberg-Skis" anlaufen ließ. Unter anderem ist auch der Ski mit der Lochschaufel zu sehen, der auch als Ideengeber für die aktuelle Kollektion dient.

Daneben werden auch die sportlichen Erfolge präsentiert, beginnend mit Trude Jochum-Beiser und ihren Goldmedaillen bei der WM in Aspen 1950 und bei den olympischen Spielen in Oslo 1952. Die rüstige Dame ist bei der Eröffnung der Schau anwesend und freut sich, ihre alten Sieger-Ski wiederzusehen. In Cortina d'Ampezzo 1956 holte Toni Sailer zwei seiner Goldmedaillen auf Kästle, insgesamt gab es bei diesen olympischen Spielen 18 Medaillen für Fahrer der Vorarlberger Skifabrik. In den 1970er-Jahren etablierte sich das Unternehmen als internationale Marke mit 300.000 produzierten Skiern im Jahr. Die 1980er waren geprägt durch Erfolge von Skistars wie Andreas Wenzel oder Pirmin Zurbriggen. Der silberne Kästle RX Racing, wurde in diesen Zeiten von so manchem Pistengrünschnabel vor lauter Verehrung sogar mit ins Bett genommen.

Ein Ski für Profis

Das neue Modell für die Piste heißt in Anlehnung an früher ebenfalls RX. Tom Stiansen startet mit diesem Ski seine Testfahrt: Entspannt, wie ehemalige Weltmeister in der Regel unterwegs sind, carvt er in langgezogenen Schwüngen über die weißen Hänge. "Der ist drehfreudig und spaßig zu fahren, kein Rennski, aber präzise beim Ziehen der Kurvenradien", lautet sein erster Kommentar. Die Meinung des Slalomweltmeisters in Ehren, Tatsache ist aber auch, dass die neuen Ski nichts für Anfänger sind, denn die präzisen Radien muss man erst einmal fahren können. Ein Ski für Profis und gute Fahrer mit dicker Brieftasche? Dazu ein paar Details: Die vier Modelle reichen vom Pistenski RX über den Allrounder MX 78 bis zu den Freeride- und Tiefschneemodellen MX 88 und 98. Das normale Bindungssystem entwickelt Kästle gemeinsam mit Marker. Verarbeitet werden unter anderem Eschenholz oder eine Kombination aus Esche und Silbertanne für den Kern. Diese stabilen, aber auch sehr teuren Holzarten werden nur beim Kästle-Ski verwendet. Überhaupt setzt das Gesamtkonzept auf Exklusivität. Die hat einen stolzen Preis. Ab Euro 1050,- inklusive Bindung ist man dabei. Zu kaufen oder auszuleihen gibt es die Kollektion nur in beratungsorientierten Fachgeschäften. Ausverkaufsware und Preisnachlässe lehnt das Management ab.

In Sachen Sponsoring unterstützt das Unternehmen ein sogenanntes Athleten-Team, bestehend aus einigen der besten Free-Rider der Welt. Dazu gehört zum Beispiel der Amerikaner Chris Davenport. "Der ist in den USA ein echter Star, den Bode Miller kennt da drüben vergleichsweise niemand. Der Ski-Rennsport wäre außerdem kaum leistbar", beschreibt Siegfried Rumpfhuber die Orientierung betreffend Sponsoring.

Gut orientiert hat sich dann Tom Stiansen beim Charity-Rennen im Zielschuss des Schlegelkopfes. Er hat es gewonnen, vor einheimischen Größen wie Marc Girardelli und Patrick Ortlieb. Seit langem wieder einmal auf Kästle. (Martin Grabner/Der Standard/rondo/08/02/2008)

  • "Der ist drehfreudig und spaßig zu fahren, kein Rennski, aber präzise beim Ziehen der Kurvenradien".
    foto: hersteller

    "Der ist drehfreudig und spaßig zu fahren, kein Rennski, aber präzise beim Ziehen der Kurvenradien".

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