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Einen veritablen Massentourismus gibt es auf La Gomera nicht. Hier trifft man eher auf mystische Naturlandschaften.
vergrößern 500x519Im Osten ragt der Teide, der auf der Nachbarinsel Teneriffa gelegene, höchste Berg Spaniens gen Himmel, im Südwesten zeichnen sich die Konturen der Nachbarinsel El Hierro ab. Dorthin, ans Ende der Welt, pflegten die spanischen Könige missliebige Untertanen - aufmüpfige Priester, unbotmäßige Poeten und so fort - zu verbannen. Ganz im Westen aber, da spannt sich die ölgraue Oberfläche des Atlantiks unter einer freundlich-warmen Jännersonne bis hin zum fernen Horizont.
1492 brach Christoph Kolumbus von La Gomera aus nach Westen auf und bewies, dass die Sache mit dem Ende der Welt ein Irrtum war. Zuvor hatte er länger als geplant Zwischenstation auf der grünen Insel gemacht, angeblich der Liebe wegen. Beatriz de Bobadilla soll sie geheißen haben, die Witwe eines lokalen Machthabers namens Fernán Peraza el Jovén, der von rebellierenden Untertanen ermordet worden war. Möglicherweise war es ja der schillernde insulare Charakter der Dame, der Columbus für sich eingenommen hatte. "Die Kanaren sind von ihrer Nationalität her Europäer, sie verstehen sich als Lateinamerikaner, ihre Seele aber ist afrikanisch", erklärt Josef Knoflach die komplexe Identität der Gomeros. Der gebürtige Tiroler lebt seit 1992 in der relativen Abgeschiedenheit dieser zweitkleinsten Kanareninsel und organisiert individuelle Trekking- und Wandertouren durch das weitläufige Wegnetz, das La Gomera durchzieht. Naturliebhaber können sich hier tagelang in Lorbeerwäldern ergehen und die eigenwillige Flora der Insel erkunden, und dies ob des moderaten Klimas das ganze Jahr über. Bei der Verköstigung unterwegs sollte man übrigens den Gofio, eine lokale Spezialität, probieren, einen wohlschmeckenden Maisbrei, der mit einer scharfen roten Sauce ("Mojo rojo") serviert wird.
Unter dem Einheitlichkeit suggerierenden Überbegriff der Kanaren verbergen sich sieben Inseln, deren Charakter in vielem unterschiedlich ist wie Tag und Nacht. Das etwa dreißig Kilometer östlich von La Gomera gelegene Teneriffa ist turbulent und umtriebig, und eine rege Bautätigkeit zeigt an, dass es für viele Festlandeuropäer nach wie vor nichts Erstrebenswerteres gibt als ein Domizil in den wohltemperierten Gefilden im Süden. Wer auf Teneriffa allerdings Ruhe sucht, der muss sich ins Landesinnere mit seinen exzentrisch-bizarren Vulkanlandschaften begeben, oder in luxuriöse Hoteloasen wie etwa das Plantación del Sur an der südwestlichen Costa Adeje, das mit seinem Feng-Shui-konformen Ambiente wie eine Insel auf der Insel wirkt.
Während man in den Küstengebieten von Teneriffa nach Ruhe tendenziell eher suchen muss, ist das per Fähre in einer guten Stunde erreichbare La Gomera von ungleich verschwiegenerem Charakter. Mit ihrer mystischen Aura ist die Insel ein idealer Tummelplatz für Selbst- und Sinnsucher, die denn in der Vergangenheit auch zuhauf gekommen sind. Im Jahr 1968 waren es die amerikanischen Hippies, denen bald darauf deutsche Aussteigerkolonien folgten. Auch die Kommune von Otto Mühl ließ sich in den 1980er-Jahren in El Cabrito an der Südküste nieder, ehe die spanische Polizei dem Wirken des Kommunengründers ein Ende bereitete.
Einen veritablen Massentourismus gibt es auf La Gomera nicht. Der Zahlenvergleich macht sicher: Wo alleine im Süden von Teneriffa über 200.000 Hotelbetten zur Disposition der sonnen- und meerhungrigen Gäste stehen, da sind es auf ganz Gomera gerade einmal 6200. Die mit Abstand größte Anlage ist das Jardin Tecina, ein auf einer pittoresken Klippe ins Meer hinausragendes Ferienhotel in Playa de Santiago im Süden der Insel. Wer - was nicht leicht ist - genug davon hat, von den Sonnenterrassen aus den Blick über den Atlantik schweifen zu lassen, der kann sich in der am Fuß der Klippe gelegenen Salonbar "Beatriz de Bobadilla" (aha, hier treffen wir sie wieder!) den "Silbo" demonstrieren lassen. Mit dieser hochdifferenzierten Pfeifsprache unterhielten und unterhalten sich die Einwohner La Gomeras über die steil abfallenden Schluchten hinweg, die der Landschaft ein charakteristisches Gepräge geben. Die Darbietung ist von hörenswerter Extravaganz. (Christoph Winder/DER STANDARD/Rondo/8.2.2008)
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