Schändung islamischer Gräber in Graz: "Die Verharmlosung ist Wahnsinn"

8. Februar 2008, 09:39
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Noch am Mittwoch bestand die Polizei darauf, dass "nur" 15 Gräber geschändet wurden, bevor man auf 45 korrigierte

Als am Dienstag die Schändung islamischer Gräber in Graz bekannt wurde, beeilte sich die Polizei zu betonen, es gebe "keine politische Richtung". Tatsächlich gab es einen Drohbrief. Nun ermittelt der Verfassungsschutz - Colette M. Schmidt

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Graz - "Als ich die Tränen in den Augen meiner Frau gesehen habe, habe ich gewusst, wir müssen etwas tun", erzählt der aus Ägypten stammende Österreicher Soleiman Ali. Der Präsident der ägyptischen Gemeinde in Österreich, der seit 30 Jahren in Graz lebt, erhielt am Mittwoch ein anonymes Schreiben einer "Aktionsgruppe für ein Moslem-freies Graz", die nicht nur die bereits erfolgte Schändung des islamischen Friedhofes in Graz ankündigte, sondern auch drohte, Ali werde sich "bald im Paradies wiederfinden".

Drohbrief

Die Tränen standen Alis Ehefrau aber erst am Dienstagabend in den Augen, nachdem ihr Mann den ganzen Tag vergeblich versucht hatte, die Polizei wegen des Drohbriefes, welcher der Jungen Generation der SPÖ per Post zugestellt worden war, zu erreichen. Ali hatte bei den Grazer Gemeinderatswahlen für die SPÖ kandidiert und die meisten Vorzugsstimmen in seiner Partei bekommen. Per E-Mail und Fax erstattete er beim Sicherheitsdirektor des Landes Steiermark, Josef Klamminger und beim Grazer Polizeidirektor, Helmut Westermayer, Anzeige.

Schrauben am Reifen gelockert

Ohne Reaktion. Als Ali dann am Abend seine Nachbarn, ein pensioniertes Ehepaar, informierte, hatten diese ebenfalls Neuigkeiten: Jemand hatte am Auto der Nachbarn, das in der selben Tiefgarage parkt und die gleiche Farbe hat wie jener der Alis, bei allen Reifen die Schrauben gelockert. Ali rief daraufhin den Polizeinotruf. Doch als spätabends endlich eine Streife kam, seien die Beamten "freundlich aber völlig uninformiert" gewesen.

Gefährdungseinschätzung

Einen politischen Hintergrund bei der Schändung des islamischen Friedhofes in Graz hatte die Polizei am Dienstag bereits ausgeschlossen, bevor am Mittwoch das Landesamt für Verfassungsschutz und Terrorismusbekämpfung erste Ermittlungen aufnahm. "Warum?", fragt Ali, "die Verharmlosung ist Wahnsinn!" "Speed kills", erklärt Ermittler Alexander Gaisch am Mittwoch dem Standard. Man müsse erst sehen, ob eine Verbindung zwischen den Fällen bestehe. Zudem müsse eine Gefährdungseinschätzung erfolgen, bevor man entscheide, "ob es einen Personenschutz für Herrn Ali gibt". Das empört Ali: "Warum bekommt die FPÖ-Politikerin Susanne Winter Personenschutz und ich nicht?" Gaisch dazu: "Auch der Fall von Frau Winter wird jede Woche neu beurteilt. Beide haben die gleichen Rechte."

"Vielleicht ein Tippfehler"

Fragen werfen auch kolportierte Zahlen von geschändeten Gräbern auf: Noch am Mittwochvormittag bestand die Polizei darauf, dass "nur" 15 Gräber geschändet worden seien, bevor man schließlich per Aussendung auf 45 korrigierte. Auch Verfassungsschutz-Chef Gaisch weiß nicht, wie man am Dienstag auf der Polizeiinspektion Kärntnerstraße zur Zahl 15 kam: "Vielleicht ein Tippfehler. Ich gehe davon aus, dass Polizisten zählen können." Der Akt sei zudem auf dem Weg zur Staatsanwaltschaft.

Nicht nur der Menschenrechtsbeirat der Stadt sieht indes einen möglichen Zusammenhang zwischen der Schändung und dem Grazer Wahlkampf von FPÖ und BZÖ. Grünen-Gemeinderätin Christina Jahn regt nicht nur das Klima, sondern auch die Polizei auf: "Es kann nicht sein, dass bei Demonstrationen gegen Rechts hunderte Polizeibeamte parat stehen, während Angriffe dieser Art nicht ernstgenommen werden." (Colette M. Schmidt/ DER STANDARD Printausgabe 7.2.2008)

  • "Ich gehe davon aus, dass Polizisten zählen können", so Ermittler Gaisch. Statt 15 geschändeter Gräber zählte man am Mittwoch 45
    foto: standard/ privat

    "Ich gehe davon aus, dass Polizisten zählen können", so Ermittler Gaisch. Statt 15 geschändeter Gräber zählte man am Mittwoch 45

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