"Man kann über Nacht alles umdrehen"

15. Februar 2008, 14:30
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Michael Dukakis, demokratischer Präsidentschafts-
kandidat von 1988, im STANDARD-Interview

Die Erwartungen in die Demokraten, vor allem Barack Obama, seien nicht zu hoch, meint Michael Dukakis, demokratischer Präsidentschaftskandidat von 1988. George W. Bush solle nach Texas zurück, sagte er zu Christoph Prantner in Los Angeles.

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STANDARD: Sie sind einer der wenigen Menschen, die ...

Dukakis: ... noch lebenden Menschen (lacht) ...

STANDARD: ... für das Amt des US-Präsidenten kandidiert haben. Wie fühlt man sich als Mittelpunkt einer solchen Kampagne?

Dukakis: Die meisten, die angetreten sind, hatten schon lange Jahre in der Politik verbracht. Als ich 1988 kandidierte, hatte ich 29 Jahre politische Erfahrung. Keine Frage, eine Präsidentschaftskandidatur ist eine eigene Spielklasse. Aber ich hatte auch vier Gouverneurswahlkämpfe hinter mir. Da ist man an Kampagnen nicht nur gewohnt, man mag sie auch.

Der andere, persönliche Aspekt ist: Wenn nur eines meiner drei Kinder noch nicht aus dem Haus gewesen wäre, hätte ich mich nicht um die Nominierung beworben. Meine Frau Kitty und ich hatten zwei fixe Regeln: Es wird ausnahmslos um sechs Uhr zu Abend gegessen. Und: keine Politik am Sonntag. Das mussten wir kurzfristig streichen. Aber, wie gesagt, die Kinder waren ja aus dem Haus und Kitty hat mit mir wahlgekämpft.

STANDARD: Wie waren Ihre Primaries?

Dukakis: Wir hatten viel Spaß. Ich habe gezählte 85 Tage in Iowa verbracht, dort praktisch am Flughafen gelebt. Nach New Hampshire war es zumindest nicht so weit. Diese Kampagnen sind alle wie Bundesstaatswahlkämpfe gelaufen, insofern habe ich dort gemacht, was ich eigentlich immer gemacht habe. STANDARD: Wie sind Sie mit dem Druck der Presse, der Gegner umgegangen?

Dukakis: Der Druck baut sich langsam auf, man ist zuerst ja nur einer von mehreren Kandidaten. Man kann ein paar Fehler machen und niemand bemerkt es in dieser frühen Phase. Wenn man die Nominierung einmal hat, dann ist das eine völlig andere Sache. In dieser Phase habe ich einen lausigen Job gemacht.

STANDARD: Inwieweit bestimmen die Kandidaten die Strategie der Kampagnen eigentlich mit?

Dukakis: Das kommt auf die Kandidaten an. Ich war immer sehr involviert. Ich habe keinen TV-Spot freigegeben, ohne dass ich ihn gesehen habe. Am Anfang der Kampagne habe ich jeden einzelnen Mitarbeiter persönlich eingestellt. Ich habe mich außerdem sehr für Graswurzel-Kampagnen starkgemacht. Im Verlauf der Kampagne habe ich das dann aufgegeben.

Ein schrecklicher Fehler. Das war einer der Gründe, warum ich gegen George Bush verloren habe. Man muss auf Wahlkreisniveau gut organisiert sein. Vergessen Sie diesen ganzen Nonsens über unerschütterlich rote und blaue Staaten, das ist nicht einmal eine selbsterfüllende Prophezeiung.

STANDARD: Was ist der wesentliche Unterschied zwischen den Kampagnen von damals und jenen von heute?

Dukakis: Es gibt keine großen Unterschiede. Außer dass die Medien - insbesondere das Internet - immer wichtiger geworden sind. Als Kandidat beachtet man die Medien kaum. Ich habe die New York Times und den Boston Globe gelesen, weil ich sie immer gelesen habe. Aber Fernsehen, nach einem 16-Stunden-Tag? Nein. Da will man die Tür hinter sich zumachen und seine Ruhe haben.

STANDARD: Sie haben das Internet als Kampagnen-Werkzeug erwähnt.

Dukakis: Als Organisations-Tool ist es fantastisch. Und es kostet nichts. Ich sehe bisher noch zu wenig an Graswurzel-Kampagnen. Obama setzt sie ein, allerdings zu wenig. Wo er damit arbeitet, gibt es Resultate.

STANDARD: Was werden die bestimmenden Themen des weiteren Wahlkampfes sein?

Dukakis: Es gibt den Krieg, der in die Geschichte als das Dümmste, was wir je getan haben, eingehen wird. Dann ist da die schwache Wirtschaft. Und die Mittelklasse ist unter Druck. Wer immer der demokratische Kandidat ist, ich hoffe, dass er die Ausgaben für den Krieg mit der Wirtschaftslage verbindet. Was würde eine Krankenversicherung für alle Kinder aus armen Familien kosten? Was würde eine anständige Eisenbahninfrastruktur kosten? Das Äquivalent von fünf Tagen Irakkrieg?

STANDARD: Wer wird der Kandidat der Demokraten sein?

Dukakis: Das kann jetzt noch niemand sagen.

STANDARD: Schafft es John McCain bei den Republikanern, wer hat die besseren Chancen gegen ihn?

Dukakis: Möglicherweise Barack Obama. Er kann auch Unabhängige und Republikaner ansprechen. Aber er ist unerprobt. Wenn er nominiert wird, werden sie Hussein zu seinem Nachnamen machen - ob nun offiziell oder über irgendeine sinistre Vereinigung. Hillary ist durch und durch getestet. Es sind letzten Endes beide gute Kandidaten. Es gibt kaum Unterschiede zwischen ihnen.

STANDARD: Was ist mit der Erfahrung?

Dukakis: Obama hat seit zwölf Jahren ein politisches Amt. Das sind um vier Jahre mehr als Hillary. Dass sie im Weißen Haus war, ist nicht unwichtig. Aber John F. Kennedy war 14 Jahre politisch tätig, George W. Bush zwölf, Bill Clinton zehn Jahre.

STANDARD: Manche sagen, dass Obama die hohen Erwartungen, die er weckt, im Weißen Haus nie erfüllen wird können.

Dukakis: Jeder der Kandidaten würde einen Riesenwandel bedeuten. Das war die miserabelste Administration, die ich je gesehen habe. Aber das kann ein Präsident über Nacht umdrehen. Die Reagan-Revolution hat Bill Clinton in sechs Monaten umgedreht. Wenn die eine Mehrheit im Kongress bekommen, was wahrscheinlich ist, können sie sehr viel bewegen.

STANDARD: Was wird mit George W. Bush nach dem 20. Jänner 2009 passieren?

Dukakis: Ich hoffe, er geht nach Texas zurück und bleibt dort. (DER STANDARD, Printausgabe, 7.2.2008)

  • Zur PersonMichael Dukakis (74) war lange Jahre Gouverneur von Massachusetts, als er 1988 zum demokratischen Präsidentschaftskandidaten nominiert wurde. Er verlor die Wahl gegen George Bush mit 47 zu 53 Prozent der Stimmen. Er lehrt Politikwissenschaften an der University of California in Los Angeles.
    foto: pra

    Zur Person

    Michael Dukakis (74) war lange Jahre Gouverneur von Massachusetts, als er 1988 zum demokratischen Präsidentschaftskandidaten nominiert wurde. Er verlor die Wahl gegen George Bush mit 47 zu 53 Prozent der Stimmen. Er lehrt Politikwissenschaften an der University of California in Los Angeles.

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