"Jede Ritze erzählt Geschichte"

11. Februar 2008, 15:55
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In der Galerie Andreas Huber: Carola Dertnig wirft Blicke in die Wohnung der Architektin Anna-Lülja Praun

Möbel verrücken, das war ihr nur untertags erlaubt. Anna-Lülja Prauns Mutter hatte sich ausbedungen, dass abends alles wieder am "richtigen" Platz steht. So lernte die Architektin als Kind das Gefühl für Räume und Dimensionen.

Anna-Lülja Praun, 1906 in St. Petersburg geboren, Tochter bulgarisch-russischer Emigranten, gehört neben Margarete Schütte-Lihotzky zu einer der wesentlichen Pionierinnen der österreichischen Architektur. - Sie, eine der ersten Frauen, die in Graz an der Technischen Universität studierte, empfand sich inmitten all der Männer als "Fremdkörper". Die Architektin, ab den 1950er Jahren vorrangig Möbelentwerferin - das Wort "Designerin" lehnte sie kategorisch ab, denn "Design kann jeder", und wer Möbel macht, müsse schon wissen, was er tut -, arbeitete unter anderem für die Komponisten Herbert von Karajan und György Ligeti. Dennoch wurde sie, 2004 mit 98 Jahren gestorben, in Österreich weitestgehend marginalisiert.

Die Galerie Andreas Huber hat den Schwerpunkt nicht auf Architektur verlegt oder der Architektin eine Personale gewidmet: Carola Dertnig ist es, die den "Nachlass der Architektin Anna-Lülja Praun" hier in Lichtbilder rückt.

Es ist nicht das erste Mal, dass die Künstlerin von der Kulturgeschichte weitgehend ignorierte Frauen in den Fokus stellt. 2005 erfand sie, stellvertretend für jene Frauen, die maßgeblich an Performances des Wiener Aktionismus beteiligt waren, jedoch nur als "Akteurinnen" gesehen wurden, die fiktive Kunstfigur Lora Sana.

Dertnig nähert sich Praun über Bilder der Wohnung, die gleichzeitig Atelier war, an; ein Ort, der Dertnig seit der Kindheit bekannt ist. Ihre Dia-Installation dokumentiert das langsame Leeren der liebevoll arrangierten Wohnung. Zusammen mit dem von Dertnig gesprochenen Erzähltext, der sehr unvermittelt von ihren Beobachtungen in Zitate der "kleinen Dame mit dem roten Lippenstift" überspringt, gelingt so ein intimes Porträt Anna-Lülja Prauns. "Ich will Transparenz, ich will, dass der Raum frei bleibt", beendet Dertnig das Zitieren Prauns und zeigt den Platz, wo zu Beginn noch das schlichte Türschild der Architektin hing. Ein Moment, der kurz schlucken lässt. (kafe / DER STANDARD, Print-Ausgabe, 7.2.2008)

Galerie Andreas Huber Capistrangasse 3, 1060 Wien, bis 8. 3.

Link: www.galerieandreashuber.at

  • Carola Dertnig wirft Blicke in die Wohnung der Architektin Anna-Lülja Praun und zeichnet über die Auf-nahmen der sich langsam leerenden Wohnung, die sie mit Zitaten kombiniert, ein intimes Porträt.
    foto: dertnig

    Carola Dertnig wirft Blicke in die Wohnung der Architektin Anna-Lülja Praun und zeichnet über die Auf-nahmen der sich langsam leerenden Wohnung, die sie mit Zitaten kombiniert, ein intimes Porträt.

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