Ozeanriese zur Vertrauensbildung

7. Februar 2008, 18:32
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ÖGB-Chef Hundstorfer gab Einblick in seine beruflichen Lesegewohnheiten, was Elsner rückblickend zur Ansicht bringt, dass sein Aufsichtsrat vielleicht überfordert war

Im Bawag-Prozess gab ÖGB-Chef Hundstorfer Einblick in seine beruflichen Lesegewohnheiten, was Angeklagten Elsner rückblickend zur Ansicht bringt, dass sein Aufsichtsrat vielleicht überfordert war. Die 67. Verhandlung zeigte: Die Nervosität der Angeklagten steigt.

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Wien - Je widersprüchlicher die Aussagen der Angeklagten werden, desto aufgeheizter wird im Bawag-Prozess die Stimmung - und desto gereizter wird auch Helmut Elsner, der nächsten Mittwoch seinen ersten Haft-Jahrestag begehen wird.

Der 67. Prozesstag bot einmal mehr Einblick in die Zustände im ÖGB im Frühling 2006: ÖGB-Chef Rudolf Hundstorfer wurde zum zweiten Mal einvernommen. Er sollte die ÖGB-Garantien aufhellen; es geht darum, ob spätere Garantien zu jener des Jahres 2001 (ohne sie hätte die Bawag 2000 nicht bilanzieren können) dazugekommen sind oder diese ersetzt haben. Je nachdem war das ÖGB-Vermögen größer oder kleiner, konnte für mehr oder weniger Forderungen haften. Wichtig ist das für die Frage der Bilanzfälschung.

Hundstorfer glasklar: "Es ging um einen Ersatz." Basis der Einvernahme war ein ÖGB-Brief an Finanzminister Karl-Heinz Grasser von April 2006, in dem "Garantien und Haftungserklärungen" erwähnt sind. Der ÖGB-Chef: "Wir haben mit dem Schreiben gesagt: Ja, wir stehen zur Vergangenheit, aus, basta. Ich war damals sieben Tage im Amt, was hätte ich tun sollen? Wir wollten ein Institut retten."

In die Zange genommen wurde er dann von Thomas Kralik, dem Anwalt von Bankprüfer Robert Reiter. Er brachte den Schriftsatz zur ÖGB-Schadenersatzklage aufs Tapet, aus dem er, Kralik, anderes herausliest. Lange wurde hin- und hergestritten, Fragen per Beschluss nicht zugelassen, letztlich gab Hundstorfer salopp zu, er selbst habe den Schriftsatz vor Klagseinbringung gar "nicht gelesen". Und, was neu war: Ex-Metallerchef Rudolf Nürnberger habe 2006 gegenüber der KPMG die seit 2000 bestehende ÖGB-Haftung bestätigt.

Noch turbulenter (Richterin: "Was ist denn das für eine Aufregung heute?") wurde es, als Ex-Banker Elsner vom Staatsanwalt befragt wurde. In der Aufwärmrunde wollte Georg Krakow erfahren, wer denn das "Flöttl-Geständnis" geschrieben habe. Der Sukkus seiner Antworten: "Ich nicht, sicher auch niemand anderer von der Bank - wahrscheinlich Doktor Flöttl im Hotel in Wien" - was selbiger mit einem Kopfschütteln quittierte.

Lange, lange, Punkt für Punkt ging der Staatsanwalt dann das Aufsichtsratsprotokoll zur Wiederaufnahme der Flöttl-Geschäfte durch. Johann Zwettler hat ja zugegeben, die Information an den Aufsichtsrat sei unvollständig gewesen. Elsner zeigte sich unwirsch ("Frau Rat, darf ich Sie bitten, den Herrn Staatsanwalt zu ermahnen, richtig vorzulesen?") und empört. Er selbst habe die Engagements ja "nicht überwacht", "deren Überwachung nicht gewährleistet". Mit der Umsetzung diverser Vorgaben des Ministeriums "hatte ich nichts zu tun, ich war der Generaldirektor". Eventuell sei auch das Protokoll "unscharf formuliert, aber das sind Haarspaltereien".

Lacher, selbst von Flöttl, erntete er für seine Aufzählung, wovon sein Vertrauen zu Flöttl herrührte. Der sei "seit seiner Geburt dem ÖGB verbunden, hat in eine der besten Familien der USA geheiratet und hatte einen ganzen Ozeanriesen. Wie lang war der - 200 Meter?"

Einige "Weiß-ich-nicht" und "Das-ist-so-lange-her" später sorgte Elsner erneut für Spaß. Ob er wie Zwettler glaube, der Aufsichtsrat hätte gar nicht verstanden, was Derivative sind, fragte die Richterin. Elsner: "Wenn ich mir heute Herrn Hundstorfer anhöre, kann ich mir durchaus vorstellen, dass Zwettler recht hat." (Renate Graber, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 07.02.2008)

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