Porzellan statt Süßwerk

11. Februar 2008, 15:55
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"Zeremonie, Feste, Kostüme": Eine Neuerscheinung zum Zierrat unter der Regentschaft Maria Theresias

Wien – "Alle diese Aufbutz mit Zucker, und Zierraten kann ich nicht leiden", akklamierte Maria Theresia angesichts der verschwenderischen weil vergänglichen Pracht dereinst, stattdessen gab sie Porzellan den Vorzug. Ursprünglich wurden Tafeln mit Süßwerk geschmückt, mit Zucker, Karamell und Marzipan. Was für Naschkatzen paradiesisch klingt, überdauerte tatsächlich nicht einmal das Bankett. Porzellan war da langfristig ökonomischer.

Dazu kam 1730/40 eine Änderung der Essgewohnheiten, die Einführung warmer Speisen in Form von Ragouts und Suppen bei Festtafeln, die entsprechender Behältnisse bedurfte. Porzellan war damit in mehrfacher Hinsicht gefragt und das Kaiserhaus verfügte über eine eigene, 1718 gegründete und seit 1744 in staatlichem Besitz befindliche Manufaktur.

Die zahlreichen Figuren und kunstvollen Tafelaufsätze sind deutlich mehr als bloßer Nippes. Im Gegenteil, im Barock war Porzellan das Material für Kleinplastiken, sogar Gartenskulpturen wurden wie Porzellan gefasst. Und – das dokumentiert die soeben erschienene Publikation ("Zeremonie Feste Kostüme", Vlg. Brandstätter) – die Porzellanfiguren sind Botschafter der höfischen Kultur unter der Regentschaft Maria Theresias, die kunsthistorisch Barock, Rokoko und den Frühklassizismus umfasste.

Es ist zwar ein Porzellanbuch, das sich der Materie aber über die Kenntnis zu Lebensweise und Moden dieser Zeit nähert. Die Förmlichkeit, Kleidungsvorschriften und das spanische Hofzeremoniell spiegeln sich eins zu eins in den oftmals lieblich bewerteten Figuren. Nahezu jeder Hofempfang musste verkleidet absolviert werden und die prachtvollen Roben dienten als Vorlage für die Porzellanmaler. Am Beispiel der entsprechend der Jagdetikette vorgeschriebenen grünen Farbe der Kleidung, nur für die Parforce Jagd musste es Rot sein. "Die Unterschiede zu anderen europäischen Manufakturen", erklärt Elisabeth Sturm-Bednarczyk, Herausgeberin des Bandes, "sind gewaltig. Dort wo die Meissner Figuren frivol und opulent wirken, überwiegt bei den Wiener Erzeugnissen die Eleganz und Zartheit".

Das ist auch an den Dekolletés erkennbar: in Wien war es tief und ließ – im Unterschied zur französischen Mode – nicht nur den Hals, sondern auch die Schulter frei. Besonders gut sind die Unterschiede zu anderen Manufakturen bei den so genannten Kaufrufen erkennbar.

In zeitgenössischen Dokumenten werden sie als Marktschreier bezeichnet und waren bei jedem Maskenfest als Verkleidung anzutreffen. Die Kostümierung der Wiener Figuren war – eben wegen der Originalvorbilder – deutlich eleganter als die im Umfeld des Dresdner Hofes.

Wiener Erzeugnisse dieser Zeit sind alles andere als Massenware. In die Kategorie Schnäppchen fallen allenfalls solche mit späterer und damit zeitlich verfälschter Bemalung. Aus der Zeit kosten sie je Figur zwischen 7000 und 9000 Euro. (kron / DER STANDARD, Print-Ausgabe, 7.2.2008)

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Kavalier und Dame als Winzer, Wien um 1755. Als Vorbild dienten Feste in fiktiven Weingärten.
    foto: sturm-bednarzcyk

    Kavalier und Dame als Winzer, Wien um 1755. Als Vorbild dienten Feste in fiktiven Weingärten.

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