Das Flüstern von Springfield

13. Februar 2008, 09:57
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Duell Clinton und Obama bleibt spannend McCain bei den Republikanern klar in Führung, Mike Huckabee schnitt überraschend gut ab - mit Infografik

Der Super Tuesday hat bei den Demokraten keine Vorentscheidung gebracht: Barack Obama gewann zwar in über der Hälfte der Bundesstaaten, Hillary Clinton siegte dafür in den großen States - es bleibt beim Patt. Jetzt richtet sich der Blick auf die nächsten Primaries. Wer am Ende nominiert wird, könnte sich im März entscheiden.

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"New Jersey! Wow! Guck dir das an!" Es ist 21.28 Uhr, der Fernsehsender NBC erklärt Hillary Clinton zur Vorwahlsiegerin im hart umkämpften Ostküstenstaat New Jersey, neben ihrem Namen flackert auf der Mattscheibe ein gelbes Häkchen. Man hört nicht, was die Experten im Studio kommentieren. Der Lärm im "Busboy and Poets", an der U Street in Washington, ertränkt ihre Stimmen. Das Häkchen reicht Jennifer Bowman, um loszujubeln und ein kleines Tänzchen aufzuführen.

21.30 Uhr, Alabama ist dran, Barack Obama bekommt den Haken. Jennifer schweigt betreten, während Sheel Pandya neben ihr einen Freudenschrei ausstößt, als habe Harvard ihr gerade einen Lehrstuhl angeboten. So geht es rauf und runter, wie auf einer Achterbahn. Ein paar hundert Demokraten feiern im "Busboy and Poets", einem Buchladen mit angeschlossener Kneipe, eine feuchtfröhliche Party samt Ergebnisgucken. Manche haben sich T-Shirts in Himmelblau übergestreift - die Farbe Clintons. Andere tragen Marineblau, die Farbe Obamas.

Jennifer Bowman und Sheel Pandya: beide um die 30, Gesundheitsberaterin die eine, Rechtsanwältin die andere. "Hillary hat Erfahrung", sagt Jennifer. "Welche Erfahrung? Sie war ja nur First Lady", kontert Sheel. "Hey, hey, sie sitzt viel länger im Senat als dein Barack." "Vier Jahre länger, das zählt doch kaum." Die beiden sind Freundinnen. Im Herbst werden sie sich als Freiwillige für die Demokraten ins Zeug legen, stundenlang in stickigen Zimmern sitzen und Wähler anrufen - egal, wer am Ende die Nase vorn hat.

Wer es sein wird, das ist am Ende dieser Nacht genauso offen wie vorher. Es gibt ein paar Eckpunkte, aus denen sich ein leichter Vorteil für Clinton ableiten lässt. Sie holt Massachusetts. Dort hatte der Kennedy-Clan, gewissermaßen die Hausmacht, Obama empfohlen, ebenso wie John Kerry, die zweite Koryphäe aus Boston. Hillary Clintons glasklarer Triumph gilt als Überraschung.

Als Nächstes gewinnt sie New York, den Bundesstaat, für den sie Senatorin ist und in dem Obama auf New York Citys legendäres Gespür fürs Neue gehofft hatte. Er gewinnt dafür Kansas, die Heimat seiner Mutter, aber auch Ecken, die für den Sohn einer Weißen und eines Kenianers noch vor Monaten unerreichbar schienen. Idaho, Minnesota, Utah, konservativstes Amerika. Clintons PR-Stab wiederum bejubelt erste Plätze in "red states" wie Tennessee oder Oklahoma, Hochburgen des republikanischen Lagers. Ihre Berater interpretieren es als Beweis, dass sie keinesfalls nur in den Bastionen der Demokraten zu punkten versteht. Missouri vermeldet ein Kopf-an-Kopf-Rennen, ein gutes Indiz für die Stimmung im Land. Der Agrarstaat in der Mitte der USA hat den Ruf eines verlässlichen Barometers.

Schließlich der größte Preis, Kalifornien. Im "Busboy and Poets" sind die Stühle schon hochgestellt, als sich dort das Ergebnis herausschält. Kalifornien hat die meisten Delegiertenplätze für den Nominierungsparteitag im August zu vergeben. "Gelingt Obama dort eine Überraschung, ist er nicht mehr zu stoppen", hatte Thomas Mann, Politologe der Brookings Institution, kurz zuvor orakelt. Der Coup bleibt aus. In Kalifornien steht die Ampel, um in Manns Bild zu bleiben, auf Rot für den Überflieger. Wähler lateinamerikanischer und asiatischer Herkunft favorisieren Clinton, Afroamerikaner Obama, Weißhäutige stimmen fifty-fifty.

"Unentschieden"

Keiner der beiden Protagonisten wartet das kalifornische Resultat ab. Beide treten vorher vor ihre Anhänger, beide konstatieren ein Unentschieden, Clinton in Midtown-Manhattan, Obama in Chicago.

Angetan mit apricotfarbenem Kostüm, spricht die 60-Jährige von den Menschen, die ihr den Rücken stärken, von "all den Leuten, die nie in den Schlagzeilen auftauchen" - "Leute auf Nachtschicht, die Mutter mit ihrem weinendem Baby". Bewegt erzählt sie von ihrer Mutter, die geboren wurde, als Frauen noch kein Wahlrecht hatten und die "heute Nacht ihrer Tochter auf dieser Bühne zusieht". Ihr 46-jähriger Kontrahent, wie immer im schwarzen Anzug, erinnert daran, dass nur wenige mit ihm rechneten, vor einem Jahr, als er in Springfield, Illinois, seinen Hut in den Ring warf. "Was als Flüstern in Springfield begann, ist ein Chor von Millionen geworden."

Die Himmelblauen und die Dunkelblauen im "Busboy and Poets", sie alle verbindet eine klammheimliche Freude. In DC, wie sie zu Washington sagen, dazu in den Nachbarstaaten Maryland und Virginia, steigen am 12. Februar Vorwahlen, die früher selten eine Rolle spielten und plötzlich hochwichtig sind. Aber auch dann, vermuten die Experten, fallen die Würfel noch nicht, sondern vielleicht erst im März, wenn Texas und Ohio entscheiden. (Frank Herrmann aus Washington/DER STANDARD, Printausgabe, 7.2.2008)

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    Die Anhänger von Hillary Clinton in New York ...

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    ... und Barack Obama in Chicago jubeln über die Ergebnisse ihrer Kandidaten.

  • Infografik: Der Super Tuesday (1.000 Pixel breit, 292 KB)

    Infografik: Der Super Tuesday (1.000 Pixel breit, 292 KB)

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