Amin steigt nicht ein

22. April 2008, 17:10
30 Postings

Warten auf Asyl sichtbar machen: Wiener Schüler gestalteten Spots für Öffi-Bildflächen in Wien und Graz

Wien/Graz - Warten verbindet, meinen Tino Bogataj (16) und Valentin Frais (15) - auch wenn es bei einem Wartenden bloß um die U-Bahn, beim anderen hingegen um so Grundlegendes wie Asylantrag und Arbeitsbewilligung geht.

Aus dieser Überlegung heraus haben die beiden Schüler der Audiovisions-Oberstufe im Wiener BORG Hegelgasse in ihrem Spot über jugendliche Flüchtlinge einen lockigen Burschen auf eine Bank am U-Bahnperron gesetzt. Ein Zug hält an, Fahrgäste kommen und gehen, doch "Amin" - wie er genannt wird - steigt nicht ein. Zwischen den einzelnen Standfotos werden Sätze eingeblendet: "Wie lange warten Sie auf Ihre U-Bahn zur Arbeit? Amin wartet jetzt schon zwei Jahre. Als Asylwerber hat er keinen Zugang zum Arbeitsmarkt", lauten sie.

"Die Leute sagen, dass uns die Asylwerber auf der Tasche liegen. Doch die meisten haben ja überhaupt keine Chance auf Arbeit. Das war mir etwas völlig Neues", schildert Tino seinen Zugang zum Thema. Dass jugendliche Flüchtlinge oft jahrelang auf den Ausgang ihres Asylverfahrens warten müssen und in dieser Zeit wichtige Ausbildungs- und Orientierungszeiten verlieren, weiß er aus erster Hand: Von jungen Betroffenen, die auf Initiative der Patenschaftsaktion "Connecting People" vor wenigen Wochen ins BORG kamen, um den Wiener Schülern den Kick-Off für die Spot-Gestaltung zu geben.

Spots statt Werbung

Entstanden sind drei verschiedene, von den Schülern und Schülerinnen gestaltete 15-Sekunden-Einschaltungen, die das Warten - auf die Bahn, beim Arzt - zum Thema haben. Im Februar und März 2008 werden diese Spots drei Wochen lang auf den Bildflächen in den Wiener U-Bahnstationen sowie auf den LED-Schirmen in Wiener und Grazer Straßenbahnen zu sehen sein.

"In werbefreien Zeiten", wie Doris Trummer von der Öffi-Medienbetreiberfirma Infoscreen erläutert - doch dafür gratis. Immerhin seien "Jugendliche unsere Hauptzielgruppe" und eine von jungen Leuten für junge Leute gestaltete Aktion "daher gerade das Richtige für uns".

Zwei Jahre langes Warten

Hoffnungen auf den Aufklärungseffekt der von ihr initiierten PR-Aktion macht sich Connecting People-Projektkoordinatorin Veronika Krainz. Mit Vergehen der Zeit werde die Lage vieler minderjähriger Flüchtlinge "immer dramatischer". "Unter den 111 derzeit von uns Betreuten sind 54 Asylwerber. 35 von ihnen warten schon länger als zwei Jahre auf ihren Bescheid."

Nach einer allfälligen Ablehnung gebe es zudem nur den Appell an den Innenminister nach Gewährung humanitären Aufenthalts als Perspektive: Eine laut Krainz "undurchsichtige Prozedur", die etwa bei einem aus Nigeria nach Österreich geflüchteten Burschen mit einer Ablehnung endete. Dabei hatten die heimischen Pateneltern dem Jugendlichen Gymnasiumsbesuch und Maturaabschluss ermöglicht. (Irene Brickner, DER STANDARD Printausgabe, 6.2.2008)

  • Etwas "völlig Neues": Die Wiener Schülerinnen und Schüler des BORG Hegelgasse versuchten, sich in die Lage der jugendlichen Asylwerber hineinzuversetzen
    foto: dickmanns/borg

    Etwas "völlig Neues": Die Wiener Schülerinnen und Schüler des BORG Hegelgasse versuchten, sich in die Lage der jugendlichen Asylwerber hineinzuversetzen

Share if you care.