Der Computer ist immer und überall

5. Februar 2008, 20:39
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Marc Langheinrich von der ETH Zürich im STANDARD-Interview über die Freuden des digitalisierten Alltag und seine Schattenseiten

Marc Langheinrich von der ETH Zürich mag den digitalisierten Alltag zwischen drahtlos lesbarem Skipass oder Friend-Finder-Diensten am Handy nicht missen. Allein, der Persönlichkeitsschutz müsse angesichts dieses Fortschritts neu überdacht werden. Peter Illetschko sprach mit ihm.

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STANDARD: Sie haben an der Universität Linz den Vortrag "Werden wir in Zukunft noch eine Privatsphäre haben? Über den Datenschutz im Ubiquitous Computing" gehalten. Was bedeutet Ubiquitous Computing?

Langheinrich: Gemeint ist damit die allgegenwärtige Informationstechnik. Prozessoren und Sensoren werden immer kleiner und billiger und können so den Alltag durchdringen. Ein gutes Beispiel für diese Technik ist etwa der drahtlos lesbare Skipass, den ich beim Lifteinstieg in der Jackentasche lassen kann, oder sogenannte Friend-Finder-Dienste, die mir auf dem Mobiltelefon anzeigen, wenn meine Freunde in der Nähe sind. Gerade die Funk- und Lokalisationstechnik werden in Zukunft dazu beitragen, dass viele Gegenstände immer wissen, wo sie sind und dies anderen Dingen bzw. ihren Besitzern mitteilen können. Wir müssen also nie mehr die Schlüssel suchen.

STANDARD: Diese Allgegenwart des Computers ist aber sicher noch nicht das Problem, oder?

Langheinrich: Grundsätzlich bedeutet ja ein Mehr an Computern noch nichts Schlechtes - im Gegenteil. Man kann in der Industrie ressourcenschonender produzieren, man schafft neue Verkaufskanäle. Kleine Helfer machen das Leben leichter und erlauben uns, allzeit auf relevante Informationen zugreifen zu können. Und nicht zuletzt können allgegenwärtige Informationssysteme die Sicherheit im Verkehr oder in Spitälern erhöhen und helfen, Straftaten aufzuklären oder zu verhindern.

Allerdings kommt mit diesen Segnungen auch Verantwortung auf uns zu, da es möglich sein wird, über aufgezeichnete Protokolldateien der digitalen Helferlein Rückschlüsse über deren Besitzer zu ziehen oder die Nutzer solcher Dienste zu steuern - etwa über Pay-as-you-drive-Versicherungen, bei denen meine Fahrt durch eine Box im Auto überwacht wird und sich meine Prämie entsprechend meiner Fahrweise ändert.

STANDARD: Wie kann man sich dieser Verantwortung stellen?

Langheinrich: Man muss die Grenzen der Computernutzung bewusster ziehen - und einen Katalog an Fragen stellen: Wo sind die Grenzen des technisch Machbaren? Wollen wir eine immer perfektere Kontrolle über den Bürger, um ihn zum sicheren, gesunden Leben zu zwingen? Wollen wir eine immer feinmaschigere Überwachung im Dienste der Sicherheit? Wollen wir immer mehr Entscheidungen auf Computersysteme auslagern, ohne diese Entscheidungen nachvollziehen bzw. beeinflussen zu können? Eine Option ist, dem Konsumenten viele dieser Entscheidungen selbst zu überlassen - wer nicht geortet werden will, kann ja ohne Mobiltelefon leben. Auch hier wieder die Frage: Was ist, wenn diese Vielzahl an Möglichkeiten den Einzelnen überfordert und er den Anschluss verliert?

STANDARD: Ist die Überforderung nicht längst gegeben?

Langheinrich: Es wird in der Tat für den Einzelnen, wie auch für die Gesellschaft als solche immer schwieriger werden, die zunehmend komplexer werdenden Entscheidungswege solcher hochgradig vernetzter und auf Effizienz getrimmter Systeme zu verstehen, geschweige denn Einfluss zu nehmen. Die zahllosen Beispiele des Identitätsdiebstahls in den USA geben vielleicht einen guten Eindruck von der Ohnmacht der jeweiligen Opfer vor den "Mühlen des Fortschritts".

Schon heute weiß kaum jemand, wie viele Daten über einen selbst "in Umlauf" sind, in digitaler Form in irgendwelchen Datenbanken schlummern und beim Kauf eines Flugtickets hervorgeholt werden. Solche Profile bestimmen unser Leben. Ist es ethisch vertretbar, Menschen immer schneller in immer feinere Kategorien einzuteilen, die darüber entscheiden, welche Leistungen sie in Anspruch nehmen können oder welche Waren sie angeboten bekommen?

STANDARD: Haben Sie Antworten auf all diese Fragen?

Langheinrich: Ein Patentrezept gibt es leider noch nicht. Hier treffen eine Vielzahl von Motivationen aufeinander, die man nach und nach gegeneinander abwägen muss. Sicherlich zeichnen sich momentan Trends ab, die Anlass zur Sorge geben. Trends bezüglich der Gewinnung und Verwertung von persönlichen Daten im Dienste der Sicherheit und Effizienz.

STANDARD: Zum Beispiel?

Langheinrich: Die momentane Angst vor terroristischen Anschlägen fördert leider die allgemeine behördliche Sammelwut, in der ständigen Angst, womöglich einmal relevante digitale Spuren besessen, sie dann aber gelöscht zu haben. Hier muss klar die Frage der Verhältnismäßigkeit ins Spiel gebracht werden: Sind die getroffenen Maßnahmen der Gefahr angemessen? Wie verhältnismäßig ist es etwa, wenn man DNA-Analysen fordert, um unsere genetische Disposition zu schweren Straftaten bereits früh feststellen zu können? Selbst wenn sich dadurch sogar der eine oder andere Mord verhindern ließe - für mich wären solche "Vorsorgeuntersuchungen" unverhältnismäßig.

STANDARD: Inwieweit reichen Gesetze derzeit aus, um die Persönlichkeit zu schützen?

Langheinrich: Die bestehenden Gesetze sind sicherlich ein guter Ansatzpunkt und können bereits mit einer Vielzahl der abzusehenden Entwicklungen zum Beispiel im Bereich RFID Schritt halten. Allerdings gibt es durchaus Dinge, deren Beantwortung noch offen ist, etwa die angesprochene Profilbildung: Selbst wenn ich komplett anonym bleibe, das heißt meine "Privatsphäre" im herkömmlichen Sinne nicht berührt ist, können solche Profile mein Leben sehr nachhaltig beeinflussen.

Ich mag zum Beispiel von einer Kamera aufgenommen und aufgrund meines Erscheinungsbildes und meines Bewegungsablaufes als Kunde mit einem niedrigen Einkommen eingestuft werden - im Kaufhaus erhalte ich daraufhin einen minimalen Service. Hier ist meine Persönlichkeit gefährdet, ohne dass ich explizit erkannt worden wäre. Hier gibt es meines Wissens noch keine Ideen, wie man solchen anonymen Profilen im Rahmen der Datenschutzgesetze begegnet. (DER STANDARD, Printausgabe, 6.2.2008)

Zur Person
Marc Langheinrich (36), geboren in Frankfurt am Main, studierte Computerwissenschaften in Bielefeld und Zürich. Mitte der 1990er-Jahre war er an der University of Washington. Im Herbst 1997 ging er nach Japan zu NEC Research, wo er zu den Thema "E-Commerce" und "Personalisierung" arbeitete. Seit Oktober 1999 ist er an der Eidgenössischen Technischen Hochschule ETH Zürich als Forscher am Institut für Pervasive Computing beschäftigt.

Langheinrich werkt unter anderem an Sicherheits- und Datenschutzmechanismen für RFID-Chips, ist Mitglied von EU-Arbeits- und Forschungsgruppen zum Thema "Auswirkungen des Ubiquitous Computing auf die Sicherheit und Privatsphäre der Bürger" und untersucht Interaktionsaspekte auf der Suche nach einer Antwort auf die Frage "Wie können wir verschwindende Computer bedienen?" (pi)
  • Der Mensch, umgeben von Sensoren und Prozessoren: Marc Langheinrich glaubt, dass zahlreiche "Persönlichkeitsprofile" existieren, von denen Konsumenten im Regelfall gar nichts wissen.
    foto: eth

    Der Mensch, umgeben von Sensoren und Prozessoren: Marc Langheinrich glaubt, dass zahlreiche "Persönlichkeitsprofile" existieren, von denen Konsumenten im Regelfall gar nichts wissen.

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