"Niemand will als Rassist gelten"

11. Februar 2008, 13:20
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US-Politologe Phil Gussin im STANDARD-Interview über die Folgen der verstärkten Mediennutzung

Im Gegensatz zu früher nutzen viele US-Bürger die Medien im Wahlkampf heute, um ihre Meinung bestätigt zu sehen. Mit gefährlichen Folgen, befürchtet der Politologe Phil Gussin. Mit ihm sprach Christoph Prantner in Los Angeles.

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STANDARD: Wie wirkt sich die diversifizierte US-Medienszene auf die Wahlkampf-Berichterstattung aus?

Gussin: Die Menschen nutzen vermehrt Medien, die ihre Meinungen verstärken. Vergleichen sie die aktuelle Wahlauseinandersetzung mit Wahlen vor 20 Jahren: Damals mussten die Leute ihre Informationen von den TV-Networks beziehen. Sie wurden mit mehreren Sichtweisen über verschiedene Kandidaten konfrontiert. Heute können sie sich die Informationen aussuchen. Und niemand muss sich mehr mit der anderen Perspektive auseinandersetzen.

STANDARD: Wenn es um Hillary Clinton geht, scheint es in vielen US-Medien voreingenommene Meinungen zu geben. Stimmen sie zu? Und was ist mit den Republikanern?

Gussin: John McCain hat momentan eine sehr gute Presse. In einer früheren Phase seiner Kampagne war das Gegenteil der Fall, weil er die Berichterstattung zu sehr kontrollieren wollte. Das hat die Journalisten aufgebracht. Im Herbst hat er das aufgegeben. Hillary Clinton versucht, ihre Botschaft ebenfalls viel genauer zu kontrollieren als es etwa Barack Obama tut. Aber: Die Medien haben auch ein Problem damit, diesen jungen, intelligenten Schwarzen zu kritisieren. Niemand will als Rassist gelten.

STANDARD: Sollte Obama nominiert werden, werden die Republikaner garantiert nicht so zurückhaltend sein.

Gussin: Richtig. Ich würde meinen, dass wir dann öfter seinen vollen Namen, Barack Hussein Obama, hören werden. Sie werden auf seine bescheidene Erfahrung eingehen. Stellen sie sich einen Spot vor, in dem es um John McCain und Vietnam geht - und in der Gegenblende erscheint der Mittelschüler Obama. Und da ist noch die Drogengeschichte (Obama hat Kokainkonsum zugegeben, Anm.). Die Fragen werden lauten: Haben sie Kokain je weitergegeben oder verkauft? Wollen wir einen Präsidenten, der das womöglich getan hat?

STANDARD: Und wenn Hillary nominiert wird?

Gussin: Die Republikaner haben bereits alles an Dreck auf ihr abgeladen, was sie finden konnten. Mit einer Ausnahme: Bill Clinton. Mitt Romney hat damit schon angefangen. Er hat gesagt: Die Vorstellung eines Bill Clinton im Weißen Haus, der nichts zu tun hat, erschreckt mich zu Tode. Bei McCain wird die Altersfrage intensiv thematisiert werden.

STANDARD: Die New York Times hat sich für Clinton und McCain ausgesprochen, die LA Times für Obama und McCain. Was bewirkt das?

Gussin: Das hat zweifellos eine Bedeutung, insbesondere bei Bürgern, die nicht gut informiert sind. Was keinen Einfluss hat, sind Unterstützungserklärungen durch Prominente. Die helfen nur, Publikum zu den Veranstaltungen zu bringen. (DER STANDARD, Printausgabe, 6.2.2008)

  • Zur PersonPhil Gussin ist Professor für Politikwissenschaften und Medienexperte an der University of California in Los Angeles.
    foto: christoph prantner

    Zur Person

    Phil Gussin ist Professor für Politikwissenschaften und Medienexperte an der University of California in Los Angeles.

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