"Feierabendforschung" in Medizin

5. Februar 2008, 18:19
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Wissenschaftsrat schlägt schon vor Veröffentlichung des Endberichts Alarm: "Gravierende" Probleme an den Medizin-Unis

Wien - Die erste Zwischenbilanz für die 2002 neu gegründeten Medizin-Unis Wien, Graz und Innsbruck ist so beunruhigend, dass der Wissenschaftsrat Alarm schlägt in einem bis jetzt geheim gehaltenen "Ersten Bericht zur Struktur und Entwicklung der Medizinischen Universitäten" vom November 2007. Dem Standard liegt das Papier exklusiv vor.

Bei der Stärken/Schwächen-Analyse der Medizin-Unis wurden "einige Probleme identifiziert, die für alle drei Universitäten ein so gravierendes Entwicklungshemmnis darstellen, dass sich der Wissenschaftsrat verpflichtet sieht, darüber schon jetzt zu berichten." - Noch vor dem Endbericht. Der international besetzte Rat ist "das zentrale Beratungsgremium" des Wissenschaftsministers, des Parlaments und der Unis.

Ein gravierender Vorwurf ist die "unzulässige Verwendung von Bundesmitteln für Krankenversorgung". Sie resultiert aus dem "zentralen Problem" der Med-Unis, der "zwangsläufigen Trennung der Zuständigkeiten" - der Bund ist für universitäre Forschung und Lehre zuständig, die Länder für die Uni-Kliniken.

Der Rat kritisiert, dass durch die "Quersubventionierung" in Richtung Patienten der "Kernaufgabe von Forschung und Lehre" ein beträchtliches "Forschungsvolumen entzogen wird", was einen "gravierenden Nachteil im internationalen Wettbewerb" bedeutet. Zudem seien strategische Entscheidungen für die Unikliniken "bei weitem nicht in erforderlichem Maße an den Belangen von Forschung und Lehre orientiert".

Verstärkt werde der Wettbewerbsnachteil der österreichischen Medizin-Unis durch die getrennte Personalverwaltung in der Krankenversorgung. Je nachdem, ob Bund oder Land Dienstgeber ist, gelten unterschiedliche Dienstrechte "mit Auswirkungen auf Bezahlung und Karrierewege". Heißt etwa: "Sich in Lehre und Forschung zu engagieren, ist nicht primäre Motivation des beim Land angestellten Klinikpersonals."

Lokale Kräfte statt Exzellenz

Gespräche mit Nachwuchswissenschaftern hätten auch gezeigt, dass es "kein angemessenes Zeitbudget für kompetitive Forschung gibt, da die Routinekrankenversorgung dies nicht zulässt". Klinische Forschung "wurde bisher weitgehend als ,Feierabendforschung' durchgeführt".

Vernichtend auch das Urteil über die Schwerpunktbildung der Med-Unis. Es "drängt sich der Eindruck auf", dass diese statt Exzellenz dem "bisherigen ,lokalen Kräfteverhältnis' entsprechen, um so möglichst breite Unterstützung" zu finden. (Lisa Nimmervoll, Gudrun Springer/DER STANDARD Printausgabe, 6. Februar 2008)

  • Die Med-Unis haben nicht genügend Zeitbudget für die Forschung, meint der Wissenschaftsrat.
    foto: pmu

    Die Med-Unis haben nicht genügend Zeitbudget für die Forschung, meint der Wissenschaftsrat.

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