In meiner Erinnerung war jener 21. Juni 1978, an dem es zur Transsubstantiation...
...eines Fußballspieles kommen sollte, ein unerträglich heißer Sommertag. In meiner Familie aber, wir wohnten noch in Gurk, hingen tiefschwarze Gewitterwolken. Schon morgens waren die Eltern schlecht gelaunt, stritten, wem die untere, wem die obere Semmelhälfte zustand. Als zu Mittag dann auch noch der Gurkeneintopf zu grün war, erschien das Unwetter als Gezänk; erste Blitze gingen nieder. Den Rest des Tages verkroch man sich im Donnergrollen, bis Österreich gegen BRD angepfiffen wurde. Während die Partie anfangs ein Gegurke war, Willi Kreuz sich in Rolf Rüssmann festbiss wie eine Schnecke am Salatblatt, verzahnten sich meine Eltern, sonst ein Herz und eine Seele, in ihren Schimpfwörtern: Gurke, Gurkerich! Kaltz passte zu Hölzenbein, und meine Eltern waren im Getriebe ihrer Streiterei, schalteten Gang um Gang hinzu.
Als Karl-Heinz Rummenigge das 1:0 für Deutschland hachelte, wurde es handgreiflich, Türen flogen, die Tränen hatten Ausgang. Bruno Pezzey stoppte Dieter Müller, und meine Eltern liefen kreischend um das gurkengrüne Haus. Die reinste Hölle! Dann der Umschwung. Berti Vogts, der Terrier, gurkte ein Eigentor, und Hans Krankl pfefferte die Unsrigen in Führung. Jetzt hatte man den Salat. Bei uns flogen Schallplatten durchs Wohnzimmer, Disco '77 und Udo Jürgens größte Hits. Angeblich ist ja Jürgens Gurkensalatstimme bei Frauen so beliebt, weil seine Refrains ähnliche Wellen hobeln wie die weibliche Klimax.
Postwendend schlug nicht nur der Ausgleich in den konziliant gehüteten Kasten, sondern auch ein Glas Znaimer Delikatessgurken auf den Spannteppich, so dass die kleinen Gürkchen wie verendende, aus dem Aquarium gefallene Goldfische am Boden zuckelten. Ich bin übrigens der Meinung, der damalige österreichische Bundeskanzler entstammte einer glücklichen Gurkendynastie, während sich sein deutsches Pendant noch heute in die Gurkengrüne raucht. Der Siegestreffer, wo der Sohn eines Straßenbahnfahrers dem deutschen Hühnerfänger ein Gurkerl durch die Beine seppelte, ging ungesehen an mir vorbei, da just in diesem Augenblick der Fernseher durchs Fenster meierte. Damit war der Streit beendet. Im Radio brüllte Edi Finger I wer narrisch, und meine Eltern waren wieder ein Herz und eine Gurke, äh Seele. Auch später stritten sie kaum noch. Nur der Gurkensaftfleck am Teppich sollte uns lange noch an diesen vergurkten Tag erinnern, an dem aus einem Fußballspiel etwas Bedeutenderes werden sollte, ein Essiggurkerl der Nation. (Franzobel, DER STANDARD Printausgabe 5. Februar 2008)