Reportage: Der Traum von Harlem

13. Februar 2008, 09:56
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Im New Yorker Stadtteil Harlem, der spirituellen Hauptstadt der Afroamerikaner, hoffen viele auf Barack Obama

Im New Yorker Stadtteil Harlem, der spirituellen Hauptstadt der Afroamerikaner, hoffen viele auf Barack Obama. Mit der Wahl eines Schwarzen zum US-Präsidenten würde für sie der Traum von Martin Luther King in Erfüllung gehen.

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Ron Atkinson zeigt den Reverend am liebsten in nachdenklicher Pose. Den Kopf auf die Hand gestützt, den Blick träumerisch in die Ferne gerichtet. So stellt er Martin Luther King am liebsten aus, sonntagmorgens vor der Abyssinian Baptist Church, wo Atkinson solide gerahmte Schnappschüsse großer Afroamerikaner feilbietet. Muhammad Ali, wie er über dem am Boxringboden liegenden Sonny Liston tänzelt. Die Sprinter Tommy Smith und John Carlos, wie sie auf dem olympischen Siegertreppchen stehen und die schwarz behandschuhten Fäuste protestierend gen Himmel recken. Kings Bild ist das kleinste von allen.

Für Ron Atkinson ist er der Größte, zehnmal größer als alle anderen. „Er lud sich ganz Amerika auf seine Schultern. Und dabei war er so jung.“ Es ist 45 Jahre her, dass der Prediger auf den Stufen des Lincoln Memorials in Washington seine bekannteste Rede hielt („I have a dream“). „Ich habe einen Traum, dass meine vier kleinen Kinder eines Tages in einer Nation leben werden, in der man sie nicht nach der Farbe ihrer Haut, sondern nach ihrem Charakter beurteilen wird.“ Atkinson kann den Satz auswendig. Als King ihn sprach, war er 21 und gerade aus Waycross, Georgia, nach Harlem gezogen. Aus dem rassistischen Süden in die spirituelle Hauptstadt der Afroamerikaner.

Als Kind musste er Baumwolle pflücken. Sein Vater reinigte Jacken, Hemden und Hosen, für einen Dollar pro Tag. Heute fällt Atkinsons Blick auf teure Limousinen deutscher Bauart, in Zweierreihe vor der Kirche geparkt. Statussymbole der schwarzen Mittelschicht. Doch den Fortschritt macht er an etwas anderem fest. Er ist der Erste in seiner Familie, der seinen Kindern eine gut dokumentierte Krankengeschichte hinterlassen kann. Sein Vater konnte das nicht. Er war zu arm, um zum Arzt zu gehen. Und dann ist da noch die Sache mit Barack Obama. Zum ersten Mal kann es einem Menschen dunkler Hautfarbe gelingen, Präsident der Vereinigten Staaten zu werden. „Vielleicht erlebe ich wirklich noch, dass Dr. Kings Traum in Erfüllung geht“, sagt Atkinson, nicht ohne Skepsis.

Auch in Harlem wird am Super Tuesday gewählt. Aber Umfragen interessieren den Alten nicht, für ihn geht es um Geschichte. Für Michael Strachan geht es „um den Clinch zwischen dem Establishment und dem Volk“.

Gut eine Stunde lang hat Strachan, bunte Fliege, dunkle Nadelstreifen, den besten Gospelchor der Stadt singen hören, hat seinem Pastor bei der Predigt gelauscht. Calvin Butts sprach von Nächstenliebe, kein Wort zur Politik. Das Politische hat er schon vor zwei Wochen erledigt. Damals empfahl er Hillary Clinton zur Wahl. Weshalb Strachan nun im Konflikt mit seinem Reverend steht. Leicht fällt ihm das nicht. Die Baptistenkirche, exakt 200 Jahre alt, ist nicht nur ein Stück Historie, sondern auch ein Stück Autorität. Was der würdige Calvin Butt sagt, wiegt schwer. Aber diesmal muss Strachan einfach Einspruch einlegen. Er ist das Volk, sein Pfarrer das Establishment. „Obama hat eine einmalige Chance. So was erleben wir nur einmal in hundert Jahren.“

Obamas lokales Hauptquartier ist fast zutapeziert mit himmelblauen Postern. Vorm Schaufenster steht Bill Perkins und redet sich heiser. Von einem Denkzettel für Clinton spricht der hagere Politiker, der Harlem im Senat des Bundesstaates New York vertritt. Er meint nicht Hillary, sondern Bill. „Der Mann hat ein Büro in Harlem, aber keine Plantage.“ Harte Worte sind das. Die schwarze Literatur-Nobelpreisträgerin Toni Morrison nannte Clinton „den ersten schwarzen Präsidenten der USA“, weil er das Gefühl vermittelte, den Schmerz und den Stolz der Afroamerikaner zu verstehen. Jetzt stellt ihn Perkins auf eine Stufe mit den Plantagenbesitzern Alabamas oder Georgias, die sich Sklaven aus Afrika holten. „Nun mal langsam“, mischt sich Karimu Hamilton, eine Harlemer Künstlerin, ein. „Der Mann hat doch bloß einen Fakt konstatiert.“

Fakt oder Ohrfeige? Das ist die Frage, die Perkins und Hamilton entzweit. Im Wahlkampffieber ließ Clinton fallen, nun ja, Obama gewinne den Südstaat South Carolina, na und? Das habe schon Jesse Jackson geschafft. Für Perkins war es ein „Schlag ins Gesicht“. Zornig wirft er dem Ex-Präsidenten vor, Obama zum Randkandidaten herunterzuspielen, populär nur bei den Schwarzen, ein zweiter Jackson. An der Heftigkeit des Streits merkt man, wie sensibel das schwarze Amerika reagiert, wenn es auch nur den Anflug von Dünkel verspürt.

Malcolm X Boulevard, Ecke 125. Straße. In einem braunen Würfel aus Glas und Beton liegt Bill Clintons Büro. Draußen giebelgroße Wodka-Reklame. Als sich der „elder statesman“ hier niederließ, im Juli 2001, war es eine Zäsur. Das Symbol des Aufschwungs. Der hatte zwar lange vorher begonnen. Bereits in den Neunzigern begannen Pioniere, die historischen Häuserreihen aus braunem Stein zu renovieren. Die schwarze Mittelklasse, vor der Kriminalität in ruhigere Viertel geflohen, kehrte allmählich zurück. Mit ihr kamen junge Weiße, die es schick fanden, in der Nähe des Apollo-Theaters mit seiner weltberühmten Talente-Nacht zu wohnen.

„Gute neue Leute“, lobt sie Donald Young alias „The Battery Man“, ein Straßenhändler, der an der 125th Street Gemälde verkauft. Stolz zeigt er auf eine frei geräumte Baufläche. Macy’s wird hier ein Kaufhaus bauen. Gegenüber gibt es ein Starbucks, eine Eigentumswohnung mit drei Zimmern kostet knapp 900 000 Dollar. Das einstige Ghetto wird ganz normales New York, zumindest im Dreh um Clintons Büro. Donald Young hat dazu ein kleines Gedicht geschrieben. „Wenn sie gute neue Leute nach Harlem bringen können“, beginnt es und endet mit einer dialektischen Volte. „Dann lasst Harlem einen guten neuen Mann ins Weiße Haus bringen. Obama 08!“ (Frank Herrmann, New York, DER STANDARD, Printausgabe, 5.2.2008)

  • Ron Atkinson (re.) an seinem Verkaufs-stand vor der Abyssinian Baptist Church in Harlem. Sein Vorbild ist Martin Luther King. Deshalb ist er für Obama. 
Foto: Herrmann
    foto: frank herrmann

    Ron Atkinson (re.) an seinem Verkaufs-stand vor der Abyssinian Baptist Church in Harlem. Sein Vorbild ist Martin Luther King. Deshalb ist er für Obama. Foto: Herrmann

  • Bill Perkins, Abgeordneter im Bundesstaatensenat von New York, vor Obamas lokalem Hauptquartier.
    foto: frank herrmann

    Bill Perkins, Abgeordneter im Bundesstaatensenat von New York, vor Obamas lokalem Hauptquartier.

  • Michael Strachan, IT-Experte und kirchliche Respektsperson, am Eingang der Abyssinian Baptist Church.
    foto: frank herrmann

    Michael Strachan, IT-Experte und kirchliche Respektsperson, am Eingang der Abyssinian Baptist Church.

  • 125th Street: in dem Gebäude mit der Wodka-Reklame liegt Bill Clintons Büro.
    foto: frank herrmann

    125th Street: in dem Gebäude mit der Wodka-Reklame liegt Bill Clintons Büro.

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