"Lebensmaske" Attraktivität

6. Februar 2008, 11:58
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Im Fasching schlüpft man gern in an­dere Rollen - Die "Mas­ke", die bleibt, ist die Attraktivi­tät, nach der wir beurteilt wer­den - Elisabeth Oberzaucher im Interview

Hormonmarker, Symmetrie und Durchschnitt: Was Menschen als attraktiv empfinden, erklärt die Verhaltensforscherin Elisabeth Oberzaucher vom Wiener Ludwig Boltzmann Institut für Stadt-Ethologie im Interview. Die Regeln, nach denen wir bewerten, seien bei allen Menschen mehr oder weniger gleich, unfair sei es trotzdem.

derStandard.at: Liegt Schönheit im Auge des Betrachters oder gibt es fixe Regeln, was wir als schön empfinden?

Oberzaucher: Wir sprechen weniger von Schönheit als von Attraktivität und da gibt schon Eigenschaften, die generell als schön wahrgenommen werden. Symmetrie wird zum Beispiel als attraktiv wahrgenommen.

derStandard.at: Warum Symmetrie?

Oberzaucher: Da spielen unser Gehirn und unsere Augen mit. Wir können symmetrische Reize einfach leichter verarbeiten. Außerdem ist Symmetrie ein Hinweis auf ein gesundes Immunsystem des Menschen. Asymmetrien werden mit Entwicklungsstörungen, zum Beispiel durch Krankheitserreger oder Umwelteinflüsse assoziiert. Darüber, was genau Asymmetrien verursacht, gibt es allerdings nur Studien aus der Tierwelt.

derStandard.at: Gibt es ein komplett symmetrisches Gesicht?

Oberzaucher: Nein, das gibt es nicht und das wird auch nicht als schön wahrgenommen. Dazu gibt es Untersuchungen, wo Gesichtshälften gespiegelt wurden. Wir vermuten, dass das zu unnatürlich wirkt. Zweitens steigert die leichte Abweichung der Gesichtshälften auch den Erinnerungswert an ein Gesicht.

derStandard.at: Was macht ein Gesicht laut Attraktivitätsforschung noch attraktiv?

Oberzaucher: Durchschnittlichkeit bei Frauengesichtern: Wenn man Frauengesichter aufeinander legt, wird das Durchschnittsgesicht, das man daraus erhält, als attraktiver bewertet, als das einzelne Gesicht. Bei den Männern funktioniert das nicht. Legt man Männergesichtern übereinander, werden bestimmte Männlichkeitsmerkmale, so genannte Hormonmarker (Testosteronmarker) dadurch reduziert. Dazu gehören ein breiter Unterkiefer, ein langes Kinn und ausgeprägte Augenbrauenwülste.

derStandard.at: Haben umgekehrt Frauen auch Östrogenmarker?

Oberzaucher: Ja, diese sind wiederum ein Element bei der Attraktivität: hauptsächlich vorstehende Wangenknochen und ein kleines Untergesicht. Bei Frauen gelten diese Marker auch als Reifemerkmale (Fruchtbarkeit, Anm.).

derStandard.at: Die Forschung unterscheidet zwei Arten von Asymmetrie. Was sind die Unterschiede?

Oberzaucher: Das eine ist die gerichtete Asymmetrie. Diese haben wir alle: eine Körperhälfte ist ein bisschen kleiner als die andere. Das zieht sich durch den ganzen Körper und beeinträchtigt nicht die wahrgenommene Schönheit.

Dann gibt es noch die so genannte fluktuierende Asymmetrie, bei der es zu einer Abweichung von dieser groben Asymmetrie kommt. Ein sehr einfaches Beispiel: meine rechte Seite ist etwas kleiner als die linke, aber mein rechtes Auge ist viel größer als mein linkes. Aus biologischer Sicht erfolgt unbewusst die Deutung, dass solche Merkmale auf Entwicklungsstörungen oder Krankheiten zurückgehen.

derStandard.at: Was wird beim Körperbau als attraktiv empfunden?

Oberzaucher: Bei den Frauen gibt es das Taille-zu-Hüfte-Verhältnis. Da gibt es die magische Zahl von 0,7. Wenn man den Taillenumfang durch den Hüftumfang teilt und das ergibt diese Zahl, ist das sozusagen das optimale Maß.

Frauen haben eben Fettpölsterchen im Gesäß- und Hüftbereich, die auch wichtig sind. Für einen fruchtbaren Zyklus sind 20 bis 25 Prozent Körperfett notwendig. Auch die spezifische Verteilung ist wichtig: diese Pölsterchen verteilen sich nach der Menopause anders, da nähert sich dieses Verhältnis dann eher dem Wert Eins an – da geht die Taille im Prinzip verloren.

derStandard.at: Und bei den Männern?

Oberzaucher: Da ist es das Schulter-zu-Hüft-Verhältnis, bei dem die Zahl auch bei 0,7 oder 0,8 liegt: breite Schultern, schmale Hüften – also die klassische Cornettoform.

derStandard.at: Welche Rolle spielt die "Maske" Make Up? Echt oder nicht, spielt das eine Rolle für die Beurteilung des Gegenübers?

Oberzaucher: Die Evolution hat sicher nicht mit Make Up gerechnet. In irgend einer Form wird das ursprüngliche Aussehen in jeder Kultur verändert. Make Up kann durchaus helfen, das Aussehen einem Ideal anzunähern. Klassisch ist die Grundierung, die dazu beiträgt, dass wir quasi ein ebenmäßigeres Hautbild generieren. Das wirkt attraktiv, weil Hautunreinheiten eher wieder auf einen instabilen Gesundheitszustand hinweisen. Auch vergrößerte Augen wirken attraktiv, weil sie ein Merkmal für Jugendlichkeit sind. In den meisten Fällen ist es offensichtlich, dass man Make Up trägt, trotzdem ist es dafür geeignet den ersten Eindruck zu verbessern.

derStandard.at: Spielt da auch Verkleidung eine Rolle?

Oberzaucher: Wissenschaftlich kann ich da nichts dazu sagen, aber ich glaube das hat nichts mit Schönheit zu tun. Da geht es eher darum eine Rolle zu spielen, die man im Alltag nicht spielen kann.

derStandard.at: Was geschieht, wenn Gefühle bei der Bewertung von Attraktivität ins Spiel kommen, ändert es etwas?

Oberzaucher: Beim Kennenlernen durchläuft man verschiedene Filter: Als erstes sieht man jemanden auf Distanz, da nimmt man vielleicht die Körperproportionen wahr und die Bewegungsqualität. Wenn Einem das anspricht, kommt man mit diesem Menschen ins Gespräch.

Dann kommt die Stimmqualität dazu, man schaut sich das Gesicht an. Gefällt das, kommt man sich näher und schätzt den Geruch des Anderen ab, ob man ihn auch riechen kann.

Erst dann kann man Gefühle entwickeln. Wir sind da im Grunde sehr oberflächlich. Natürlich verliert mit der Zeit das Aussehen an Bedeutung. Paare, die miteinander altern, finden sich wahrscheinlich immer noch schön, obwohl das von Außen vielleicht nicht so betrachtet wir.

derStandard.at Haben es Menschen, die den beschriebenen Attraktivitätsidealen entsprechen, tatsächlich leichter im Leben?

Oberzaucher: Da gibt es Studienergebnisse, die eigentlich ganz erschreckend sind. Menschen schreiben schönen Menschen eher positive Eigenschaften zu. Hübsche Schulkinder bekommen bessere Noten. Dazu hat es einen Versuch mit Aufsätzen und Schülerfotos gegeben. Attraktive Menschen setzten sich auch bei Bewerbungsgesprächen eher durch und kriegen mehr Gehalt – kurz gesagt, es ist unfair. (mat, derStandard.at, 4.2.2008)

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    Große Augen gelten als attraktiv. Make Up wird als "Verschönerung" akzeptiert.

  • Zur Person
Elisabeth Oberzaucher ist Verhaltensforscherin am Wiener Ludwig Boltzmann Institut. Das Institut ist führend auf dem Gebiet der Attraktivitätsforschung.
    foto: ludwig boltzmann institut

    Zur Person

    Elisabeth Oberzaucher ist Verhaltensforscherin am Wiener Ludwig Boltzmann Institut. Das Institut ist führend auf dem Gebiet der Attraktivitätsforschung.

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