US-Wahl: "Glaubte früher Experten"

20. Februar 2008, 17:50
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Anderson Cooper ist mit dem Nachrichtenmagazin "360°" politischer Starmoderator von CNN - DER STANDARD fragte ihn zum "Super Tuesday" nach medialer Inszenierung

STANDARD: Im Wahlkampf moderieren Sie Debatten auf YouTube für CNN. Wähler können Kurzfilme mit Fragen hochladen. Ihre Erfahrungen damit?

Cooper: Es ändert die Art der Gespräche komplett und bringt neue Energie in den Schlagabtausch. Man braucht allerdings jemanden vor Ort, denn Politiker sind sehr gut darin, Fragen so zu beantworten, wie sie antworten wollen.

DER STANDARD: Die Vorwahlen wurden massiv medial inszeniert. Entspricht diese Inszenierung noch dem Ereignis?

Cooper: Ich glaube schon, dass die Vorwahlen sehr wichtig sind. Aber ich denke auch, dass die Medien sie noch größer machen als dies nötig wäre. Aber das hat auch seinen Grund. Natürlich kann man sagen, dass Iowa, wo die ersten Vorwahlen stattgefunden haben, ein wahnsinnig kleiner Staat ist, der mit seiner fast ausschließlich weißen Bevölkerung nicht repräsentativ für die gesamten USA ist. Aber dadurch, dass so viel Aufmerksamkeit auf diese erste Vorwahl gerichtet wird, verbringen die Kandidaten viel mehr Zeit in Iowa, als sie es sonst tun würden. Und die Menschen dort bekommen einen viel intimeren Endruck von den Politikern als die meisten anderen von uns. Sie können sich die Kandidaten genauer ansehen. Es ist also ein sehr interessantes Testgebiet.

DER STANDARD: Sehen Sie sich als Entertainer oder als Diskussionsleiter?

Cooper: In allem, was ich tue – egal ob es eine Debatte zur Präsidentschaftswahl ist oder meine eigene Sendung “Anderson Cooper 360°” – versuche ich, die Rolle des neutralen Beobachters einzunehmen. Es ist heutzutage sehr angesagt, viel zu schimpfen und herumzubrüllen – vor allem in den Nachrichtensendungen der Kabelsender. Davon halte ich nichts. Ich bin da eher "alte Schule" und versuche die Sachen von so vielen Seiten zu beleuchten wie möglich. Unsere Zuschauer sind schlau genug, selbst zu entscheiden und sich ihre eigene Meinung zu bilden. Was sie wollen, sind Informationen und Fakten.

Bei den Debatten sehe ich meine Aufgabe außerdem in erster Linie darin, eine Diskussion zwischen den Kandidaten zu entfachen. Je weniger man mich als Moderator dabei wahr nimmt, desto besser. Ich habe es nicht nötig, durch ausgefuchste Fragen besonders klug dastehen zu wollen. Es geht nicht um mich, es geht um die Kandidaten. Meine Aufgabe ist es, aus dem Weg zu gehen und so wenig zu sagen wie nötig, damit sie so viel sagen können wie möglich.

DER STANDARD: Geht die intensive mediale Inszenierung nicht zu Lasten der Inhalte?

Cooper: Es ist richtig, dass man als Journalist oft viel Zeit damit verbringt, über das Rennen und die Rivalitäten zu schreiben. Man ist oft mehr in die tagtäglichen Streitereien verwickelt als in die wirklich wichtigen Kernthemen. Aber ich denke, dieser Wahlkampf ist lang genug und es gibt genügend Debatten, so dass niemand sagen kann, er wisse nicht, wofür die Kandidaten wirklich stehen.

Eine andere Gefahr ist natürlich, dass manche Menschen das Thema leid sein könnten, wenn am Ende des Jahres die Wahl dann tatsächlich ansteht. Auch deshalb versuchen wir bei CNN uns so gut es geht auf die inhaltlichen Fragen zu konzentrieren und uns nicht in den Kleinigkeiten des Wahlkampf-Alltags zu verlieren. CNN Chef Jonathan Klein hat als Devise für unsere Wahlkampfberichterstattung ausgegeben: „Lasst die Kandidaten reden, nicht die Experten und Analysten.”

DER STANDARD: Sehen Sie sich als "Präsidentenmacher"?

Cooper Nein, das wäre albern. Ich habe schließlich nur eine kleine Sendung auf CNN. Es ist ein Privileg, bei den Leuten zuhause auf dem Fernseher erscheinen zu dürfen.

DER STANDARD: Wie bereiten Sie sich auf ihre Interviews vor?

Cooper: Ich versuche, mit so viel Informationen bewaffnet zu sein wie möglich. Deshalb verbringe ich die meiste Zeit meines Tages mit Lesen: Zeitungsartikel, politische und geschichtliche Aufsätze. Ich habe Politikwissenschaft studiert und bin von Politik fasziniert seit ich denken kann. Deshalb fühlt es sich für mich nicht wie Arbeit an. Ich lerne jeden Tag unglaublich viel dazu – das ist es, was den Job interessant macht.

DER STANDARD: Wer wird gewinnen?

Cooper: Ich will ganz offen sein, ich habe nicht die leiseste Ahnung (lacht). Und egal was die anderen sagen: Sie haben auch keine Ahnung, wie es am Ende ausgehen wird. Das ist es ja, was dieses Rennen so großartig macht. Es ist offen, wie keine andere Wahl zuvor. Deshalb erleben wir bei CNN auch gerade ein so riesiges Zuschauerinteresse.

Früher habe ich tatsächlich geglaubt, dass diese ganzen Experten genau wüssten, wovon sie reden und dass sie eine Ahnung hätten, wie das Rennen ausgehen wird. Aber man sieht es auch in diesem Wahlkampf wieder: Viele – und ich war nicht darunter – hatten John McCain schon abgeschrieben, weil er in finanziellen Schwierigkeiten steckte. Und er schaffte ein Comeback! Es gibt zu viele unvorhersehbare Faktoren. Wenn zum Beispiel Michael Bloomberg, der Bürgermeister von New York, in das Rennen um die Präsidentschaft einsteigen würde, würde sich die Lage noch einmal in einem Maße ändern, die niemand auch nur erahnen kann.

DER STANDARD: Was würden Sie tun, wenn Sie einen Tag Präsident sein dürften?

Cooper: Ich wäre vermutlich ein ganz grauenvoller Präsident, denn mir fällt gerade wirklich nichts ein. (Doris Priesching/DER STANDARD; Printausgabe, 5.2.2008/Langfassung)

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Burma, Ruanda, Bosnien, US-Wahl
Anderson Cooper, Sohn der Millionenerbin Gloria Vanderbilt, zog mit Videokamera und gefälschtem Presseausweis 1988 in Krisenregionen der Welt, als sich sein Bruder das Leben genommen hatte: Er berichtete für das Schulfernsehen Channel One, dann für ABC aus Burma, Ruanda, Somalia, Bosnien. Seit 2001 arbeitet Cooper für CNN, etwa über die Verwüstungen des Hurrikans Katrina und über die Terroranschläge in London 2005. Das Interview entstand in Kooperation mit der Süddeutschen Zeitung. CNN berichtet Mittwoch von 1 bis 6 Uhr vom "Super Tuesday".

Aktuelle Informationen zur US-Wahl zeigt CNN International immer freitags um 20.00 Uhr in "The Campaign Trail". Im Internet unter cnn.com/americavotes

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  • Nach Stationen als Nachrichtenkorrespondent bei ABC und Channel One erklärt Cooper heute den CNN-Zuschauern, wie die Wahlen in den USA funktionieren.
    foto: cnn

    Nach Stationen als Nachrichtenkorrespondent bei ABC und Channel One erklärt Cooper heute den CNN-Zuschauern, wie die Wahlen in den USA funktionieren.

  • Derzeit konzentriert er sich auf die Berichterstattung über den US-Präsidentschaftswahlkampf. So moderierte er unter anderem die CNN-YouTube-Debatten mit den Kandidaten der Demokraten und Republikanern.
    1foto: cnn

    Derzeit konzentriert er sich auf die Berichterstattung über den US-Präsidentschaftswahlkampf. So moderierte er unter anderem die CNN-YouTube-Debatten mit den Kandidaten der Demokraten und Republikanern.

  • Im vergangenen Jahr widmete er sich den Folgen des Klimawandels: Für die vierstündige Dokumentation "Planet in Peril" besuchte Cooper 13 Länder auf vier Kontinenten.
    foto: cnn

    Im vergangenen Jahr widmete er sich den Folgen des Klimawandels: Für die vierstündige Dokumentation "Planet in Peril" besuchte Cooper 13 Länder auf vier Kontinenten.

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