Afrika-Experte Matthias Basedau im derStandard.at- Interview über die fehlende Neutralität Frankreichs, die Interessen der Rebellen und die Gründe für Unterstützung aus dem Sudan
Den Rebellen im Tschad geht es nicht um Reform oder Demokratie, sondern allein um persönliche Interessen. Die EUFOR-Mission wäre gut damit beraten, ihre Neutralität besser herauszustreichen, um von den Rebellen nicht als Debys-Unterstützer wahrgenommen zu werden. Ob das funktionert, bezweifelt der Afrika-Experte Matthias Basedau im derStandard.at-
Interview. Die Fragen stellte Michaela Kampl.
***derStandard.at: Wie wird sich ihrer Meinung nach die Situation im Tschad vor Ort weiterentwickeln?
Basedau: Das ist nätürlich schwierig zu bewerten. Ich würde hier eher in Szenarien sprechen wollen. Streng genommen gibt es drei davon. Das erste ist, dass die Regierung siegt. Das zweite ist, dass die Rebellen siegen und die dritte Variante ist, dass weder der eine noch der andere siegt, und dass es zu weiteren Kämpfen kommt - dann aber wahrscheinlich landesweit. Diese drei Optionen gibt es. Es sieht ein bisschen so aus, als ob die Regierungstruppen einen Abwehrerfolg erzielt hätten, genau kann man das aber noch nicht sagen. Ob die Regierung sich durchsetzt, wird auch davon abhängen inwieweit die Franzosen sie unterstützt.
derStandard.at: Welche Interessen hat Frankreich im Tschad? Warum halten sie an Deby als Präsidenten fest?
Basedau: Ein großer Teil des frankophonen Afrika, vor allen Dingen West- und Zentralafrika, gehört zu der klassischen Einflusszone Frankreichs. Frankreich ist es wichtig, dass dort Regierungen an der Macht sind, die Frankreich grundsätzlich wohlgesonnen sind. Frankreich hat auch Interesse an politischer Stabilität - und das ist unabhängig vom Charakter des Regimes.
derStandard.at: Geht es da, wie immer wieder zu lesen ist, um die Ölreserven des Tschad?
Basedau: Darum geht es eigentlich weniger. Es gibt zwar Öl im Tschad, aber nicht besonders viel. Die französische Ölfirma hat sich damals, als die Ölförderung in den 1990er Jahren vorbereitet wurde, zurückgezogen.
derStandard.at: Warum ist Frankreich an einer Einflusszone interessiert, ohne daraus konkret ökonomisch zu profitieren?
Basedau: Vielleicht kann man sich die Illusion der Grandeur und der Bedeutung dadurch erhalten, dass man überhaupt eine Einflusszone hat. Und diese Idee des Prestiges, die ist in Frankreich durchaus präsent. Im Tschad geht es hauptsächlich darum, dass man einen Verbündeten hat und nicht möchte, dass das Land in die Hände einer Regierung fällt, die Frankreich möglicherweise nicht wohlgesonnen ist.
derStandard.at: Was sind die Forderungen der Rebellen?
Basedau: Dazu muss man wissen, dass die beiden wichtigsten Rebellenführer ehemalige Verbündete von Deby sind. Einer von ihnen war für den Baumwollsektor verantwortlich, der war vor dem Erdöl der wichtigste Wirtschaftsfaktor des Landes. Er gehört auch der selben ethnischen Gruppe wie Deby an. Aufgrund eines internen Machtkampfes hat er dem Präsidenten den Rücken gekehrt.
Der Führer der zweiten großen Rebellengruppe ist ein ehemaliger Verteidigungminister Debys. Es geht eigentlich nicht um Inhalte. Wahrscheinlich behaupten die Rebellen, sie sind für Demokratie, aber eigentlich geht es um personelle Machtkämpfe. Ich glaube auch nicht, dass eine neue Regierung - sollten die Rebellen gewinnen - notwendigerweise besser wäre als die derzeitige Regierung.
derStandard.at: Welche Interessen verfolgt der Sudan im Tschad?
Basedau: Dass die Rebellen vom Sudan unterstütz werden, ist ein offenes Geheimnis. Die primäre Motivation des Sudan besteht darin, dass der Tschad auch sudanesische Rebellen unterstützt hat. Man hat zwar versucht mehrere Abkommen zu beschließen und sich gegenseitig versichert, dass man die Rebellen jetzt nicht mehr unterstützt, aber diese Vereinbarungen sind aus verschiedenen Gründen immer wieder gebrochen worden.
derStandard.at: Ist es sinnvoll in der derzeitigen Krisensituation an der EUFOR-Mission festzuhalten?
Basedau: Man könnte sagen, dass gerade bei einer krisenhafte Entwicklung Friedenstruppen im Land sein sollten. Das Risiko steigt dann aber natürlich enorm. Das größte Problem dieser Friedensmission ist allerdings meiner Ansicht nach, dass aufgrund der starken Rolle Frankreichs die Neutralität dieser Friedenstruppe nur bedingt gegeben ist. Und es gibt die plausible Annahme, dass die Rebellen diesen Angriff auf die Hauptstadt vor allem deswegen gestartet haben, weil sie sozusagen Fakten schaffen wollten, bevor die EU-Mission eintrifft. Die wäre ja in Orten des Landes stationiert gewesen, wo die Rebellen ihre Basis haben und das hätte ihre Aktion natürlich eingeschränkt.
Jedenfalls wird die EU-Truppe von den Rebellen als Unterstützung für Deby wahrgenommen und es könnte gut sein, dass deswegen der Angriff erfolgt ist.
derStandard.at: Wie sollten UNO und EU idealerweise weiter vorgehen?
Basedau: Grundsätzlich sind Friedenseinsätze sinnvoll. Aber es wäre zu übrlegen, wie man dafür sorgen könnte, dass die Mission neutraler ist. Frankreich müsste sich glaubwürdig neutral verhalten. Das versucht Frankreich teilweise auch nach außen. Man hat ja behauptet, man wolle sich nicht einmischen, aber inwieweit das zutrifft ist zu bezweifeln.
derStandard.at: Weche Rolle könnte die Afrikanische Union (AU) bei der Lösung des Konfliktes spielen?
Basedau: Die AU könnte vermitteln. Es wäre natürlich auch möglich, dass sie eine Friedenstruppe entsendet, aber die Erfahrungen in Darfur waren nicht positiv. Man sollte insgesamt die Möglichkeiten der AU als politischer Akteur nicht überschätzen.
Zur Person: Matthias Basedau ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am
GIGA Institut für Afrika-Studien und Leiter des GIGA Forschungsschwerpunktes "Gewaltdynamiken und Sicherheitskooperation".