"Bei krisenhafter Entwicklung sollten Friedenstruppen im Land sein"

Redaktion, 3. März 2008, 10:32
  • Artikelbild
    foto: giga

    Matthias Basedau ist seit 2002 wissenschaftlicher Mitarbeiter des in Hamburg ansässigen GIGA Institut für Afrika Studien.

Afrika-Experte Matthias Basedau im derStandard.at- Interview über die fehlende Neutralität Frankreichs, die Interessen der Rebellen und die Gründe für Unterstützung aus dem Sudan

Den Rebellen im Tschad geht es nicht um Reform oder Demokratie, sondern allein um persönliche Interessen. Die EUFOR-Mission wäre gut damit beraten, ihre Neutralität besser herauszustreichen, um von den Rebellen nicht als Debys-Unterstützer wahrgenommen zu werden. Ob das funktionert, bezweifelt der Afrika-Experte Matthias Basedau im derStandard.at-Interview. Die Fragen stellte Michaela Kampl.

***

derStandard.at: Wie wird sich ihrer Meinung nach die Situation im Tschad vor Ort weiterentwickeln?

Basedau: Das ist nätürlich schwierig zu bewerten. Ich würde hier eher in Szenarien sprechen wollen. Streng genommen gibt es drei davon. Das erste ist, dass die Regierung siegt. Das zweite ist, dass die Rebellen siegen und die dritte Variante ist, dass weder der eine noch der andere siegt, und dass es zu weiteren Kämpfen kommt - dann aber wahrscheinlich landesweit. Diese drei Optionen gibt es. Es sieht ein bisschen so aus, als ob die Regierungstruppen einen Abwehrerfolg erzielt hätten, genau kann man das aber noch nicht sagen. Ob die Regierung sich durchsetzt, wird auch davon abhängen inwieweit die Franzosen sie unterstützt.

derStandard.at: Welche Interessen hat Frankreich im Tschad? Warum halten sie an Deby als Präsidenten fest?

Basedau: Ein großer Teil des frankophonen Afrika, vor allen Dingen West- und Zentralafrika, gehört zu der klassischen Einflusszone Frankreichs. Frankreich ist es wichtig, dass dort Regierungen an der Macht sind, die Frankreich grundsätzlich wohlgesonnen sind. Frankreich hat auch Interesse an politischer Stabilität - und das ist unabhängig vom Charakter des Regimes.

derStandard.at: Geht es da, wie immer wieder zu lesen ist, um die Ölreserven des Tschad?

Basedau: Darum geht es eigentlich weniger. Es gibt zwar Öl im Tschad, aber nicht besonders viel. Die französische Ölfirma hat sich damals, als die Ölförderung in den 1990er Jahren vorbereitet wurde, zurückgezogen.

derStandard.at: Warum ist Frankreich an einer Einflusszone interessiert, ohne daraus konkret ökonomisch zu profitieren?

Basedau: Vielleicht kann man sich die Illusion der Grandeur und der Bedeutung dadurch erhalten, dass man überhaupt eine Einflusszone hat. Und diese Idee des Prestiges, die ist in Frankreich durchaus präsent. Im Tschad geht es hauptsächlich darum, dass man einen Verbündeten hat und nicht möchte, dass das Land in die Hände einer Regierung fällt, die Frankreich möglicherweise nicht wohlgesonnen ist.

derStandard.at: Was sind die Forderungen der Rebellen?

Basedau: Dazu muss man wissen, dass die beiden wichtigsten Rebellenführer ehemalige Verbündete von Deby sind. Einer von ihnen war für den Baumwollsektor verantwortlich, der war vor dem Erdöl der wichtigste Wirtschaftsfaktor des Landes. Er gehört auch der selben ethnischen Gruppe wie Deby an. Aufgrund eines internen Machtkampfes hat er dem Präsidenten den Rücken gekehrt. Der Führer der zweiten großen Rebellengruppe ist ein ehemaliger Verteidigungminister Debys. Es geht eigentlich nicht um Inhalte. Wahrscheinlich behaupten die Rebellen, sie sind für Demokratie, aber eigentlich geht es um personelle Machtkämpfe. Ich glaube auch nicht, dass eine neue Regierung - sollten die Rebellen gewinnen - notwendigerweise besser wäre als die derzeitige Regierung.

derStandard.at: Welche Interessen verfolgt der Sudan im Tschad?

Basedau: Dass die Rebellen vom Sudan unterstütz werden, ist ein offenes Geheimnis. Die primäre Motivation des Sudan besteht darin, dass der Tschad auch sudanesische Rebellen unterstützt hat. Man hat zwar versucht mehrere Abkommen zu beschließen und sich gegenseitig versichert, dass man die Rebellen jetzt nicht mehr unterstützt, aber diese Vereinbarungen sind aus verschiedenen Gründen immer wieder gebrochen worden.

derStandard.at: Ist es sinnvoll in der derzeitigen Krisensituation an der EUFOR-Mission festzuhalten?

Basedau: Man könnte sagen, dass gerade bei einer krisenhafte Entwicklung Friedenstruppen im Land sein sollten. Das Risiko steigt dann aber natürlich enorm. Das größte Problem dieser Friedensmission ist allerdings meiner Ansicht nach, dass aufgrund der starken Rolle Frankreichs die Neutralität dieser Friedenstruppe nur bedingt gegeben ist. Und es gibt die plausible Annahme, dass die Rebellen diesen Angriff auf die Hauptstadt vor allem deswegen gestartet haben, weil sie sozusagen Fakten schaffen wollten, bevor die EU-Mission eintrifft. Die wäre ja in Orten des Landes stationiert gewesen, wo die Rebellen ihre Basis haben und das hätte ihre Aktion natürlich eingeschränkt. Jedenfalls wird die EU-Truppe von den Rebellen als Unterstützung für Deby wahrgenommen und es könnte gut sein, dass deswegen der Angriff erfolgt ist.

derStandard.at: Wie sollten UNO und EU idealerweise weiter vorgehen?

Basedau: Grundsätzlich sind Friedenseinsätze sinnvoll. Aber es wäre zu übrlegen, wie man dafür sorgen könnte, dass die Mission neutraler ist. Frankreich müsste sich glaubwürdig neutral verhalten. Das versucht Frankreich teilweise auch nach außen. Man hat ja behauptet, man wolle sich nicht einmischen, aber inwieweit das zutrifft ist zu bezweifeln.

derStandard.at: Weche Rolle könnte die Afrikanische Union (AU) bei der Lösung des Konfliktes spielen?

Basedau: Die AU könnte vermitteln. Es wäre natürlich auch möglich, dass sie eine Friedenstruppe entsendet, aber die Erfahrungen in Darfur waren nicht positiv. Man sollte insgesamt die Möglichkeiten der AU als politischer Akteur nicht überschätzen.

Zur Person: Matthias Basedau ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am GIGA Institut für Afrika-Studien und Leiter des GIGA Forschungsschwerpunktes "Gewaltdynamiken und Sicherheitskooperation".
Kommentar posten
15 Postings
t
11
Billige Frankreichklischees

uni versalis
00
was wollen sie uns damit sagen?

wissen sie es besser?

t
00
11.2.2008, 11:05
"grandeur"

auch der Franzose tickt ein bisschen komplexer und sieht den Sinn des Lebens nicht nur im Sichwichtigmachen. Auch die Exkolonialmacht hätte lieber weniger Verantwortung, weiß nur nicht, wie sie sie loswerden kann.

karcsi
 
00
lt. cnn haben die viel uran, fr. bezieht 80% (glaube ich gehört zu haben) atomstrom.

Chris Quast
00

laut div. quellen gehören die weder zu den 10 größten förderländer, noch zu den ländern mit den größten reserven.

Igor Gassner
00
Aber sie gehören zur Franc Afrique Zone

da werden wohl die Konzessionen ein wenig günstiger für Frankreich sein.

Es gibt keinen Sieg für irgend wen. Ganz offensichtlich sind diese Staan so groß und so Arm dass sich nie eine Partei durchsetzen kann. Sudan hat seit 1954 Bürgerkrieg Tschad seit 1960 und die Zentralafrikanische Republik meiste Zeit dazu kommt noch der latente Konflikt mit Libyen.

Das ganze sind als Sandkastenspiele warscheinlich durch wirtschaftsinteressen und durch Interessen hervorgeruen die den politischen Islam betreffen.

Das ist der selbe Konflikt wie vor hundert Jahren als GB und FRankreich beinahe Krieg führten in dieser Region, das waren damals die selben Ursachen nur das China nun mitmischt Russland war auch damsl schon dabei.

karcsi
 
00
was immer halt viel uran bedeutet:

"Der Tschad besitzt bisher nicht erschlossene Bodenschätze: Uran, Gold, Zinn, Bauxit im äußersten Norden (Nohlen, 1993: 680), in dem von Libyen ehemals besetzten Azouzou-Streifen (SIPRI, 1988: 178 f.; Herz, 1988: 94 f.) sind es Wolfram, Zinn, Blei und Uran (Matthes, 1993: 488 f.), vor allem aber ist es Erdöl (dazu i. e. unten)."

http://www.uni-muenster.de/PeaCon/wu... 30501m.htm

Chris Quast
00

eben auch österreich hat gold, salz, eisen, erdgas, erdöl.

für den tschad gibt bp, ölreserven von 0,9 mrd barrels an. Das sind sehr sehr magere 0,074% der weltreserven.

Gefördert wurden 06, 153000/t auch nur 0,2% der Weltförderung. (Platz 47).

zu den anderen vorkommen kann ich zu wenig sagen

karcsi
 
00
ist doch interessant, wenn der von mir erwähnte artikel das öl so betont

und man dann die von ihnen reingestellte zahl erfährt.

für mich sagt das aber, dass offensichtlich schon um kleine mengen hart gekämpft wird, man also wirklich in öl investieren sollte.

im tschad gehts aber mMn eh vor allem um das sudanische öl in darfur, nachdem man das im süden schon weitgehend unter kontrolle gebracht hat. der südsudan soll sich - unter kiir und us-bewachung - 2011 unabhängig erklären.

thranduil -
00
10.3.2008, 12:45
in darfur gehts aber eher um land und wasser als um öl

geld hai
00
Können Sie für Ihre Behauptung seriöse Quellen nennen?

Oder ist das jetzt Ihre persönliche Einschätzung.

Übrigens gibt es Bodenschätze in vielen Ländern, darunter auch einige die reicher an Bodenschätzen sind, wo aber kein Krieg herrscht.

Erwin Brandstetter
00

Glauben Sie gehört zu haben?
Ich glaube, Sie hören schlecht.

karcsi
 
00
wenn sie zumindest lesen können, damm komm ma eh zam:

"In Frankreich wird ca. 80 Prozent der Elektrizität mit Atomkraftwerken produziert."

http://de.wikipedia.org/wiki/Frankreich

el dus
 
12
Das neutrale Frankreich läßt seine Düsenjäger über's Land fliegen

Wie kürzlch berichtet wurde. Alles eh nur Aufklärung .......
Was ich als Rebell davon halten würde, ist mir klar. Die Franzosen berichten dem Herrn Präsidenten,wo wir sind, und er kann das Militär auf uns hetzen.
Für die Grandeur der Franzosen schickt Gusi Österreicher in den Tschad.
Der Traum von der Größe hat nach den rechten auch schon die linken Zwerge erfasst..............

madsrb
 
00
Größenwahn ist leider politisch unabhängig und farbenblind...

Die Kommentare von Usern und Userinnen geben nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion wieder. Die Redaktion behält sich vor, Kommentare, welche straf- oder zivilrechtliche Normen verletzen, den guten Sitten widersprechen oder sonst dem Ansehen des Mediums zuwiderlaufen (siehe ausführliche Forenregeln), zu entfernen. Der/Die Benutzer/in kann diesfalls keine Ansprüche stellen. Weiters behält sich die derStandard.at GmbH vor, Schadenersatzansprüche geltend zu machen und strafrechtlich relevante Tatbestände zur Anzeige zu bringen.