Juveniler Schlaganfall: "Es bleiben immer Unklarheiten"

5. Februar 2008, 12:04
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Wenn 18- bis 45-Jährige einen Schlaganfall erleiden, sind die Ursachen auch für den Mediziner nicht einfach auszumachen - Im Interview der Neurologe Franz Fazekas

derStandard.at: Die Ursachen bei jungen Schlaganfallpatienten sind andere als bei älteren, warum?

Fazekas: Im Alter handelt es sich meist um eine Gefäßschädigung, die sich durch Rauchen, Bluthochdruck, Fettstoffwechselsstörungen oder Diabetes über Jahre entwickelt.

Bei jungen Betroffenen sind die Ursachen bei weitem variabler. Da kann eine Entzündung im Gefäß oder das plötzliche Reißen einer Gefäßwand die Ursache sein. Es kann aber genau so eine angeborene Gefäßwandschwäche vorliegen. Auch eine erbliche Störung des Gerinnungssystems ist möglich, Gefäßfehlbildungen, Herzfehler und Störungen der Herzfunktion.

derStandard.at: Sind deshalb auch in 40 Prozent der Fälle juveniler Schlaganfälle keine genauen Auslöser diagnostizierbar?

Fazekas: Das Problem ist, dass mehrere Faktoren plötzlich zusammen treffen. Wenn man bei einer Gerinnungsstörung viel in der Sonne liegt, schwitzt und zusätzlich nichts trinkt und auch noch eine angeborene Neigung zu einer gesteigerten Gerinnung hat, dann kann sich plötzlich ein Thrombus bilden. Kommt dieser ins Gehirn, kann er zu einer entsprechenden Symptomatik führen.

Wird das im Gehirn korrigiert, finden sie den direkten Nachweis nicht mehr. Dann sind Schlüsse nur noch über indirekte Hinweise möglich.

derStandard.at: Wie lassen sich da die Ursachen einschränken?

Fazekas: Bei jüngeren Betroffenen versucht man neben der normalen Diagnostik, wie Computertomografie auch noch seltenere Möglichkeiten anzudenken. Dadurch entdecken wir immer mehr: Zum Beispiel, dass die erbliche Neigungen zur Gerinnung untersucht wird. Oder, dass man auch Defekte wie den Morbus Fabry andenkt. Der ist ja geradezu "in", zeigt aber, dass Enzymstörungen eine Ursache sein können. Aber es bleiben trotzdem immer Unklarheiten.

derStandard.at: Es ist noch sehr wenig über die juvenilen Schlaganfälle bekannt. Wird jetzt vermehrt Forschungen betrieben?

Fazekas: Sie haben völlig recht. International ist die Kultur der Dokumentation limitiert. Die Bemühungen gehen deshalb jetzt dahin, dass man Modelle für die integrierte Versorgung des Schlaganfallpatienten gibt. Wo eben eine flächendeckende Erfassung möglich wird, um Trends zu verfolgen.

derStandard.at: Wenn die Diagnose so schwer ist, wie kann man dann therapieren?

Fazekas: In der Akutphase ist bei der Mangeldurchblutung, der so genannten Ischämie immer das gleiche Vorgehen: Zuerst die Gehirnblutung ausschließen und dann das Gerinnsel medikamentös auflösen.

Die Diagnostik nach der Akutphase ist wesentlich schwieriger aber enorm wichtig, um gezielt therapieren zu können. Dazu muss man erkennen, was zum Schlaganfall geführt hat. Und das ist sehr unterschiedlich.

derStandard.at: Welche Therapien kommen da in Frage?

Wenn der Schlaganfall vom Herz ausging, wird eine sogenannte Antikoagulation durchgefüht, das heißt die Gerinnbarkeit des Blutes wird reduziert.

Wenn eine höhergradige Gefäßzyanose vorliegt, dann wird versucht das Gefäß wieder zu eröffnen oder auszudehnen.

Wenn eine allgemeine Atherosklerose vorliegt oder die Ursache nicht genau bekannt ist, dann verwendet man sogenannte Thrombozytenfunktionshemmer oder Medikamente, die die Blutplättchen am Aneinanderklumpen hemmen.

derStandard.at: Wie kann ein junger Mensch Warnhinweise erkennen?

Fazekas: Wichtig ist es, die klassischen flüchtige Symptome ernst zu nehmen. Das ist zum Beispiel wenn ein Arm plötzlich schwach wird und dann die Kraft wieder zurückkommt. Oder eine einseitige Gefühllosigkeit, die sich wieder gibt. Eine plötzliche Seh- oder Sprachstörung wäre auch ein Hinweis einer Durchblutungsstörung.

Die Gesellschaft für Schlaganfallforschung hat auch festgestellt, dass jüngere Patienten länger brauchen bis sie ins Krankenhaus kommen. Man nimmt an, dass hier eher abgewartet wird, weil ein Schlaganfall meistens schmerzlos ist. Zusätzlich denken junge Menschen meistens gar nicht an diese Möglichkeit. Obwohl man sofort reagieren müsste.

derStandard.at: Kann ein Laie einen Schlaganfall sofort erkennen?

Fazekas: Ja, sie können den Betroffenen bitten beide Arme zu heben. Wenn einer zu Boden fällt, ist das ein Hinweis. Oder er kann nicht mehr adäquat sprechen. Man kann auch versuchen das Gesichtsfeld zu prüfen. Sieht er die eine bewegte Hand auf einer Seite nicht mehr, dann ist das ein Zeichen, das in Richtung Schlaganfall interpretiert werden kann. Dann muss sofort die Rettung verständigt werden.

derStandard.at: Erholen sich junge Betroffene schneller?

Fazekas: Ja, da sie die Fähigkeit haben, auch wenn relativ große Gehirnareale betroffen sind, neu zu lernen und zu kompensieren. Das heißt die Wahrscheinlichkeit der Erholung ist größer.

Eine Gefahr ist aber, dass es beim jungen Erwachsenen häufiger zu einem so genannten malignen Infarkt gibt. Die damit verbundene Gehirnschwellung kann dazu führen, dass das Hirn selbst verdrängt wird. Diese Gefahr ist bei Jungen deshalb größer, weil es keine Hohlräume gibt. Mit dem Alter wird das Gehirnvolumen etwas geringer und die Gefahr sinkt.

derStandard.at: Wie groß ist bei einem juvenilen Schlaganfall die Wahrscheinlichkeit eines Rezidivs?

Fazekas: Die Wahrscheinlichkeit hängt natürlich von den auslösenden Ursachen ab. Aber man geht von fünf bis zehn Prozent Rezidivhäufigkeit im ersten Jahr aus. Dann sinkt das Risiko mit dem zeitlichen Abstand.

derStandard.at: Wie relevant ist für den Mediziner der "Pseudoschlaganfall". Das heißt ähnliche Symptome, die aber auf eine Migräneaura oder einen epileptischen Anfall zurückführen können?

Fazekas: Das ist bei einem juvenilen Schlaganfall sehr relevant, weil tatsächlich schlaganfall-ähnliche Symptome auftreten. Migräne-assoziierte Ausfälle treten aber nicht so blitzartig auf, sondern langsam. Das heißt innerhalb einiger Minuten. Darauf folgt typischerweise der Migränekopfschmerz. Aber beim ersten Mal lässt sich das nicht so leicht differenzieren. Da hilft eine Familienanamnese, ob es Migränefälle in der Familie gibt.

derStandard.at: Und epileptische Anfälle?

Fazekas: Ein epileptischer Anfall kann kurzfristig auch eine entsprechende Schwäche zurücklassen. Das ist leichter zu diagnostizieren. Aber die Migräneaura ist bei jungen Menschen als Differenzialdiagnose immer wieder zu überlegen. (Andrea Niemann, derStandard.at, 4.2.2008)

  • Franz Fazekas ist Präsident der Österreichischen Neurologischen Gesellschaft und Leiter der Universitätsklinik für Neurologie in Graz.
    foto: fazekas

    Franz Fazekas ist Präsident der Österreichischen Neurologischen Gesellschaft und Leiter der Universitätsklinik für Neurologie in Graz.

  • Akuter Infarkt (MRT)
    foto: universitätsklinik für neurologie, graz

    Akuter Infarkt (MRT)

  • Sichtbare Mangeldurchblutung
    foto: universitätsklinik für neurologie, graz

    Sichtbare Mangeldurchblutung

  • Verbliebener Defekt (CT)
    foto: universitätsklinik für neurologie, graz

    Verbliebener Defekt (CT)

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