"Ich wehre mich gegen diesen Verlust"

4. Februar 2008, 10:15
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Mit dem Wunsch, Studien wie Altgriechisch wieder einzuführen, machte Rektor Töchterle neugierig auf weitere Pläne - Ein STANDARD-Interview

STANDARD: Mit der geplanten Wiedereinführung von Studien, die Ihr Vorgänger gestrichen hat, fahren Sie gegen den Trend. Warum das Bekenntnis zur "Volluniversität"?

Töchterle: Zum einen ist es regionalpolitisch ein argumentierbarer Wert, wenn wir - auch in Zeiten des Internets - viele Studien und Forschungen vor Ort haben. Zweitens wird eine Uni stärker, wenn sie "fülliger" ist. Interne Vernetzung und Interdisziplinarität kann man so am besten leben. Wenn ich über den Gang zum Kollegen gehe, ist das alltägliche Interdisziplinarität.

STANDARD: Wie sieht es mit der Finanzierung dieser Studien - z. B. Altgriechisch - aus?

Töchterle: Das ist bei den Geisteswissenschaften kein Problem, wenn das Personal ohnehin da ist. Vielmehr wäre die Nichtwiedereinführung unökonomisch, weil ich die Leute dann nicht adäquat beschäftige. Wir haben eine Gräzistin, also ist es sinnvoll, Altgriechisch anzubieten. Wir haben eine vergleichende Literaturwissenschafterin, also bieten wir das an. Griechisch kostet nicht viel, es geht um einige Tausend Euro. Der bildungspolitische Gewinn wiegt das bei weitem auf.

STANDARD: Auch die Medizin-Uni soll heimkehren, haben Sie sich gewünscht. Konnten Sie mit den politisch Verantwort- lichen schon darüber reden?

Töchterle: Ich habe es angesprochen und fand erstaunlich, dass das kaum ein Thema ist. Die SPÖ-Bildungs- und Wissenschaftssprecher, Niederwieser und Broukal, waren gegen die Ausgliederung, und auch unser ÖVP-Landeshauptmann. Das sind wichtige Personen der Regierungsparteien, trotzdem geht da nichts. Ich habe zuletzt keine Aktivität mehr entfaltet. Auch weil Minister Hahn meinte, es stehe jetzt nicht auf der Agenda.

STANDARD: Politisch wird eine Disziplin oft daran gemessen, wie hoch die Wertschöpfung der Absolventen ist bzw. ob die überhaupt einen Job kriegen. Wie kann man dennoch für z. B. ein Philosophie- oder Afrikanistikstudium argumentieren?

Töchterle: Nun, unser Minister ist auch Philosoph ... Aber ein Universitätsstudium ist ja eine Berufsvorbildung, nicht nur in den Geisteswissenschaften. Auch beim Jusstudium gilt: Wenn ich Anwalt werde, muss ich alles mögliche on the job lernen. Dann gibt es aber auch die kulturelle Argumentation. Nehmen wir wieder das Griechische her: Wenn ich das in Innsbruck nicht anbiete, habe ich in absehbarer Zeit keine Griechischlehrer mehr in der Region. Wir haben noch etwa drei Schulen in Nordtirol, wo das unterrichtet wird, einige in Südtirol, und ich glaube, zwei in Vorarlberg. Als klassischer Philologe möchte ich keinen Deut dazu beitragen, dass das noch weniger werden. Es darf nicht nur ganz wenige Spezialisten geben, die griechische Texte im Original lesen können. Das Johannes-Evangelium ist im Original auf Griechisch - wenn das keiner mehr lesen kann, bricht uns etwas weg. Und an diesem Verlust möchte ich nicht mitwirken. Vielleicht tritt er ein, aber ich wehre mich dagegen.

STANDARD: Ihre Antrittsrede haben Sie, mit Verweis auf die Memoria-Kunst der antiken Rhetorik, wie all Ihre Reden im Kopf konzipiert. Solche Fähigkeiten - das Ordnen von Gedanken und der freie Vortrag - werden heute als "soft skills" gelehrt. Könnte man, dies bedenkend, Geisteswissenschaften nicht besser "verkaufen"?

Töchterle: Nun, die antike Memoria war eine ausgefeilte Technik, die unglaublich hilfreich war und auch in modernen Rhetorik-Seminaren gelehrt wird. Das muss man nicht studieren. Nachdem die Antike eine abgeschlossene Welt für uns ist, konstatieren viele Leute großes Interesse, wenn es irgendwo antike Bezüge oder Wurzeln gibt. Ein Gegenstand wird würdevoller, wenn man ihn über 2000 Jahre verfolgen kann. Wenn man einigermaßen gebildet ist, tut man sich im öffentlichen Diskurs sicher in allen möglichen Dingen leichter. Und da möchte ich auch eine Lanze für unsere AHS brechen.

STANDARD: Also das Humboldt'sche Bildungsideal. Das soll ja nach mancher Meinung neu erfunden werden ...

Töchterle: Humboldts humanistisches Gymnasium hat eine Erfolgsgeschichte sondergleichen, und das liegt daran, dass sein Gedanke der formalen Bildung einfach stimmig ist: Die muss Vorrang vor der materialistischen Bildung haben. Man muss immer wissen, wie es geht - die Inhalte wechseln, und das immer schneller. Wichtig sind die Methoden und Werkzeuge. Je besser ich formal aufgestellt bin, desto flexibler bin ich. (Bernhard Madlener/DER STANDARD-Printausgabe, 2./3. Feber 2008)

Zur Person

Karlheinz Töchterle (58) ist seit Oktober Rektor der Uni Innsbruck.

  • Ein Studium sollte nicht an seinen -
oft ohnehin nicht hohen - Kosten für die Gesellschaft gemessen werden.
Uni-Rektor Karlheinz Töchterle argumentiert mit dem "bildungs-politischen Gewinn".
    foto: berger

    Ein Studium sollte nicht an seinen - oft ohnehin nicht hohen - Kosten für die Gesellschaft gemessen werden. Uni-Rektor Karlheinz Töchterle argumentiert mit dem "bildungs-politischen Gewinn".

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