Junges Blut in Reserve

3. Februar 2008, 20:09
2 Postings

Im Nabelschnurblut sind wertvolle Stammzellen, die Leukämiepatienten das Leben retten können - die private Vorsorge für eine zukünftige Zelltherapie ist aber umstritten

"Das war ein Sieg über den Tod", erinnert sich Werner Linkesch, Leiter der Hämatologischen Abteilung der Med-Uniklinik in Graz, nicht ohne Stolz. Vor mittlerweile sechs Jahren gelang es ihm, einer damals 30-jährigen Leukämiepatientin ohne passenden Knochenmarkspender mit Nabelschnurstammzellen das Leben zu retten. "Die Patientin braucht seit fünf Jahren keine Therapie", so der österreichische Pionier der Nabelschnurbluttransplantation.

Vorteile der Stammzellen

Damals eine medizinische Sensation - heute sind die Vorteile der Stammzellen aus Nabelschnurblut hinlänglich bekannt: "Sie sind nicht so immunogen, sie sind naiv, also infektionsfrei, und zusätzlich sind die HLA-Eigenschaften (Anm.: Humanes Leukozyten Antigen) von Spender und Empfänger nicht so entscheidend", fasst Gabriel, Leiter der einzigen österreichischen Nabelschnurblutbank, die Besonderheiten zusammen und präzisiert: "Das heißt, die Abstoßungsneigung bei Transplantationen ist wesentlich geringer, der Patient kann sich nicht mit den sonst allseits vorhandenen Viren infizieren, und man kann auch Nabelschnurblut, das nicht so gut passt, transplantieren."

Wichtige HLA-Eigenschaften

Warum die HLA-Eigenschaften wichtig sind? Weil sie bei Knochenmarkstransplantationen über die Annahme oder Abstoßung des gespendeten Knochenmarks und damit über den Behandlungserfolg entscheiden.

Mehrere Einheiten Nabelschnurblut

Bei Knochenmarktransplantationen war bislang allerdings die verhältnismäßig geringe Menge des Nabelschnurblutes in Diskussion; es war nur für Menschen bis 46 Kilogramm genug. "Die Lösung heute lautet Double Cord Unit", so der Transplantationsspezialist Werner Linkesch. Das heißt, es können auch mehrere Nabelschnurbluteinheiten miteinander gemischt werden. "Jetzt reichen sechs bis acht Nabelschnurbluteinheiten bei Transplantationen auch für Männer mit bis zu 100 Kilo aus", präzisiert Gabriel.

Begehrte Ware

All das sind Vorteile, die international geschätzt werden und allogene Nabelschnurblutpräparate zur begehrten Ware werden lassen. "Während es 1994 noch keine Produkte am Markt gab, sind heute über das internationale Stammzellenregister 285.000 Proben zu haben", so Marion Havlicek-Pötscher, die in Linz für 474 eingelagerte Präparate zuständig ist.

Öffentlicher Auftrag

Menschen, die an Leukämie erkranken und keine passenden Spender finden, zahlen 23.000 Dollar für das lebensrettende Gut. Egal, wie einzigartig es in der Zusammensetzung ist. "Das ist der öffentliche Auftrag. Das Nabelschnurblut muss einfach für alle verfügbar sein", davon ist Christian Gabriel, der Leiter der einzigen öffentlichen Nabelschnurblutbank Österreichs, überzeugt.

Private Vorsorge

Einen anderen Markt peilen hingegen private Nabelschnurbanken an. Da geht es nicht um allogene, also körperfremde Stammzellenspenden, sondern um die umstrittene Privatvorsorge mit autogenem, also körpereigenem Nabelschnurblut. "Der Körper kann mithilfe von Stammzellen beschädigte Zellen neu bilden und Organe reparieren", wirbt etwa die britische Nabelschnurblutbank future health auf ihrer Website.

Bestenfalls Wunschdenken

Gegen Formulierungen wie diese wehren sich die Experten. Das menschliche "Ersatzteillager" durch körpereigenes Nabelschnurblut sei bestenfalls ein Wunschdenken. "Das muss erst erforscht werden. Das ist eine Hoffnung und noch nicht real existent", bringt es Werner Linkesch auf den Punkt.

Klar ist aber auch für ihn, dass es eine Entwicklung in diese Richtung geben wird. Aber: "Man weiß nicht, mit welchen Stammzellen. Ob mit embryonalen, denen aus Nabelschnurblut oder den mesenchymalen."

Erfahrungswerte fehlen

Auch über die Folgen von Zellschäden durch eine jahrzehntelange Kühlung des Nabelschnurblutes wisse man noch zu wenig. Erfahrungswerte fehlen. Deshalb sieht der Grazer Experte die Investition der Eigeneinlagerung von rund 2000 Euro heute noch besser auf einem Sparbuch aufgehoben als auf einer privaten Nabelschnurblutbank.

Mögliche Option

Anders sieht das der Gynäkologe Martin Imhof. Für ihn ist die Option des "privaten Ersatzteillagers" nicht unrealistisch: "Das große Feld der Stammzellentherapie ist die Gewebe-Ersatztherapie." Als medizinischer Berater der privaten Nabelschnurblutbank Cryo-Save ist für ihn eine Investition in die Zukunft gerechtfertigt (siehe Interview).

Aber auch er weiß, dass das Nabelschnurblut den Wert einer Aktie besitzt: "Das heißt: Sie kann explodieren oder verschwinden - aber welche Alternativen haben wir schon?" (Andrea Niemann, MEDSTANDARD; Printausgabe, 04.03.2008)

  • Pakete voll hochpotenter Zellen: Nabelschnurblut wird für Notfälle gelagert.
    foto: cb team blutzentrale linz

    Pakete voll hochpotenter Zellen: Nabelschnurblut wird für Notfälle gelagert.

Share if you care.