Wohlige Betäubung

3. Februar 2008, 19:24
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Die vielfach besungene Anonymität des elektronischen Musikers und das Aufgehen zweier Künstler im Werken des jeweils anderen

Wien – Dreht man, nachdem man sich am Freitag im Kinosaal des Wiener Künstlerhauses eingefunden und in einer für die kommende Darbietung mehr als angemessenen Sitzgelegenheit eingerichtet hat, Körper und Kopf schräg nach hinten, kann man die beiden Menschen sehen, um die es an diesem Abend gehen soll. In einer Nische hinter der letzten Zuschauerreihe kauern zwischen technischer Gerätschaft, Steckerverteiler und Umherhuschenden der Berliner Jan Jelinek, der Renaissance-Mann unter den Laptop-Benutzern, und der Frankfurter Karl Kliem, der bisher in den Feldern zwischen Installation, Multimedia und Webdesign von sich hören hat lassen.

Es ist evident: Hier gilt es nicht einen Musiker bei der Arbeit zu betrachten und die von einem Kollegen zur Seite gestellten Visuals wohlwollend mitzunehmen – nein, bei ihrer Performance im Rahmen von sound:frame, dem "Festival zur Visualisierung von elektronischer Musik" samt Ausstellung von Projektionen und Videoarbeiten im Oberstock des Künstlerhauses (noch bis 10. Februar), dürfen die Darbietenden wieder einmal hinter ihrer Kunst verschwinden. Was interessieren soll, trifft vor uns auf die Leinwand und dringt aus einer wie bloß für derlei Unternehmungen konzipierten Anlage ans Ohr.

Die Musik, die zähflüssig aus Jan Jelineks Rechner tropft, stellt sich als entschlackter Querschnitt seines weitläufigen Schaffens dar. Basierend auf fünf, sechs verschiedenen Loops entrollen Ambientschwaden, mikroskopischer Dub, Ansätze von pluckernder Wald-und-Wiesen-Elektronik, aufgeregtes Maschinengezwitscher und menschenfreundliches weißes Rauschen einen mäßig variantenreichen, dabei aber stets zu faulem Fläzen einladenden Teppich – langweilig wird er nie.

Karl Kliems in Schwarz-Weiß gehaltene Bilder sind von pixelhaftiger Kargheit und korrespondieren freilich rhythmisch mit dem Klanggeschehen und dessen Intensitätsniveaus: Hier driften einzelne Punkte Sternen im All gleich über dunklen Grund, da verdichten sie sich zu undurchdringlichen Rastern oder zu bedrohlich pulsierenden Spiralen. Was Aktion und was Reaktion konstituiert, bleibt unklar. In wohliger Betäubung torkelt das Publikum dem Ausgang entgegen, tanzen gehen kann man später noch. (Philipp L’Heritier, DER STANDARD/Printausgabe, 04.02.2008)

  • Visuelles von Karl Kliem.
    foto: sound:frame

    Visuelles von Karl Kliem.

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