Was man alles hinter sich lässt

11. Februar 2008, 15:46
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Von Überlebenskünstlern, glücklosen Verkäufern und einem erwachsenen Mann, den es wieder zu den Eltern zieht: Das 37. Filmfestival von Rotterdam bot eine breite Palette an Arbeiten

Die bequemen Stühle kommen aus einem alten Kinopalast in Malaysia. An den Wänden sind Spiegel montiert, die den Raum ins Imaginäre erweitern, sobald der Film beginnt und sich die bewegten Bilder darauf reflektieren. Der Film auf der Leinwand öffnet den Blick auf den nämlichen Kinosaal, aus dem die Stühle stammen. Er ist leer, bis auf ein Kind und ein älteres Paar, den Eltern des Künstlers. So sitzt man sich gegenüber, in einer Raumanordnung, die sich mit dem Apparat Kino beschäftigt, ohne die Bilder zu zeigen, die dieses mit Leben füllen.

Die Installation nennt sich Is it a Dream? und stammt vom taiwanischen Regisseur Tsai Ming-liang. Auf dem Filmfestival Rotterdam war sie als Teil der Ausstellung New Dragon Inns zu sehen, und sie passte deswegen so gut dorthin, weil sie einerseits die Aura eines alten Kinos heraufbeschwört und die Erinnerungen, die mit diesem Ort einhergehen. Andererseits aber sucht sie schon nach einem Platz, in dem die Bilder auf neuartige Weise zu kursieren beginnen. Ein vergleichbares Spannungsfeld lotet das Festival aus, wenn es ein Kino des spezifischen Blicks würdigt und die Aufbereitung und Verhandlung des Lokalen gegen globale Beliebigkeit verteidigt.

Andere Seherfahrung

Die Nischen eines nationalen Kinos haben in Rotterdam also besonderes Gewicht. Das mag beispielsweise ein Ausnahmeregisseur wie der Philippino Lav Diaz sein, dessen Arbeiten sich schon durch ihre Länge einer gängigen Kinoauswertung versperren. Death in the Land of Encantos dauert neun Stunden und vermittelt dem Zuschauer, wie schon Evolution of a Filipino Family, eine ganz andere Dimension des Sehens.

Diaz setzt seinen neuen Film in Bicol, einer Region seines Landes, an, die 2006 von einem Hurrikan verwüstet wurde. Immer noch stehen die Palmen schief, sind ganze Gebäude überflutet – und in Interviewpassagen erzählen Bewohner vom Ausmaß einer Zerstörung, die das Vorstellungsvermögen übertrifft. Death in the Land of Encantos geht aber über die Ausmessung einer Katastrophe hinaus und treibt auch die Geschichte von drei Menschen voran, die sich gemeinsam der unbarmherzigen Natur, familiären Zerwürfnissen und auch den politischen Repressionen in ihrem Land entgegenstellen.

Alle drei arbeiten als Künstler. Da ist es unausweichlich, dass man den Film als sehr persönliche Auseinandersetzung von Lav Diaz verstehen muss: Ist die Rolle eines nationalen Künstlers erstrebenswert? Auf welche Weise befördere ich einen kritischen Dialog? Und welche Formen erscheinen überhaupt angemessen? Darauf gibt der Film weniger Antworten, als dass er Plattformen schafft, auf denen solche Verhandlungen erst möglich werden. Er überprüft auf diese Weise die Bedingungen eine Kultur, die von verschiedener Seite – politisch, ökologisch und ökonomisch – bedroht ist.

Solche elementaren Überlegungen stellt eine der Entdeckungen in Rotterdam, Azazel Jacobs’ Film Momma’s Man, zwar nicht an. Aber auch diese Arbeit ist ein sehr persönliches Projekt, das unterschiedliche Stile bezwingend zu verbinden vermag. Der Regisseur, Sohn des US-Experimentalfilmemachers Ken Jacobs und der Malerin Flo Jacobs, erweist seinen Eltern mit Momma’s Man eine so aufrichtige wie rührende Würdigung, ohne je ins Sentimentale abzudriften. Spielen tun sie sich selbst. Dabei geht es um die Frage, was wir hinter uns lassen, wenn wir unser eigenes Leben beginnen, um diese Geborgenheit, die man dabei verliert.

Daheim im Loft

Spektakulärer Schauplatz des Films ist das New Yorker Loft, in dem Jacobs aufgewachsen ist (und das man als Monument für den Lebensstil einer bestimmten Boheme bezeichnen könnte). Mikey (Matt Boren), Geschäftsmann in den Dreißigern, besucht seine Eltern – und verlängert seinen Aufenthalt von Tag zu Tag, unfähig, eine Entscheidung zu treffen. Anfangs behilft er sich mit Lügen, die noch harmlos erscheinen, allmählich wird aber offensichtlich, dass sein Rückzug ins Kinderzimmer die Folge einer Lebenskrise ist.

Die Stärke von Momma’s Man liegt darin, diese Geschichte mit großer Sensibilität (und nur wenigen Worten) im Miteinander des Sohnes mit den Eltern anschaulich zu machen. Jacobs inszeniert sehr gestisch, mit sicherem Gefühl fürs richtige Timing. Die Komik dieses Nesthockers in langen Unterhosen geht allerdings in ein Gefühl der Beklommenheit über, wenn es Mikey wie in Buñuels El ángel exterminador nicht mehr gelingt, die Wohnung zu verlassen. Momma’s Man ist die glückliche Vereinigung des narrativen US-Independentkinos mit Elementen aus der formalistischen Avantgarde – und dabei doch etwas ganz Eigenes.

In den Wettbewerb kam nach dem – schließlich auch mit einem Tiger prämierten – Post-Tsunami-Drama Wonderful Town des Thailänders Aditya Assarat (der Standard berichtete) nicht mehr allzu viel Bewegung: Dem US-Regisseur Jake Mahaffy gelang mit Wellness noch ein zu Herzen gehendes Porträt eines Geschäftsmanns, der durch die trostlose Winterlandschaft Pennsylvanias zieht, um Kunden für ein mehr als fragwürdiges Gesundheitsprodukt zu begeistern.

In dokumentarisch anmutenden Bildern, die so gar nichts beschönigen wollen, gewinnt man hier Einblick in eine erschöpfende Arbeitsroutine: Irgendwann steht dieser Mr. Lindsey (Jeff Clark) mit seinen selbst kopierten Zetteln und ungenießbaren Käsecrackern in einem dieser Seminarräume, die auf der ganzen Welt gleich aussehen, ganz allein da, weil seine Verkaufsrhetorik einfach nicht mehr zieht. Auf seine Weise ist er ein typischer Held von Rotterdam. (Dominik Kamalzadeh aus Rotterdam, DER STANDARD/Printausgabe, 04.02.2008)

  • Im elterlichen Bett ist es am schönsten: Mikey (Matt Boren) kehrt in Azazel Jacobs’ "Momma’s Man" in die Wohnung seiner Eltern Flo und Ken Jacobs zurück.
    foto: filmfestival rotterdam

    Im elterlichen Bett ist es am schönsten: Mikey (Matt Boren) kehrt in Azazel Jacobs’ "Momma’s Man" in die Wohnung seiner Eltern Flo und Ken Jacobs zurück.

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