"Fasten wird falsch verstanden"

4. Februar 2008, 12:04
53 Postings

Am Aschermittwoch ist es vorbei mit dem Fasching, den Krapfen und der Völlerei - Ist Fasten eine jahr­tausendealte Tradition zur Gesundheitsprävention? - Diskussion

Dass Fasten tatsächlich gesund ist, bezweifelt der Ernährungswissenschafter Christian Putscher - der Mediziner Eduard Pesina kontert. Die Diskussion führte Regina Philipp.

STANDARD: Fasten ist Teil vieler Kulturen. Warum?

Putscher: Das hat vor allem religiöse Hintergründe. Fasten dient in jeder Religion dazu, den irdischen Genüssen zu entsagen, sich zu besinnen und Buße zu tun. Die Idee dahinter: Wer leidet, erlebt eine wunderheilsame Wirkung. Mit dieser Form von "Bestrafung" können sich viele Menschen gut anfreunden. In vielen Kulturen wurde und wird auch heute noch nicht nur durch reinen Nahrungsverzicht, sondern beispielsweise auch in Form von Blutaderlass gefastet. Entgiftung ist die Idee, die dahintersteht.

Pesina: Mit Leiden hat Fasten nichts zu tun. Denn Hunger-gefühle, die Sie da vielleicht meinen, entstehen nur am Anfang des Fastens. Wenn dem Organismus keine Nahrung mehr zugeführt wird, dann stellt er die Verdauungsarbeit ein. Auf diese Weise spart der Körper Energie, die er sonst zur Nahrungsaufbereitung verbraucht. Es macht dann auch keinen Sinn mehr, Verdauungssäfte zu produzieren, und ohne diese fällt auch das Hungergefühl weg. Die Energieversorgung passiert nun von innen und nicht mehr von außen. Das ist der physiologische Teil des Fastens.

STANDARD: Welche Bedeutung hat Fasten?

Pesina: Fasten bedeutet zu allererst einmal den Verzicht auf Nahrung, Suchtgifte und jegliche andere Ablenkung. Ein wichtiger Teil des Fastens ist die körperliche Entgiftung oder Entschlackung, ebenso zentral ist aber, was sich auf emotionaler Ebene dabei abspielt. Die größte Herausforderung besteht darin, sich auf sich selbst zu reduzieren, sich nicht von sich selbst abzulenken.

Putscher: Aber in unseren Breiten wird Fasten nicht mehr als religiöse Reinigung verstanden, sondern ausschließlich als Maßnahme zur Gewichtsreduzierung. Mit Entgiften hat das doch nichts zu tun, ganz im Gegenteil. Fasten ist eine Belastung für den Körper und keine Entlastung. Beim Fasten werden vermehrt körpereigene ausscheidungspflichtige Substanzen erzeugt.

STANDARD: Was heißt eigentlich entgiften, was gibt es Schlechtes in unserem Körper?

Pesina: Wir sind durch eine Vielzahl von Konsumgiften mehr oder minder belastet. Ein Gutteil davon speichern wir. Mit dem Fasten werden diese Gifte dann ausgeschieden. Jeder, der fastet, hat einen übelriechenden Harn und auch bei normaler Körperpflege eine unangenehme Körperausdünstung. Auch auf der Zunge wird die Entgiftung offensichtlich. Es bildet sich ein dicker, weißlich-schmieriger Belag.

STANDARD: Sind das die sogenannten Schlacken?

Putscher: Das Wort Schlacken kommt aus der Emailverarbeitung. Wenn man Kohle verbrennt, entstehen Schlacken. Beim Fasten lässt sich der Begriff Schlacken nicht wissenschaftlich erklären. Im Gegenteil: Hier wird von irgendwelchen giftigen Substanzen geredet, die man bis jetzt nicht einmal nachweisen konnte. Doch es stimmt schon: Natürlich passiert im Organismus etwas, wenn ihm keine Nahrung mehr zugeführt wird. Es kommt zu einer hormonellen Umstellung, Muskelmasse wird abgebaut, im Harn finden sich zunehmend sogenannte Ketonkörper durch den Fettabbau. Diese Stoffwechselprozesse sind aber nichts Ungewöhnliches. Die Substanzen, die der Organismus ausscheidet, sind keine angesammelten Giftstoffe, sondern ganz normale Stoffwechselprodukte, die nicht nur beim Hungern, sondern auch im Rahmen anderer hormoneller Zyklen anfallen. Wenn Fasten die gesündeste Methode wäre, um zu entgiften, dann wären ja Magersüchtige die gesündesten Menschen.

Pesina: Ich betrachte das anders. Wir essen in unseren Breiten zu viel und würden ohne Problem auch mit weniger Essen gut funktionieren. Schlacken mag zwar kein wissenschaftlicher Begriff sein, aber es steht für mich außer Frage, dass beim Fasten jene Stoffwechselprodukte, die sich infolge des Überangebotes angesammelt haben, ausgeschieden werden.

STANDARD: Sind damit eventuell auch Gesundheitsrisiken verbunden?

Pesina: Das hängt ganz entscheidend von der Dauer des Fastens ab. Gängige Kuren dauern ja eine Woche. Aber auch bei dreiwöchigen Kuren wird man keinen Schaden erleiden, es sei denn, man wird magersüchtig oder leidet an einer Stoffwechselerkrankung. Vor Gallen- oder Nierensteinen als Folge von Fastenkuren braucht man sich ebenfalls nicht zu fürchten. So schnell entstehen diese Steine nicht, und schon gar nicht, wenn ausreichend getrunken wird.

Putscher: Es stimmt, Schaden erleidet man nicht so schnell, denn der Mensch musste sich im Laufe der Evolution immer wieder auf Hungerzustände einstellen. Aber einwöchige Fastenkuren sind nicht üblich. Im Normalfall dauern Fastenkuren wesentlich länger. Zwei bis drei Tage völligen Nahrungsverzicht halte auch ich für unproblematisch, im Gegenteil, einen Tag wöchentlich als Schalttag kann ich nur befürworten. Fasten wird von den Menschen heute vielfach aber einfach falsch verstanden und lediglich auf den reinen Gewichtsverlust reduziert.

STANDARD: Fasten ist also nur reines Abspecken, eine bloße Diät?

Pesina: Dem Punkt des Abnehmens wird tatsächlich zu viel Bedeutung beigemessen. Die Gewichtsabnahme ist nämlich tatsächlich immer nur ein Aspekt. Ich kann hier nur betonen: Es ist absoluter Humbug zu fasten, nur weil man abnehmen will. Klar: Einerseits geht es darum, eine Zäsur hinsichtlich der Ernährungsgewohnheiten zu setzen, andererseits sollte diese Zäsur aber auch der erste Schritt zu einer langfristigen Veränderung sein. Wenn man nach dem Fasten nämlich so weitermacht wie vorher, dann hat die ganze Fastenkur ja überhaupt nichts gebracht.

Putscher: Aber genau so ist die Realität. Man fastet, nimmt ab, dann isst man normal weiter, und dadurch nimmt man aber wieder zu, so lange, bis man nach einer gewissen Zeit eben wieder fasten muss.

Pesina: Natürlich, aber im Endeffekt muss jeder so tun, wie er es für richtig hält. Ich will hier aber von einem Idealfall ausgehen, und demnach sollten die Effekte des Fastens andere sein. Da geht es darum, sich Zeit zu nehmen, um sich mit sich selbst auseinanderzusetzen. Das ist für viele schwer genug. Wer fastet, dem Darm keine Arbeit gibt, erlebt auch eine angenehme Ruhe. Man schläft besser. Nichts drückt und zwickt, man wacht nicht auf, weil man Hunger hat.

Putscher: Aber es ist doch schön, wenn man seinen Körper spürt. Der Idealfall, von dem Sie sprechen, existiert nicht. Denn die eigentliche Zielgruppe fürs Fasten sind junge Frauen, die ein bestimmtes Körperideal anstreben. Das Problem dabei ist - physiologisch betrachtet - der sinkende Grundumsatz. Nach einer Woche Fasten verbraucht der Körper um 16 Prozent weniger Energie, nach drei Wochen Hunger ist der Grundumsatz bereits um 30 Prozent gefallen, weil vor allem Muskulatur abgebaut wird. Doch Muskulatur ist der Hauptenergieverbrenner. Daraus ergibt sich dann der berühmte Jo-Jo-Effekt.

STANDARD: Wie geht man mit der Abmagerungslust um?

Pesina: Ich bemühe mich, dass die Menschen auch verstehen, worum es beim Fasten geht. Eine langfristige Verhaltensumstellung ist dabei ein ganz wichtiges Ziel. Solange man nach einer Fastenkur nicht in dieselben Verhaltensmuster zurückverfällt wie vor einer Kur, stört meiner Meinung auch die Reduzierung des Grundumsatzes nicht. Die Eigenverantwortlichkeit jedes Einzelnen ist dabei gefragt. Wer sich partout einbildet, er muss hungern, um fünf Kilo abzunehmen, soll das ruhig tun. Jeder ist seines Glückes Schmied.

Putscher: Wenn man nichts isst, dann lernt man vielleicht, sich selbst zu spüren, aber doch keinesfalls ein neues Ernährungsverhalten, glaube ich.

STANDARD: Also ist nicht das Fasten selbst, sondern das Danach problematisch?

Putscher: Genau. Mit einer schlechten Lifestyle-Modifikation kann man sich mit Messer und Gabel umbringen. Mit Zigaretten und Alkohol lässt sich das noch verstärken. In Wahrheit ist es relativ einfach, aber leider lässt sich das Einfache nicht verkaufen. Die Menschen können fasten, solange sie wollen, und dafür zahlen, was sie wollen. Interessant wird es erst, wenn sie ins normale Leben zurückkehren.

Pesina: Ich begreife Fasten als Chance für einen Neubeginn, und dieser ist auf vielen Ebenen möglich. Wichtig ist, dass man zur Ruhe kommt und lernt, eigene Bedürfnisse wahrzunehmen.

STANDARD: Aber lässt sich das nicht auch ohne Nahrungsverzicht erreichen?

Pesina: Der körperliche Teil gehört dazu, und sobald man beginnt, sich mit sich selbst auseinanderzusetzen, wird Essen automatisch sekundär. Durch den Verzicht auf Nahrung werden zudem unglaubliche Energien frei. Die Poren öffnen sich, und es dringt sowohl auf körperlicher als auch auf geistiger Ebene etwas nach außen.

Putscher: Worauf es wirklich ankommt, ist, dass die Menschen verstehen lernen, wie ihr Körper funktioniert. Nur dann wird jemand nach einer Kur auch weiter gesund leben und nicht in alte, schlechte Muster zurückkehren. (DER STANDARD, Printausgabe, 4.2.2008)

  • Christian Putscher (33) ist Ernährungswissenschafter und arbeitet als Coach und Personal Fitness Trainer. Neben Seminar- und Vortragstätigkeiten beschäftigt sich der gebürtige Oberösterreicher schwerpunktmäßig mit Primärprävention durch Essen und Trinken. Seine Schwerpunkte sind  Sporternährung und ganzheitliche Bewegungskonzepte. 2006 war er Gewinner des Österreichischen Medienpreises für Gesundheit und Prävention. Putscher ist verheiratet und Vater von Zwillingen.
    foto: christian fischer fotografie

    Christian Putscher (33) ist Ernährungswissenschafter und arbeitet als Coach und Personal Fitness Trainer. Neben Seminar- und Vortragstätigkeiten beschäftigt sich der gebürtige Oberösterreicher schwerpunktmäßig mit Primärprävention durch Essen und Trinken. Seine Schwerpunkte sind Sporternährung und ganzheitliche Bewegungskonzepte. 2006 war er Gewinner des Österreichischen Medienpreises für Gesundheit und Prävention. Putscher ist verheiratet und Vater von Zwillingen.

  • Eduard Pesina (54) ist Facharzt für Chirurgie und am Krankenhaus Klosterneuburg beschäftigt. Der gebürtige Wiener hat sich in den letzten Jahren mit Adipositas befasst und mit den diversen Möglichkeiten einer Behandlung von Übergewicht auseinandergesetzt: und zwar sowohl chirurgisch als auch aus ernährungsmedizinischer Sicht. Pesina ist Mitglied der Österreichischen Gesellschaft für Gesundheitsförderung. Fasten im Sinne einer Gesundheitsprävention ist ihm ein besonderes Anliegen.
    foto: christian fischer fotografie

    Eduard Pesina (54) ist Facharzt für Chirurgie und am Krankenhaus Klosterneuburg beschäftigt. Der gebürtige Wiener hat sich in den letzten Jahren mit Adipositas befasst und mit den diversen Möglichkeiten einer Behandlung von Übergewicht auseinandergesetzt: und zwar sowohl chirurgisch als auch aus ernährungsmedizinischer Sicht. Pesina ist Mitglied der Österreichischen Gesellschaft für Gesundheitsförderung. Fasten im Sinne einer Gesundheitsprävention ist ihm ein besonderes Anliegen.

Share if you care.