"Es wird einmal ein jugendlicher Morgen sein ..."

11. Februar 2008, 15:53
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Vor 50 Jahren wurde der Dramatiker Werner Schwab in Graz geboren. Anlass für eine Werkausgabe, Geburtstagsfeiern und sonstige Gedanken

Wien – Geburtstagsfeiern enden – wie jedes andere Aufeinanderprallen der Menschen in ihren Körpern – bei Werner Schwab meist äußerst tödlich. Wenn Witwe Grollfeuer (in Volksvernichtung oder Meine Leber ist sinnlos)Einladungen zu einer solchen an ihreNachbarn "absondert", so einzig, um, molestiert durch deren lautliche Abscheulichkeit, mittels Gift und scharfen Messers ein Schweigen zu erzeugen. Denn: "Die ganze Welt ist lautlich lauthals schier unerträglich."

Heute vor 50 Jahren, am 4. Februar 1958, wurde Werner Schwab in Graz geboren. Feiern für den Dramatiker, der am 1. Jänner 1994 im Alter von 35 Jahren starb, an einer "Atemlähmung" und mit großen Mengen Alkohols im Blut, bergen ähnliche Gefahren: Sein Werk, das nach einer heftigen Schwabisierung der deutschsprachigen Bühnen in den Neunzigerjahren derzeit kaum an großen Theatern zu finden ist, frühzeitig zu musealisieren – also in seiner Vitalität gleichfalls zum Verstummen zu bringen.

Warum seine Stücke – immerhin fünfzehn sind es, die er in den Jahren von 1987 bis 1993 schrieb, von den Präsidentinnen bis zu Antiklimax, beendet am Tag vor seinem Tod – nahezu ebenso schnell von der Bühne verschwanden, wie sie auf dieser bejubelt wurden, lässt sich nur vermuten. Vielleicht liegt der Grund ja in der schlichten Lust an der Abwechslung – die auch andere große Dramatiker der Achtziger- und Neunzigerjahre traf, etwa den gleichfalls früh verstorbenen Franzosen Bernard-Marie Koltés (auf dessen Wiederentdeckung etwa am Burgtheater ebenfalls dringend gehofft werden darf).

Vielleicht aber auch in einer Rückkehr zur schönen Form, zu Heiterkeit und Buntheit, die die Blut- und Gewaltexzesse der Schwab-Dramen als unappetitliche Bühnenmode der Neunziger aufatmend im Schrank verschließt – gemeinsam mit dem Werk der britischen Dramatikerin Sarah Kane, auch sie früh am Leben gestorben, 28-jährig. Dort, im Schrank nämlich, befinden sie sich zwar nicht in der schlechtesten Gesellschaft: Selbst Shakespeare verbrachte, wie man weiß, manches Jahrzehnt wegen Form- und Regellosigkeit im Regal, ungeliebt unter den gepuderten Perücken des französischen Hofs – und in der Theaterprovinz der eifrig französisch parlierenden deutschen Kleinststaaten.

Wie Kanes Werk (und Shakespeares) leidet aber auch jenes von Werner Schwab – und das Erinnerungsbild, das das Publikum von beider Dramen bewahrt – an den Inszenierungen, die ihm angetan wurden. Inszenierungen, die das offensichtlich Monströse der Figuren grell überhöhten – ohne der Zartheit, ja Zärtlichkeit nachzuspüren, mit denen die beiden Dramatiker noch ihren verkommensten Charakteren begegnen. Einer Zärtlichkeit, die, gemeinsam mit dem Witz, das Gegengewicht bildet, mit dem diese formbewussten Autoren die Gewaltausbrüche ihrer Texte kontrapunktierten.

Glückte die Balance auch auf der Bühne – etwa in Thomas Bischoffs wunderbarer Inszenierung von Volksvernichtung oder Meine Leber ist sinnlos an der Berliner Volksbühne im Jahr 2000 mit Milan Peschel als Hermann Wurm und Jennifer Minetti als Witwe Grollfeuer oder in den Präsidentinnen, inszeniert von Peter Wittenberg am Wiener Akademietheater 1994 mit dem zu virtuosester Boshaftigkeit aufspielenden Darstellerinnen-Trio Ortrud Beginnen, Hilke Ruthner und Ursula Höpfner –, wurde dieser Nuancenreichtum erahnbar. Für viele Schwab-Stücke gilt es ihn heute noch zu entdecken.

Joe Mc Wolf alias ...

Ebenso wie jene frühen, bisher unpublizierten Dramen, die Ingeborg Orthofer ankündigt – im Nachwort zu Band 1 der von ihr im Droschl Verlag herausgegebenen Werkausgabe. 2014 soll die auf elf Bände konzipierte Edition abgeschlossen sein, Band 5 jene frühen Stücke enthalten. Die bisher erschienenen Bände – der Roman Joe Mc Vie alias Josef Thierschädl und der Prosatext Abfall, Bergland, Cäsar – ermöglichen hingegen die Begegnung mit Werner Schwab als Prosaautor.

Rund zehn Jahre lang, während des Rückzugs auf einen Bauernhof in Kohlberg in der Oststeiermark und der Ehe mit Ingeborg Orthofer, hatte Werner Schwab nahezu täglich geschrieben, bevor 1990 erstmals ein Stück von ihm inszeniert wurde – Die Präsidentinnen im Künstlerhaus Wien.

Jahrelang hatte er seine Texte zu veröffentlichen gesucht – mit erschütternder Erfolglosigkeit. Noch 1989 hatte ihm die Dramaturgie des Burgtheaters auch die Präsidentinnen zurückgeschickt. "Durch mangelndes Sprachvermögen des Autors vieles unfreiwillig komisch", hieß es in einer hausinternen Aktennotiz. "[E]ine surrealistische Farce, die (auch dramaturgisch) im Chaos endet. Nicht aufführbar."

... Seppi Wolfsbauer

In dieser Zeit – genauer: von Jänner bis März 1988 – entstand der rund hundert Druckseiten kurze Roman um John Mc Wolf aus London alias Johann Wolfsberger aus Gugging bei Kirchbach a. d. Raab alias Mc Fish alias Seppi Wolfsbauer alias Seppi Mc Wolf alias Joe Mc Vie alias Josef Thierschädl, der Comics und Zeitungen lesend seine Tage, Geld in Diskotheken eintreibend seine Nächte hinbringt und währenddessen angewidert die wechselseitige Annäherung Österreichs und seines gewählten Präsidenten Kurt Waldheim verfolgt.

Der körperlichen wie sprachlichen Drastik der Dramen näher tönt Abfall, Bergland, Cäsar, erstmals veröffentlicht 1992 im Residenz Verlag. Aufgefädelt von A bis Z reiht sich die Menschensammlung, die der Untertitel ankündigt, und stirbt in ihren vom Leben in dieser Gesellschaft zugerichteten Körpern manchen unschönen Tod – wie etwa B, der sich entscheidet, sein Leben mit den Kanten einer rostigen Erbsendose zusammenzuführen. "das verstandene ist unter Bs zielsicherem blut verdorrt. (...) soweit beispiel B."

Nach diesem eher tristen Ende noch eine wenn nicht trost-, so doch hilfreiche Schwab’sche Bemerkung zum rechten Glauben: "denn wer in den himmel kommen will, der muss den himmel lassen, wo er ist, nämlich oben." (Cornelia Niedermeier, DER STANDARD/Printausgabe, 04.02.2008)

Freunde wie Jennifer Minetti und FM Einheit feiern Werner Schwab heute im Rabenhof Wien, morgen im Literaturhaus Graz, jew. 20 Uhr, mit der Show "Abfall, Bergland, Cäsar. Eine Huldigung.";der ORF tut dies heute mit einem Schwab-Porträt und einer Theateraufzeichnung in "lebens.art" um Mitternacht.

Werner Schwab: Joe Mc Vie alias Josef Thierschädl. Roman. Werke Band 1. Droschl 2007. 128 S., 19 Euro
Werner Schwab: Abfall, Bergland, Cäsar. Eine Menschensammlung. Werke Band 2. Droschl 2008. 144 S., 19 Euro
  • "Irgendwie müssen wir einer jeden Fremdheit den Kragen abschlagen, und nur eine Fremdheit ist eine Schönheit": 	Schwab-Sätze, die fehlen, solange die Bühnen sie nicht sprechen lassen. Ein Anlass: Heute wäre Werner Schwab 50.
    foto: andy urban

    "Irgendwie müssen wir einer jeden Fremdheit den Kragen abschlagen, und nur eine Fremdheit ist eine Schönheit": Schwab-Sätze, die fehlen, solange die Bühnen sie nicht sprechen lassen. Ein Anlass: Heute wäre Werner Schwab 50.

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