Obama setzt an die Stelle des Reichs Gottes die USA - Er ist der ideale Kandidat für alle Gutmenschen
Am Fuß des Vesuv traf ich vor einigen Wochen einen amerikanischen Vulkanforscher, der sich mir als Clinton-Wähler präsentierte. Was mich nicht überraschte, war seine demokratische Einstellung. Was aber doch erstaunte, war sein klares Eintreten für Hillary Clinton. Ich hielt ihn eher für einen Obama-Wähler. Nein, sagte er, Clinton zeige ihr Machtbewusstsein offen, und sie kenne die internationale Politik. Obama verstecke sein Machtstreben hinter religiös verbrämter Rhetorik. Er sei international völlig unerfahren.
Seitdem verfolge ich den Vorwahlkampf in den USA noch genauer. Morgen wird sich höchstwahrscheinlich entscheiden, wer die Kandidaten sind. John McCain oder Mitt Romney auf republikanischer Seite. Hillary Clinton oder Barack Obama bei den Demokraten.
Worüber - auch in Europa - bereits heftig diskutiert wurde, sind rassistische Töne in dieser Auseinandersetzung. Das Clinton-Lager habe sie bewusst zugelassen, um Obama zu schaden, sagen die einen. Falsch. Obama habe selbst eine eher fundamentalistische Sicht, sagen die anderen. Schließlich gehöre er der "Trinity Church of Christ" an, deren Pastoren eine schwarze Befreiungstheologie predigten.
Tatsächlich geht in Europa der religiöse Aspekt der amerikanischen Politik unter. Obwohl viel geschrieben wurde über Obamas Aufwachsen in Indonesien, wo er eine katholische Schule besuchte, aber auch muslimischen Unterricht genoss. Wenn man die Website von Obamas Kirche besucht, öffnet sich gleich am Anfang ein riesiges Tor zu einem tiefblauen Himmel, der nur wenige Wolken hat. Der Barack Obama sehr nahestehende Chigaoer Reverend Dr. Jeremiah Wright ist nach Presseberichten ein "mitreißender Prediger", der von den Kämpfen der "afrikanischen Diaspora" unter dem Joch der "weißen Herren" spricht. Denn die hätten (und haben, Anm.) im "amerikanischen Imperium" die Macht.
Beide, Wright und Obama, wollen dies überwinden. Wright, indem er Jesus als die religiöse Lösung anbietet - die frohe Botschaft gilt allen Menschen. "Nicht den Schwarzen allein, allen. Nicht den Weißen allein, allen. Nicht den Reichen, allen. Nicht den Armen, allen. Nicht den Heteros, allen. Nicht den Schwulen, allen." Und so fort.
Obama setzt an die Stelle des Reichs Gottes die USA. "Es gibt nicht ein schwarzes Amerika, nicht ein weißes. Nicht ein liberales, nicht ein konservatives. Es gibt nur die Vereinigten Staaten von Amerika." In einer im Guardian erschienenen Analyse folgert der Publizist Jonathan Raban: "Dieser skrupulöse Agnostiker soll den Zuhörern (...) mit den Tröstungen der Religion die Vision eines Amerika bieten, das einem zerrissenen Land (...) zu neuer Eintracht verhilft."
Das kann die Protestantin Clinton nicht bieten. Ihre Widersprüche (inklusive jener ihres Mannes) liegen zu offen da, ihre Niederlagen (zum Beispiel beim Versuch, ein neues Gesundheitssystem einzuführen) ebenso wie ihre Erfolge (als New Yorker Senatorin). Obama hat eine kurze, nahezu unbelastete Geschichte. Er ist der ideale Kandidat für alle Gutmenschen. Sogar für jene unter den Männern Amerikas, die keine Frau an der Spitze sehen wollen. Schließlich wäre er der erste Schwarze im Weißen Haus.
Wer immer im November gewinnt: Die nächste Präsidentschaft muss das Irak-Fiasko beenden und eine ins Trudeln geratene Wirtschaft sanieren. Mit religiös verwebten Botschaften geht das nicht. (Gerfried Sperl/DER STANDARD, Printausgabe, 4.2.2008)