Marilies Jagsch: "obituary for a lost mind"

    6. April 2008, 14:58
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    In den Abgrund blicken, ohne hinabzustürzen: Die an Pathos sparsame musikalische Gratwanderung der Debütantin Marilies Jagsch

    Wer 24 Jahre jung ist, ist auf Sinnsuche. Und das ist oft gut so, besonders in Musik gegossen. Die Weisheit (wer das so nennen will), dass es diesen Sinn womöglich gar nicht gibt, kommt erst mit den Jahren, vielleicht aber auch nie. Und auch das ist gut so – vor allem in der Kunst. Musikalisch scheint die Zeit jedenfalls wieder reif für Produktionen, wie Marilies Jagschs obituary for a lost mind: Fragil und doch ein bisschen geschraubt, düster, aber nicht ganz ohne Lichtblick. Die geborene Riederin und Studentin der Theaterwissenschaft übt sich in der Kunst des "in den Abgrund Blickens ohne hinabzustürzen" ganz virtuos.

    Die Sinnsuche ist in der Musik wieder angesagt und wo – wenn nicht im Folk – ist sie gut aufgehoben. Von der Folkwelle getragen lässt sich so einiges neu erzählen, ohne in den Verdacht des Plagiats zu kommen. Hübsch gewobene Klanggespinste trägt Marilies Jagsch da vor mit sanfter, bisweilen ins Brüchige abgleitender Stimme, ganz wie es dem Stoff, aus dem ihre Lieder sind, geziemt. Thank you tränkt den grauschwarzen Nachmittag mit Melancholie. Mit zwischendurch engelsgleicher Stimme hingepinselte Impressionen flimmern in Ghosts. PJ Harvey lässt grüßen, manchmal kommt man auch in Versuchung an die Stimme der traurigen Patty Smith zu denken.

    Protest vom Wurm

    Mit dem grau-schwarz-weißen Cover mit melancholischem Motiv und dem Titel Obituary ("Nachruf") drängt sich das "Weltschmerzklischee" schnell auf. Auch weil Marilies Jagsch optisch selbigem zumindest nicht entgegen wirkt. Gott sei Dank gibt es da Textstellen wie Rainworm’s singing a protest song/about being chopped in two aus Concrete Garden, die sich zwischen Klischee und Realität drängen. Das beste aber ist, dass man der Sängerin glaubt, dass sie fühlt was sie singt. Was können Künstler mehr wollen. Auch gut, dass ihr Kosmos sich nicht nur auf schwarz-weiß beschränkt, sondern dazwischen viel grau Raum greift. Je öfter man zuhört, um so mehr grau verdrängt schwarz-weiß. Sollte man die Musik in Bilder übersetzen, so tauchen Winterauen auf, nebelig verhangene Wälder und einsame Landstriche. Das Debütalbum der Musikerin (Asinella Records) ist für ein Erstlingswerk recht gelungen. Wohldosierte Traurigkeit für die mit Pathos sparsam umgehende Jugend, für ein bisschen Theater, nur soviel, dass man sich den Spaß nicht verdirbt. Eine musikalische Predigerin mit viel Inbrunst und das ganz in jugendlichem Überschwang, puristisch instrumentiert von bekannten Gesichtern.

    Musikalische Miniaturen

    Unter der Leitung vom Münchner Produzenten Kalle Laar klingen die Beats von B. Fleischmann (Concrete Garden), in die Tasten greifen Clara Luzia-Sideman und Producer Alexander Nefzger. Zu "Wort" kommen außerdem die Gitarre von Ernst Molden (Ghosts) und Konstantin Jagsch am Bass und die halben A Life, A Song, A Cigarette drechseln Orchesterminiaturen (Stephan Stanzel voc & slide guit, Daniel Grailach drums, Lukas Lauermann cello). Auch ein Banjo (Christina Hubauer) und das Vibraphon von Gernot Scheithauer (Liger) mischen.

    Alle zusammen lassen viel Raum für die Protagonistin – "und den nimmt Marilies Jagsch mit großem Atmen und enormer Kraft" heißt es im Promotion-Text. Und das kann man durchaus so stehen lassen. (mareb)

    • Hinweis:Die Platte "obituary for a lost mind" von Marilies Jagsch wird am 21.02.2008 in der fluc_wanne präsentiert.
      foto: asinella

      Hinweis:
      Die Platte "obituary for a lost mind" von Marilies Jagsch wird am 21.02.2008 in der fluc_wanne präsentiert.

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