Der Citytrip für Puzzlespieler

Kurze Flugzeiten und ein Mindestmaß an Kombinationsgabe machen Tunis auch als Ziel einer winterlichen Städtereise interessant

"Orient für Einsteiger" wurde Tunesien genannt, und "Arabien light". Da ist wohl etwas Wahres dran, und vielleicht hat es ja auch mit dem Kommen und Gehen der Kulturen zu tun, die sich in der Hauptstadt des Landes seit jeher die Klinke in die Hand gaben. Im vierten Jahrhundert vor Christus wurde Tunis, das antike Tynes, auf den Landkarten sichtbar gemacht, als eine der ältesten Siedlungen des Mittelmeers. Davon zeugen Generationen von Lateinschülern, Stichwort: Punische Kriege. Aber davon zeugen auch die Funde der Archäologen aus der Zeit davor.


Die Antoniustherme in Karthago

Dass - schneller Sprung in die Gegenwart - das mächtige Karthago längst als City-Beach eingemeindet wurde und Afrikas ältestes Filmfestival, nämlich das 1966 gegründete Carthage Film Festival auf der Suche nach tauglichen Symbolen die alte phönizische Göttin Tanit ausgrub - auch das zählt zu den Randnotizen einer reichen urbanen Kontinuität. So erstaunt es auf den zweiten Blick kaum, dass Tunis heute weniger das Tor zum Maghreb ist als eine Chill-out-Lounge der eigenen, multikulturell geprägten Vergangenheit. Eine Option für den City-Trip ist die Stadt schon aus diesem Grund.

Ein Hauch von Rom, eine Prise Paris, etwas Westafrika und eine gehörige Dosis Arabien komponieren sich hier zur weltoffenen Metropole, die zugleich auf die am besten erhaltene Medina (Altstadt) von Nordafrika stolz ist. Dass die tausendfünfhundert mal achthundert Meter große Herzkammer der Stadt ein homogenes Geflecht darstellt, ist aber ein Irrtum: Immerhin liegt zwischen den ältesten Aghlabiden-Bauten der Medina und den prachtvollen Palästen der türkischen Beys fast ein Jahrtausend. Doch bevor man sich dort verirrt, um dann eine Oase zu entdecken, die im Irrgarten Basar in der Regel ein Café ist oder ein Friseur, bei dem statt kühler Quelle der Redefluss plätschert; bevor man also durch krumme, enge Medina-Gassen kurvt, sollte man dem "europäischen" Tunis eine Visite gönnen.

Alle in die Allee

Egal ob man dabei von La Goulette kommt, dem Hafen, an dem neben heimkehrenden Gastarbeitern auch der eine oder andere europäische Wüstenfuchs an Land geht, oder ob man vom Bardo-Museum, das eine der schönsten Kollektionen römischer Mosaike beherbergt, per Taxi zurück ins Zentrum schnurrt - stets münden die Wege in den Prachtboulevard der sechzig Meter breiten Avenue Habib Bourguiba, in die "Champs-Elysées Afrikas".


Die Kathedrale von Tunis, Avenue Bourghiba

Wie Frankreich vor Ort einst Eindruck schinden wollte, lehren einem hier - und in anderen Avenuen der rigoros angelegten Ville Nouvelle - die prächtigen Fassadendetails. Von kolonialer Strenge ist Tunis heute befreit - weniger von den alltäglichen Gewohnheiten der Vergangenheit. Die Lust an duftenden Croissants und der Frust großstädtischer Parkplatzsorgen sieht man dem gemächlichen Geschiebe des Boulevards ja bereits von der Ferne an. Aber auch das Leuchten der kavaliersmäßig aufgebauschten Blumenläden und das - freilich von Zensur beschnipselte - Blühen der Blätter an den Zeitschriftenkiosken.

>>> Innerhalb der Stadtmauern

Eine westliche Lebensader der Stadt ist die Avenue geblieben. Ein Ort, an dem sich Tunis an lauschigen Samstagen sieht: stolz auf gut bestückte Kinderwägen, auf neue Frühjahrsmäntel und die schwungvolle Jugendstilfassade des illuminierten Staatstheaters. Ein wenig verärgert über den Taubendreck vielleicht, der sich wie Gazeverband über Bänke, Parkuhren und - merde! - sogar über die frisch polierten Schlüpfer legt.


Dar Ben Abdallah, Rue Sidi Quacem, Volkskundemuseum

Geschützter sind da schon die orientalischen Kittelfalten der Medina. Über tausend Jahre lang spielte sich Tunis Stadtleben im Wesentlichen innerhalb dieser Mauern ab, und 1881, zu Beginn des französischen Protektorats, lebten immerhin 100.000 Menschen hier - mehr als das Achtfache der heutigen Medina-Population. Weltkulturerbe ist die Medina seit 1979, denn ihr intaktes Wesen verdanken die alten Stadtmauern dem chronischen Mangel an Geld, der allzu radikalen Modernisierungsplänen stets einen Strich durch die Rechnung machte.

Baguettefreie Zone

Nur: In diesem Labyrinth aus Straßen, die sich wie Trichter verengen, bleiben heute zerbeulte Renaults, quäkende Vespas und schließlich sogar quer getragene Baguettes stecken. Und das ist auch gut so. Denn sonst könnte man an den besten Dingen glatt vorüberhasten. Am Barbiershop des "Souk de Libraires" etwa, dessen Hintertürchen zu den Dampfbadschwaden des Hammam Kachachine führen. Oder am farbenkräftigen Säulengewirr des schicken Ottomanen-Cafés "M'Rabet", mitten im Gewimmel des Türkischen-Seefahrer-Souk.

Geändert haben sich manche Dinge hier zuletzt aber doch. Plüschkamele baumeln an den Läden des Port de France, dem Eingang zur Medina. Längst nuckeln Tunis' selbstbewusste Töchter unter den Fresken des "Café de Souk des Chechias" - und in anderen In-Lokalen - an der Wasserpfeife. Hier Quartier zu beziehen gilt denn auch für viele als en vogue. Andere Bewohner haben das ohnehin nie bezweifelt. Am allerwenigsten die Ringeltauben, die auf den Dächern zwischen weißlackierten Luxuskäfigen und filigranen Drahterkerchen hin- und herflattern - und als Gegenleistung beruhigend um die Wette gurren.


Leoparden auf einer Mosaiktafel im Bardo Museum

Wen wundert es da noch, dass auch Fremde auf dem bunten Kachel-Patchwork dieser Dachoasen landen - etwa um einen Blick auf Tunis' Zitouna-Moschee zu werfen, das Wahrzeichen der Medina. Dass der Aufstieg quer durch einen Teppichladen führt, wo man "nix kaufen muss, aber gucken kann", nimmt man entspannt in Kauf. (Robert Haidinger/DER STANDARD/Printausgabe/2./3.2.3008)

Informationen: tunesien-info.at
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