Streit um Häftlingstraining

7. Februar 2008, 19:23
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Wird psychisch kranken Häftlingen in Wien im Gefängnis beigebracht, wie sie sich gegen Justizwachebeamte wehren können, wie die Gewerkschaft befürchtet?

Oder handelt es sich um ein akzeptiertes Training zur Aggressionskontrolle, wie ein Experte betont?

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Christian Broda, sozialdemokratischer Justizminister und Strafrechtsreformer in den 70er-Jahren, ist unter christdemokratischen Personalvertretern auch im neuen Jahrtausend eine misstrauisch beäugte Figur. "Wie weit wird die Broda-Linie im Strafvollzug noch gehen", fragt der stellvertretende Vorsitzende im Zentralausschuss der Justizwache, Johann Winkelbauer, daher in einer Aussendung.

Stein des Anstoßes: Ein Lehrgang zum Affektkontrolltraining für Häftlinge in der Justizanstalt Wien-Mittersteig. "In dem sind Kampftechniken enthalten", stellt Winkelbauers Kollege Albin Simma im Gespräch mit dem Standard fest. "Beispielsweise, wie man sich aus einer Fixierung befreien kann. Das wird aber von derselben deutschen Firma unterrichtet, die Justizwachebeamten beibringt, wie man Häftlinge richtig fixiert", ärgert sich Simma.

Für den schwarzen Personalvertreter ist die Sicherheit seiner Kollegen in Gefahr. "Es gibt im Strafvollzug genügend Möglichkeiten, sich körperlich zu betätigen, um Aggressionen loszuwerden und seine Affekte kontrollieren zu können, vom Krafttraining bis zum Boxen. Vielleicht ist dieser spezieller Lehrgang auch wissenschaftlich untersucht, aber irgendwo hat alles seine Grenze. Und wenn Insassen beigebracht wird, wie sie sich gegen Beamte wehren können, geht das für uns zu weit."

Andere Welt

Die aus ihrer Sicht Schuldigen haben die Christgewerkschafter bereits ausgemacht: Justizministerin Maria Berger (SPÖ) und Wolfgang Gratz von der Strafvollzugsakademie des Bundes. Gratz lebe in einer anderen Welt, behauptet Simma, und kenne die Nöte der Justizwache nicht.

Der Experte kontert im Gespräch mit dem Standard. "Das ist völliger Unsinn. Es handelt sich nicht um ein Kampfsporttraining, sondern um ein Programm, bei dem quasi Tai-Chi mit westlicher Philosophie verbunden wird und in dem auch körperliche Übungen zur Affektkontrolle vorkommen."

Dass der Kurs in der von ihm geleiteten Strafvollzugsakademie ebenso angeboten wird, bestreitet Gratz nicht. Allein: "Wir haben Drei-Tages-Workshops, bei denen die Affektkontrolle dabei ist. Fixierungstechniken werden aber im Modul ,Anwendung einsatzbezogener Körperkraft' gelehrt", stellt er fest.

Affektkontrolle

Bei der Affektkontrolle gehe es primär darum, Gewaltimpulse unter Kontrolle zu bringen. Dabei müsse man sich fragen, wie die Botschaft am besten vermittelt werde: "Bei jemandem mit einem Intelligenzquotienten von 85 werde ich es mit einem Gespräch schwerer haben und mit einem Körpertraining leichter", meint Gratz. Daher werde das Training nicht nur in deutschen Gefängnissen, sondern beispielsweise auch in der Behindertenarbeit eingesetzt.

"Ich selbst habe es übrigens auch schon absolviert. Fähiger zur Selbstverteidigung fühle ich mich deshalb aber nicht", verrät Gratz. (Michael Möseneder/DER STANDARD-Printausgabe, 2./3.2.2008)

  • Ab wann körperliche Übungen Kampfsport sind, ist zwischen Gewerkschaft und Justizministerium umstritten.
    foto: heribert corn

    Ab wann körperliche Übungen Kampfsport sind, ist zwischen Gewerkschaft und Justizministerium umstritten.

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