Unerhörte Gebete - Peter Rosei

4. Februar 2008, 17:33
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In der Dunkelheit des Zimmers, was spielt sich da ab? Offenbar ist es dir ein Bedürfnis zu reden. Im Grunde möchtest du reden wie ein Kind zu Vater und Mutter. Voller Vertrauen

Ein Mann um die fünfzig, erfolgreich oder was man so nennt, gesund und ohne gravierende Lebensprobleme, ein Mann, der von seiner Umgebung als liberal oder linksliberal angesehen wird, ertappt sich eines schönen Tages dabei, dass er, nachts vor dem Einschlafen, im Dunkel des Schlafzimmers und wohlig eingehüllt von einer weichen Daunendecke, mit einem Mal zu beten beginnt.

Seit der Kinderzeit hat er nicht gebetet. Damals hat man ihm die landläufigen Kindergebete beigebracht, an der Hand der Großmutter ging er sonntags zur Kirche, für kurze Zeit war er Ministrant - doch all das ist lang her, so lang, dass die Erinnerung daran etwas beinah Märchenhaftes, etwas ganz und gar Entrücktes hat, ihm jetzt fast unwirklich vorkommt: So war das also einmal? War es so?

"Ich weiß nicht", sagt der Mann zu einem guten Freund, einem Mann ähnlichen Kalibers übrigens, "ich weiß nicht, kann man das überhaupt beten nennen, was ich treibe?" - Der Mann hat es sich gut und lang überlegt, ob er den Freund einweihen und ins Vertrauen ziehen soll. - "Ich bete ja keine Gebete. Ich rede im Dunklen. Aber ich rede auf etwas hin. Meistens sage ich sogar 'Herrgott' zu meinem Gegenüber - aber das ist wohl eher als Hilflosigkeit zu werten, als eine Gewohnheit, die ich mir aus wer weiß welchen Zeiten herübergerettet habe." "Retten würde ich da nicht sagen", meint der Freund.

Schon in dem Moment merkt der Mann, dass er das Thema besser gar nicht aufgebracht hätte. Der Freund kann nichts Rechtes damit anfangen. Offenbar ist ihm die ganze Angelegenheit peinlich. "Wenn du so weiterredest, wird's mir richtig heiß", sagt der Freund dann und lächelt sein Gegenüber breit an. Immerhin, er hat durchblicken lassen, dass ihm der Vorgang nicht ganz unbekannt ist, denkt sich der Mann dann später.

"Ich gehe doch nie zur Kirche", sagt er sich, "Kirchen betrete ich grundsätzlich nur, um sie zu besichtigen. Aus kunsthistorischem Interesse. Aber nein!", wendet er später gegen sich ein: "Du warst doch dann und wann in einer Messe, auf dem Land meistens, in den Ferien. Und jedes Mal hat dich die Atmosphäre dort ergriffen, das gemeinsame Singen und Sprechen, das soziale Element an der Sache, der rührend simpel und gemeinschaftlich unternommene Anlauf zu einem besseren Leben, der bald laut, bald leise verlautbarte Wunsch danach, ein besserer Mensch zu werden."

In der Dunkelheit des Zimmers, was spielt sich da ab? - Offenbar ist es dir ein Bedürfnis zu reden. - Du redest aber nicht bloß. - Es ist eine bestimmte Redehaltung, die du aufsuchst. - Im Grunde möchtest du reden wie ein Kind zu Vater oder Mutter. - Voller Vertrauen. Ohne nachzudenken und ganz aus dem Gefühl heraus. - Du möchtest dich vertraulich an jemanden wenden. - An jemanden, der dir zuhört, der dich versteht, der aber stumm ist oder bleibt und keine Einwände macht. Ja, geradeso schaut dein Gott aus. Wenn's denn überhaupt einer ist. - Du glaubst doch nicht an Gott? Woran glaubst du denn? Wir können es nicht wissen

Je länger ich auf der Welt bin, wenn ich alles, was ich über die verschiedensten Dinge weiß, bedenke, sehe ich einen halbdunklen Raum voller Gerümpel vor mir - oder nein, nicht von Gerümpel: Es mögen auch durchaus funktionstüchtige Sachen darunter sein; nur weiß ich nicht, was genau mit ihnen anfangen. Gib vielleicht ein Beispiel! - Ob ich mich jetzt mit Geschichte, mit Ökonomie, mit kunsthistorischer Betrachtung, mit Soziologie, mit Literatur beschäftige - es ist überall das Gleiche: Zwar sind mir gewisse Bezüge vollkommen klar, so klar, dass ich sie jedermann erklären könnte. Im Fortgang des Denkens bringe ich das Geklärte mit anderen Gedanken und Überlegungen zusammen, die mir ebenfalls klar sind. - Aber irgendwann kommt der Punkt, wo die Klarheit dahin ist, wo die Übersicht aufhört - wo plötzlich die Ahnung aufkommt, etwa diesen Sinns: Das wirst du nicht durchstehen! Du wirst an kein Ende kommen! Wir können es nicht wissen.

Natürlich sagst du dir dann, jedes forschende Denken findet sein Ende dort, wo das Wissen aufhört und das Staunen anfängt. Du gibst dir zu bedenken, dass das Durcheinander, in das du zuletzt regelmäßig hineinschaust, vielleicht auch ein Reflex der Zeitlage ist. Sagt es nicht etwas, dass die Propheten beinah ausgestorben sind? Und wo denn einer etwas prophezeit, wird er binnen kurzem vom Leben und seiner Entwicklung widerlegt.

Im Vergleich zu vor hundert Jahren verfügen wir über ein gravierend verbessertes theoretisches Instrumentarium. Über einen ganzen Kasten voller Werkzeuge, könnte man sagen. - Kann es nicht sein, dass wir, von der schieren Datenmenge, die diese Werkzeuge für uns abwerfen, panisch werden, erst die Übersicht und dann den Kopf verlieren? Wir wollen alles zusammendenken. Und selbst, wenn wir die grundlegende Tugend der Bescheidenheit üben, selbst dann, vielleicht gerade dann, erleben wir den Augenblick mit schmerzlicher Klarheit, wo das Gewusste grau und unansehnlich wird, indes nur das kleine Licht da ganz hinten - um ein schon wieder metaphorisch beladenes Bild zu wählen, fällt dieses Licht etwa wie durch eine Dachluke in einen mit Plunder und altem Zeug vollgestellten Raum - ist dieses Licht das Einzige, das dich anzieht, dich fasziniert.

Ernstlich: Hältst du unser oder speziell dein Wissen tatsächlich für Gerümpel? - Aber doch ganz sicher nicht! Es macht mir Freude, macht mich stolz, darüber verfügen zu können. Gerade die schwierigsten Probleme - die ich gerade noch meistern kann - sie bedeuten mir am meisten.

Im Bild zu bleiben: Das vorherrschende Gefühl könnte man beschreiben als einen Gang durch das Innere eines Schiffes - eine Art Laderaum -, vollgestellt mit bizarren Gerätschaften, manche verpackt, manche nur hingestellt: Und du siehst keinen Weg zwischen diesen Dingen, ihr Zusammenhang ist dir nicht recht klar - du weißt nur, dass sie alle wohl notwendig sind, damit das Schiff, dessen Äußeres du ja nicht siehst, fahren kann. - (Du spürst das Stampfen der Maschine.)

Noch etwas: Früher dachte ich immer, das Neue, das noch nie da Gewesene, sei das Wunderbare. Gehe ich jetzt etwa auf dem Land draußen spazieren oder schaue aus den Fenstern meiner Wohnung auf die verschachtelten Hinterhöfe des Quartiers hinunter, kommt mir vor, dass ich das Wunder gerade darin zu erblicken habe, dass das Altbekannte, das Vertraute und vielfach Gesehene noch immer da ist, gewissermaßen treu die Stellung gehalten hat.

Die Vorstellung ist mir nicht fern, dass das Wunderbare und Großartige allein darin liegt, dass ich überhaupt da bin und dass rund um mich sich etwas entfaltet, das ich - in wohl unvernünftigem, ja blödem Zutrauen - Welt nenne. Ich bin kein Mann der Religion. Kein Esoteriker oder Mystiker. Der Klerus, welcher Religion auch immer, ist mir suspekt, den Anspruch jener Institutionen, die man 'Kirchen' nennt, lehne ich ab. "Vielleicht ist es ja so", sagt mein Freund - bei späterer Gelegenheit kommt er überraschend auf unser erstes Gespräch zurück, "unser Leben war doch im Wesentlichen auf ein Niederreißen der Hierarchien aus. Die Ansprüche von Obrigkeiten wurden von uns abgelehnt. Dann haben wir diese Hierarchien bekämpft und, wo möglich, auch zerstört. - Vielleicht ist es ja so, dass wir jetzt, wo wir aus unserem Inneren selber etwas wie eine Hierarchie sich erheben und konstituieren sehen, dass wir das nicht wahrhaben wollen, es leugnen wollen, so gut es geht, dass es uns peinlich ist ..." Als ich indes mit einer Frage nachsetzen wollte, wechselte der Freund rasch das Thema. Er war, wie ich es auffasste, nur daran interessiert gewesen, mir zu bedeuten: Dir zuliebe bin ich auf dieses Thema noch einmal eingegangen. Im Übrigen, mein Lieber, du weißt ja: Seriös ist das alles nicht!

Frage: Wie würdest du deine "Religion" denn umreißen? - Ich glaube an die Kooperation der Menschen, ich glaube an die Macht der Liebe, also auch an die des Hasses, an Gesundheit und Kraft, ich glaube an die Vernunft. - Wie man sieht: Meine "Religion" fängt mit der Vernunft an und hört bei der Vernunft auf. Der Stoff, an dem sie sich abarbeitet, ihre Utopie, könnte man sagen, liegt in einer Art Brüderlichkeit, in einem Verantwortungsgefühl für mich und andere. Das Irdische meiner "Religion" liegt in den Freuden der Wahrnehmung, mögen sie nun gutartig oder bösartig, und das meint, für oder gegen mich gerichtet oder, schlimmstenfalls, mir abträglich sein.

Du bist also einer dieser Helden, wie sie in den Epen der Frühzeit immer geschildert werden? - Nein. Mitleid spielt eine große Rolle in meiner Welt. - Also gut: Du bist, meinetwegen, ein mitleidiger Heide ohne Gott, ein Mann, dessen Weltbild notwendigerweise tragisch ist? - Tragisch ist jedes Weltbild. Stelle ich mir etwa eine ordnungslose Welt vor, eine Welt, deren Ordnung ich nicht nur nicht erkennen kann, sondern die, wie ich fühle oder annehme, gar keine Ordnung hat - was bleibt mir dann übrig, als an Krieg und Rache, an Sieg oder Niederlage, an die Schwachen und die Starken zu glauben? - Du bist ein gutartiger, freundlicher Heide, mein Lieber, ein vernünftiger Mann mit seinem kleinen Aberglauben, mit seinen Spinnereien: Vielleicht wirst du dir bald, ähnlich wie Pascal, Orakel und Zaubersprüche in deine Kleider einnähen oder dir gar einen Fetisch schnitzen wie ein Wilder?

"Wir haben doch früher angenommen, dass in der verwalteten Welt, in einer Welt der Sicherheiten, die noch dazu den Tod tabuisiert, dass in einer solchen Welt die Sehnsucht nach dem ganz Anderen (wie Horkheimer es genannt hat) abnehmen wird. - Was sehen wir aber jetzt?" "Nun, das Leben besteht ja nicht aus Einsichten. Es duldet sie nur wie der Elefant die Fliege und geht im Übrigen weiter. Das könnte ein Trost sein." "Mag sein. - Aber ganz etwas anderes: Hältst du meinen Fall für hoffnungslos? Für weit verbreitet? Für überkandidelt? Für verschroben, ja? Für eine Seltenheit?" "Mir stellt sich eine ganz andere Frage: Wozu brauchst du denn deinen sogenannten Gott, wenn er nicht - wie von alters her vorgesehen - die Hoffnung, die Liebe und die Freude ist?" "Ich weiß nicht. - Wohl dafür, um dankbar sein zu können?" "Ah!"

Aber irgendwann kommt der Punkt, wo die Klarheit dahin ist, wo die Übersicht aufhört - wo plötzlich die Ahnung aufkommt, etwa diesen Sinns: Das wirst du nicht durchstehen! Du wirst an kein Ende kommen! (Peter Rosei, DER STANDARD/Printausgabe, 02./03.02.2008)

Zur Person:
Peter Rosei, geb. 1946, studierte Jus und war zunächst Sekretär des Malers Ernst Fuchs. Er lebt seit 1972 als freier Schriftsteller in Wien. Neben den Prosawerken schreibt er Gedichte, Theaterstücke und Hörspiele. Zuletzt erschien von ihm 2006 "Die sogenannte Unsterblichkeit" (Sonderzahl) und 2005 "Wien Metropolis" (Klett-Cotta).
  • Peter Rosei: "Wie man sieht: Meine ,Religion' fängt mit der Vernunft an und hört bei der Vernunft auf. Der Stoff, an dem sie sich abarbeitet, ihre Utopie, könnte man sagen, liegt in einer Art Brüderlichkeit, in einem Verantwortungsgefühl für mich und andere. Das Irdische meiner ,Religion' liegt in den Freuden der Wahrnehmung."
    foto: heribert corn

    Peter Rosei: "Wie man sieht: Meine ,Religion' fängt mit der Vernunft an und hört bei der Vernunft auf. Der Stoff, an dem sie sich abarbeitet, ihre Utopie, könnte man sagen, liegt in einer Art Brüderlichkeit, in einem Verantwortungsgefühl für mich und andere. Das Irdische meiner ,Religion' liegt in den Freuden der Wahrnehmung."

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