Krimi: Ums nackte Überleben

11. Februar 2008, 17:22
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Der Serienmörder Andrej Tschikatilo hat die Inspiration geliefert, aber was der in London lebende Autor Tom Rob Smith daraus gemacht hat, ist weit mehr als ein Krimi

Er lässt seinen Roman 1933 in den Zeiten des stalinistischen Terrors beginnen, als die Bauern zu Hunderttausenden verhungerten und kleine Kinder getötet wurden, um sie aufzuessen. Ein Bub verschwindet. Die Geschichte bricht ab. 1953, als der Terror immer noch wütet, findet man Kinderleichen im Wald; der Geheimdienstmann Leo Demidow will die Fälle klären, aber die Partei verbietet es ihm. Im vollkommenen Kommunismus kann es solche Verbrechen gar nicht geben, weil ja das irdische Paradies vor der Tür steht. Leo ist als Kriegsheld zunächst unantastbar, als er aber hartnäckig weiterermittelt, spielt er mit seinem Leben. Seine Frau wird als Spionin denunziert, was im Normalfall die Erschießung nach sich zieht. Doch man verbannt die beiden in die düsterste Provinz.

Leo, der bislang politische Abweichler ans Messer geliefert hat, ist desillusioniert, er führt einen aussichtslosen Kampf um die Wahrheit, und als ihm seine Frau eröffnet, dass sie ihn nur geheiratet hat, weil sie sich fürchtete, ihn abzuweisen und deshalb in der Todeszelle zu landen, bricht seine Welt zusammen. Smith versteht es, die Atmosphäre der ständigen Bedrohung fühlbar zu machen. Wer ist wirklich so stark, seinem Partner das Leben zu retten und dafür sein eigenes zu verlieren? Alle natürlichen Loyalitäten lösen sich in den Zeiten des Terrors auf, der Mensch wird auf den nackten Überlebenstrieb reduziert. Das ist das eigentlich Schaurige an diesem packenden Roman: die Brüchigkeit der Zivilisation, demonstriert nicht an einem erfundenen, sondern historischen Beispiel. (Ingeborg Sperl, DER STANDARD/Printausgabe, 02./03.02.2008)

Tom Rob Smith, "Kind 44". Deutsch: Armin Gontermann. € 20,50/512 Seiten. DuMont, Köln 2008.
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    cover: dumont
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