Das letzte Aufbäumen

11. Februar 2008, 17:22
1 Posting

Im Roman "Exit Ghost" beschert Philip Roth dem Leser ein Wiedersehen mit seinem Alter Ego Nathan Zuckermann. Der will es noch einmal wissen

"Ich war seit elf Jahren nicht mehr in New York gewesen. Abgesehen von einem Aufenthalt in Boston, wo man mir die von Krebs befallene Prostata entfernt hatte, war ich in diesen elf Jahren kaum je anderswo unterwegs gewesen als auf der kleinen Landstraße in den hügeligen Berkshires, und überdies hatte ich seit dem Attentat vom 11. September drei Jahre zuvor nur selten eine Zeitung gelesen (...). Den Impuls, in dieser Welt zu sein und zu ihr zu gehören, hatte ich längst abgetötet."

Jetzt kehrt das Alter Ego von US-Großschriftsteller Philip Roth, das zum ersten Mal 1979 in Der Ghostwriter auftrat und inzwischen der Held bzw. Erzähler von acht Romanen war (zuletzt 2000 in der Beobachterrolle in Der menschliche Makel), noch einmal zurück. In New York will sich Zuckerman einer neuartigen Behandlung unterziehen, die seine seit der Prostataoperation bestehende, beschämende Inkontinenz abschwächen soll.

In den Jahren des selbstgewählten Rückzugs hatte der Schriftsteller kaum Kontakt zu anderen Menschen: "Ich schreibe jeden Tag – im Übrigen schweige ich." Zuckerman hatte sich rausgenommen aus dem Spiel, keine Lesungen mehr gegeben, keine Vorlesungen, keine Interviews. Fast war er verschwunden. Sogar der Gedanke, seine Texte nicht mehr zu veröffentlichen, war ihm reizvoll erschienen: "Ist das, was ich brauche, nicht das Arbeiten und Überarbeiten?"

Der Gute hat sich in seiner komfortablen Mönchsklause etwas vorgespielt. Kaum zurück in Manhattan, stolpert er verwirrt, aber höchst interessiert wieder ins Leben hinein. Als er das Krankenhaus verlässt, erblickt er eine Frau, die ihm bekannt vorkommt. Es ist Amy Bellette, die er einst in Der Ghostwriter als junger Autor kennenlernte. Sie war damals die Muse von Zuckermans Idol E.I. Lonoff. Nun lebt sie einsam in einer desolaten Wohnung voller Memorabilia.

Ganz hat die Welt offenbar noch nicht mit Zuckerman abgeschlossen. So wird er bald auch von einem ehrgeizigen Literaturwissenschafter verfolgt, der ihn für eine Biografie über den in Vergessenheit geratenen Lonoff befragen möchte. Der junge Mann ist ihm lästig. Nicht nur weil er in seinem Buch ein Geheimnis aus Lonoffs Leben preisgeben will, das dessen Werk in einem ganz anderen Licht darstellt. Vor allem erinnert ihn dieser mit dem Kopf durch die Wand gehende Rüpel an sich selbst vor fünfzig Jahren.

Und schließlich sind da, natürlich, die Frauen. Zuckerman verschaut sich in die wunderhübsche, von Roth selbstredend mit den entsprechenden Merkmalen ausgestattete ("Geben Ihre Brüste Ihnen Selbstvertrauen?") junge Schriftstellerin Jamie Logan. Diese ist zwar verheiratet mit einem gleichaltrigen Kollegen und offenbar auch irgendwie mit dem Lonoff-Forscher verbandelt. Das hält Zuckerman allerdings nicht ab, sich ihr behutsam zu nähern. Sie entfacht sein Feuer wieder. Er weiß zwar, seine Liebe ist lächerlich, und er befürchtet, dass sein New-York-Abenteuer ihn gesundheitlich zurückwerfen wird. Dennoch bleibt er für ein paar Tage in der Stadt, kämpft wacker an drei Fronten und schreibt nachts in seinem Hotelzimmer herzzerreißende "Er und Sie"-Dialoge, in denen er seiner Angebeteten all das sagt, was er bei ihren realen Begegnungen nicht auszusprechen wagt. So würde Nathan das gerne hören: "SIE: Oh, ich möchte Sie sehr gern beeindrucken. Ich sehe zu Ihnen auf. Sie sind für mich ein großes Rätsel, müssen Sie wissen."

Society-Gewusel

Man könnte sagen, in Exit Ghost, das im Titel auf Shakespeares Macbeth und auf den ersten Zuckerman-Roman Ghostwriter anspielt, schließt sich der Kreis. Ein Leben für die Kunst bewegt sich auf den letzten Vorhang zu. Schonungslos schildert Zuckerman seine körperlichen Gebrechen und seine Vergesslichkeit, die immer schlimmer wird und ihn bei der Arbeit behindert. Der Leser kann fast nicht umhin anzunehmen, dass es Philip Roth ein wenig ähnlich geht, zumal Exit Ghost – wie zuletzt Jedermann – stilistisch knapp und fast schmucklos ausgefallen ist. Roth spricht durch Zuckerman. Und lässt es nicht an resignierten Kommentaren über die Bedeutungslosigkeit von Literatur heute fehlen. Er bemäkelt, dass sich die Medien nur mehr für die Skandale von Autoren interessieren, nicht mehr für deren Werk. Die einzige Waffe gegen die schleichende Abstumpfung durch das Society-Gewusel auf allen Kanälen sei völlige Medienabstinenz. Frage: "Wer ist Tom Cruise?"

Gestreift werden auch die US-Präsidentschaftswahlen 2004, New York nach 9/11 sowie Judenhass. Was Jamie, die am Anfang ihres Lebens steht, fürchterlich mitnimmt, darauf hat Zuckerman längst einen anderen Blick. "Der Schmerz wird vergehen", kommentiert er ihren Zorn über Bushs Wiederwahl. So spricht einer, der vieles gesehen hat und nicht mehr allzu viel erwartet von seinem Leben. Einmal wird man Philip Roths Romane hernehmen und ein ganzes Schriftstellerleben daraus rekonstruieren können. Ein in der zeitgenössischen Literatur beispielloses Werk bewegt sich auf die Zielgerade zu: "Und irgendwann würde ich ebenfalls sterben, (...) wie alle, die ihre Taten vollbracht und ihre Aufgabe erfüllt haben und nun auf dem Friedhof lagen, allerdings nicht ohne mich zuvor an den Tisch am Fenster zu setzen (...) und in meinem sicheren Hafen, wo keiner dieser New Yorker Menschen mehr zu sehen war – und bevor mein nachlassendes Gedächtnis mich vollends im Stich ließ –, die letzte Szene (...) zu schreiben." (Sebastian Fasthuber, DER STANDARD/Printausgabe, 02./03.02.2008)

Philip Roth, "Exit Ghost". Aus dem Amerikanischen von Dirk van Gunsteren. € 20,50/297 Seiten. Hanser, München 2008. (Ab 9. Februar im Handel.)
  • Jeden Tag schreiben, sonst schweigen: Philip Roth.
    foto: nancy crampton

    Jeden Tag schreiben, sonst schweigen: Philip Roth.

Share if you care.