"Hut ab, es ist uns alles gelungen"

1. Februar 2008, 18:41
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Alfred Ötsch will mit saudischem Kapital die "Eigenständigkeit" der AUA sichern. Im STANDARD-Interview erzählt er, warum die Lufthansa "kein Angstgegner" ist

Warum er als Ex-Siemens-Manager keine Angst vorm Schmiergeldskandal hat und warum er kein Gemüse mehr im Garten anbaut, erfragte Renate Graber.

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STANDARD: Ich habe Ihnen etwas mitgebracht.

Ötsch: Da muss ich Brillen aufsetzen.

STANDARD: Nein, nein, sehen Sie ohne.

Ötsch: Manner-Schnitten. Herrlich. Danke sehr. Warum?

STANDARD: Eingedenk Ihrer Zeiten beim Neustädter Skiklub Cristiania ...

Ötsch: Aha, das wissen Sie. Schreibt man mit C, ohne h ...

STANDARD: ... danke, weiß ich. Also, wen immer man fragt, alle sagen, Sie seien ein toller Skifahrer. Da gab es 1969 das Manner-Pokal-Rennen, Sie fuhren mit, Ingemar Stenmark auch.

Ötsch: Ja, ein Schülerrennen. Mein Vater war Lebensmittelgroßhändler und hat den Sponsor aufgestellt.

STANDARD: Ihre Schwester Sissi war aber immer besser als Sie.

Ötsch: Erfolgreicher. Aber ich lege schon Wert darauf, dass ich schneller bin. Skifahren ist meine Leidenschaft, ich komme eben von Whistler Mountain in Kanada, habe die Olympia-Strecken 2010 inspiziert.

STANDARD: Sie laufen, spielen Tennis. Signieren Sie Ihre Laufschuhe?

Ötsch: Als ich für Siemens in Nürnberg war, spielte ich dort im Klub Tennis; Sponsor war Adidas, ist ja gleich daneben daheim. Und da haben wir diese individuell gefertigten Schuhe bekommen, ist ja gut fürs Fußbett. Man konnte sich eine Aufschrift wünschen. Beim Laufschuh habe ich originellerweise meinen Namen gewählt, beim Tennisschuh ein Ergebnis: 6:0, 7:6, beim anderen Schuh 7:6, 6:0. Als Gag, damit kann man den Gegner einschüchtern ...

STANDARD: Wer ist Ihr Angstgegner?

Ötsch: Im Tennis oder bei der AUA? Im Tennis habe ich keinen, und in der Airlinebranche habe ich Mitbewerber und keine Gegner.

STANDARD: Als AUA-Chef kämpfen Sie um den Alleingang der AUA. Sie führen seit längerem Verhandlungen mit dem arabischen Investor Scheich Al Jaber. Er soll 150 Millionen Euro in die AUA stecken, hätte damit 25 Prozent. Araber statt deutsche Lufthansa?

Ötsch: Nicht nur ich stehe für die Eigenständigkeit, da bin ich in guter Gesellschaft mit Eigentümer, Aufsichtsrat, und ich glaube mit auch allen 8000 Mitarbeitern. Das strategische Interesse von Al Jaber bezieht sich auf die raschere Geschäftsausweitung im Nahen und Mittleren Osten und die Stärkung des Wirtschaftsstandorts Wien. Genau das unterstützt unsere Linie.

STANDARD: Die AUA ist börsennotiert, gehört zu rund 43 Prozent der ÖIAG, die Regierung soll Ihnen grünes Licht gegeben haben. Stimmt das?

Ötsch: Es gibt umfassende positive Signale.

STANDARD: Sie planen eine Kapitalerhöhung unter Bezugsrechtsausschluss. Hätten Sie nicht schon vor Donnerstag ad-hoc-melden müssen?

Ötsch: Nein, wir sind derzeit in einem Stadium, wo vieles diskutiert wird, aber noch nichts entschieden oder beschlossen ist. Die Kapitalerhöhung mit Bezugsrechtsausschluss ist eine der diskutierten Strukturvarianten, die am Donnerstag als derzeitige Präferenz festgelegt wurde. Unmittelbar danach haben wir die Öffentlichkeit informiert.

STANDARD: Ich kenne Juristen, die Ihr Vorgehen in Bezug auf die Gleichbehandlung aller Aktionäre für bedenklich halten.

Ötsch: Diese Problematik sehen wir nicht. Wir prüfen verschiedene Optionen für eine mögliche Transaktion und wählen sicher keine, wie Sie es nennen, bedenklichen Konstruktionen.

STANDARD: Warum verhandeln eigentlich Sie und nicht der Eigentümervertreter?

Ötsch: Es geht derzeit vor allem um die Umsetzung unserer Oststrategie, eine zutiefst operative Angelegenheit und selbstverständlich Vorstandssache. Der Aufsichtsrat wird am 12. März mit allen Details eingebunden, um als Aufsichtsorgan die notwendigen Beschlüsse zu treffen.

STANDARD: Wir werden sehen. Es heißt, Sie verlieren äußerst ungern.

Ötsch: Ich habe zu verlieren gelernt im Sport, aber ich gewinne lieber. Ziele zu verfehlen kann ja auch nicht der Sinn einer Tätigkeit sein. Und was mir unheimlich wichtig ist: Fairness ist die Basis für den Erfolg.

STANDARD: Sind Sie fair?

Ötsch: Ja.

STANDARD: Woran merkt man das?

Ötsch: Ich würde nie einem anderen etwas zumuten, was ich mir nicht selbst zumute. Ich würde nie wen anlügen, bin verlässlich. Ausg'macht ist aus'gmacht. Sogenannte Leger gibt es bei mir nicht.

STANDARD: Bevor Sie im April 2006 zur AUA gingen, sagten Sie zur "Presse": "Ich stehe nicht zur Verfügung."

Ötsch: Ich glaube nicht, dass ich da korrekt wiedergegeben wurde.

STANDARD: Bevor AUA-Vorstand Burger im Streit ging, sagten Sie, die "Reibereien sind Gerüchte". Mir sagten Sie vor sehr kurzem, "es gibt keine Gespräche für eine Kapitalerhöhung".

Ötsch: Wir sind börsennotiert, unterliegen strengen Regeln, was wir sagen dürfen und was nicht. Diesem Rahmen muss ich sehr viel unterordnen.

STANDARD: Brigitte Ederer wurde Ende 2005 Chefin von Siemens Österreich. Den Job wollten Sie.

Ötsch: Ist die Frage, zu welchem Zeitpunkt man das betrachtet. Ich war 27 Jahre bei Siemens, 2005 war das eine erstrebenswerte Position. Heute bin ich froh, dass ich es nicht wurde, sonst hätte man mich nicht gefragt, ob ich zur AUA will.

STANDARD: Und weil die Siemens-Schmiergeld-Causa nach Österreich geschwappt ist.

Ötsch: Das würde ich so nicht bestätigen. Es ist traurig, was da passiert ist, wie da Werte, die den Konzern großgemacht haben, miterschlagen werden, bei den berechtigten Aufräumaktionen der Unzulänglichkeiten, die geschehen sind. Aber das hat absolut nichts mit Österreich zu tun. Mehr will ich dazu nicht dazu sagen. Ich bin weg von Siemens.

STANDARD: Sie schließen Schmiergelder bei Siemens Österreich aus?

Ötsch: Ich kann ausschließen, dass in Österreich solche Aktionen mit Geldern, denen keine Gegenleistung gegenübersteht, gelaufen sind.

STANDARD: Sie haben aber gesagt, dass es, als Sie Automationfinanzchef in Deutschland waren, 30 Millionen Euro "Durchlaufposten" gab. Stimmt es, dass Sie einvernommen werden?

Ötsch: Nein. Und das ist eine ganz andere Sache.

STANDARD: Können Sie mir's bitte erklären?

Ötsch: Der Vorwurf ist, dass der Aufbau einer unabhängigen Gewerkschaft unterstützt wurde. Rechnungen für Beratungsleistungen wurden über den von mir verantworteten Bereich Automation rein formal zur Zahlung angewiesen, und zwar Rechnungen, die von der Zentrale geprüft und anerkannt waren.

STANDARD: Fürchten Sie nicht, dass da noch was kommen könnte gegen Sie?

Ötsch: Nein. Kann nicht sein.

STANDARD: Entspringt der Schmiergeldskandal der Gier, jeden Auftrag ergattern zu wollen?

Ötsch: Schatten gibt es überall. Es gibt auch gute und schlechte Journalisten.

STANDARD: Bestimmt. Seit Sie im AUA-Vorstand sind, hat sich das Team sehr verändert. Marketing-Chef Burger ging im Sommer 2007 wegen grober Streitigkeiten, Finanzchef Kleibl ging jetzt; auch nicht, weil es so lustig war im Vorstand. Ihr Aufsichtsrat hat Ihnen im Herbst einen Vierervorstand aufs Aug' gedrückt, jetzt haben Sie wieder den von Ihnen gewollten Dreiervorstand. Bleibt das so?

Ötsch: Den Dreiervorstand wird der Aufsichtsrat voraussichtlich am 12. März beschließen. Und Burger ging wegen schwerwiegender Differenzen, aber zwischen mir und Kleibl gab es solche definitiv nicht. Es tut mir sehr leid, dass er gegangen ist.

STANDARD: Obwohl Sie selbst auch Finanzer sind?

Ötsch: Ja. Es war eine ideale Kombination.

STANDARD: Der Betriebsrat schätzt Sie nicht sehr, man warf Ihnen sogar "Bespitzelung" vor. Geht es besser?

Ötsch: Ich habe ein entspanntes Verhältnis zum Betriebsrat, es gibt keine großen offenen Themen. Man muss schon sehen: Wir hatten schmerzliche Einschnitte, 600 Leute haben uns verlassen – und das mithilfe des Betriebsrats, bei sozialem Frieden. Und zu den "Bespitzelungen": erstunken und erlogen. Wir haben mit Bachler und Co über Sicherheitsvorkehrungen geredet, das war's.

STANDARD: Wie schauen denn die Zahlen der AUA 2007 aus?

Ötsch: Werden am 13. März veröffentlicht. Man wird an ihnen sehen, dass der neue Kurs messbar ist. Wir sind liquid, die Schulden – aber nennen wir es Fremdkapital, weil Schulden so schlimm klingt – sind auf unter eine Milliarde abgebaut. Hut ab, es ist uns alles gelungen, was wir angegriffen haben. Alles gelungen.

STANDARD: Die AUA ist saniert?

Ötsch: Die AUA ist saniert.

STANDARD: Ist Ihnen Applaus wichtig?

Ötsch: Nein, wir sind nicht im Theater. Aber Anerkennung ist wichtig.

STANDARD: Im Theater sind Erfolg und Flop am unmittelbarsten zu spüren.

Ötsch: Unrichtig: beim Rasenmähen. Da sehen Sie den Erfolg sofort, und er hängt nicht an Interpretationen.

STANDARD: Sie mähen also gern.

Ötsch: Ich arbeite gern im Garten.

STANDARD: Was wächst dort?

Ötsch: Mit Gemüse habe ich aufgehört, weil es gleichzeitig reif wird. Viele Rosen gibt's, meine Lieblingsblumen.

STANDARD: Hier hängt aber eine Installation mit Mohnblumen. Weil die AUA mohnrot ist?

Ötsch: Weil Mohn wunderschön ist. Ich habe Gitti Ederer, als sie zu Siemens kam ...

STANDARD: ... Mohn zur Beruhigung geschenkt.

Ötsch: Nein; versprochen, dass wir auf der Freifläche vor dem Büro Mohnblumen anbauen. Aber durch einen Fehler des Gärtners wuchs alles Mögliche, nur kein Mohn. Wirft sie mir heut' noch vor. Es ist aber auch verdammt schwer, eine Naturblumenwiese anzubauen, ohne dass sie künstlich ausschaut.

STANDARD: Ist immer schwer, Künstliches natürlich aussehen zu lassen. Wie verstehen Sie sich mit Ihrem Aufsichtsratschef Michaelis? Das Gutachten des Aufsichtsrats zum Vierer-vorstand wollten Sie nicht zahlen.

Ötsch: Ich habe gelernt und mir vom Aufsichtsrat bestätigen lassen, dass der Expertise Leistung gegenüberstand – und dann bezahlt. Michaelis und mich verbindet ein ganz normales Verhältnis.

STANDARD: Zuletzt kam die AUA viel auf den Politikseiten vor. Sie haben Kanzler Gusenbauer und Familie in deren Urlaubsflug in die Business-Class gesetzt, obwohl sie zunächst nur Economy gezahlt hatten. Scheibchenweise wurde dann informiert ...

Ötsch: ... Upgradings sind unsere freiwillige Entscheidung, Economy war überbucht. Ich will für all unsere Kunden das Beste, und es geht um unseren Regierungschef. Dass man den Bundeskanzler nicht einmal in Ruhe lässt, wenn er auf Urlaub fährt? Er hat doch eh nie eine Ruh'. Das ist eine Ersatzdiskussion, ich weiß nur nicht, wofür.

STANDARD: Wissen Sie Antwort auf die letzte Frage? Worum geht's im Leben?

Ötsch: Ich habe mir genau überlegt, was ich da sage. Man ist nicht allein auf der Welt – daher geht es um den fairen Umgang miteinander, privat wie geschäftlich. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 2./3.2.2008)

Zur Person
Alfred Ötsch (54) war 27 Jahre lang Manager bei Siemens, wo er 2005 nicht Österreich-Chef wurde. Seit 2006 ist der Finanzexperte aus Wr. Neustadt Vorstandschef der angeschlagenen AUA. Der leidenschaftliche Skifahrer, Tourengeher ("Alles was man rauf geht, darf man wieder runterfahren"), Bergsteiger, Rotarier ist der ÖVP zuzurechnen. Er mag moderne Kunst, ist verheiratet und hat zwei studierende Töchter.
  • Alfred Ötsch, AUA-Chef, ist mit seiner Leistung zufrieden. Applaus erwartet er für die "Sanierung" nicht, "Anerkennung" schon. Am unmittelbarsten spürt er seine Erfolge aber im Garten – beim Rasenmähen.
    foto: standard/hendrich

    Alfred Ötsch, AUA-Chef, ist mit seiner Leistung zufrieden. Applaus erwartet er für die "Sanierung" nicht, "Anerkennung" schon. Am unmittelbarsten spürt er seine Erfolge aber im Garten – beim Rasenmähen.

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