Reportage: Der französische Salman Rushdie

11. Februar 2008, 17:22
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Der deutsch-französische Philosoph Robert Redeker lebt seit einem Jahr im Untergrund: Wegen eines angriffigen Zeitungsbeitrages bedrohen ihn Islamisten mit dem Tod

Der Treffpunkt ist mit Sorgfalt gewählt. Der Stadtpark des belebten südfranzösischen Ortes M. liegt an diesem Wintermorgen völlig verlassen da; Verfolger würden sofort auffallen, der Wartende hingegen ist im Nebel kaum zu erkennen. Einzige Lücke in dem Geheimdienstszenario: Die rundlich kleine Gestalt des Robert Redeker ist in seinem hellbeigen Nadelstreifenanzug nicht zu übersehen. Den Rundblick seines Gegenübers deutend, beruhigt der 53-jährige Denker zur Begrüßung: "Keine Angst, ich bin ohne Polizeibegleitung gekommen."

Dafür hält er einen Beeper mit einem dicken roten SOS-Knopf griffbereit. "Das ist die Verbindung zum nächsten Polizeiposten, für den Fall, dass...", lacht Redeker, ohne den Satz zu beenden. Für den Fall zum Beispiel, dass ihm jemand an den Kragen will. Auf einer Djihad-Internetseite wurde vor gut einem Jahr sein Kopf ausgeschrieben, wie es Ende der 1980er-Jahre Salman Rushdie geschehen war. "Wir werden dich töten", entzifferte Redeker und fand daneben sein Konterfei, das Foto seines Hauses, seine Wohnadresse und eine Beschreibung des Anfahrtsweges gleich noch dazu.

Die Fatwa richtete sich gegen seinen Beitrag "Wie sich die freie Welt angesichts der islamistischen Einschüchterungen verhalten soll" in der Pariser Zeitung Le Figaro von September 2006. Der Text enthielt Aussagen wie "Der Koran ist ein Buch von unerhörter Gewalt", oder "Jesus ist ein Meister der Liebe, Mohammed ein Meister des Hasses". Und das war nicht einmal aus dem Zusammenhang gerissen; der im Midi aufgewachsene Philosoph mit deutschem und französischem Pass führte aus, dem Islam wohne eine "archaische Gewalt" inne. Als Beispiel nannte er die jährliche symbolische Steinigung Satans in Mekka.

Als hätte er sein eigenes Schicksal vorhergesehen, schrieb er, der Islam benütze Gewalt und Einschüchterung wie zu den hegemonialen Zeiten des Kalten Krieges. Diese Religion wolle den Europäern ihre Regeln aufzwingen, wenn sie in französischen Spitälern männliche Ärzte für Musliminnen verlange oder islamische Schülerinnen vom Schwimm-unterricht auszunehmen suche.

Seither hat Redeker das Haus verkauft. Er ist abgetaucht, hinterlässt keine Spur. Seinen Brotjob als Philosophielehrer an zwei Mittelschulen in Toulouse hat er verloren: "Die Eltern haben Angst, wenn ich ihre Schüler unterrichte." Seinen eigenen Sohn – den jüngeren – hat er ins Internat gesteckt, der ältere entfernte sein Namensschild vom Briefkasten. "Die Tochter hat zum Glück geheiratet und einen neuen Namen", erzählt der Philosoph, sichtlich froh, wieder einmal über sein Los sprechen zu können. "In den letzten Monaten komme ich kaum noch aus dem Haus", meint er und blickt sich nach einer Sitzgelegenheit um. Zweiter Haken am Geheimdienstszenario: Die Parkbänke sind ziemlich nass.

Flüchtling im eigenen Land

"Setzen wir uns ins Auto", beschließt Redeker und erzählt auf dem Weg zum Parkplatz, ohne einzuhalten, weiter. "Anfangs schlief ich jede Nacht woanders. Seitdem ich das Haus verkauft habe, wohne ich an einem Ort, wo mich niemand kennt. Flanieren, ins nächste Bistro oder die nächste Buchhandlung gehen, kommt nicht infrage." Wenn Redeker einmal anstelle seiner Frau einkaufen will, fährt er mindestens 30 Kilometer bis zum nächsten Supermarkt. "Nie in den gleichen, denn man darf keine Gewohnheiten entwickeln", weiß Redeker. "Auf diese Weise lässt sich ein großer Teil der Gefahr abwenden."

Klingt ein wenig nach Polizeihandbuch. "Stimmt, das haben mir die Leute von der Spionageabwehr empfohlen. Wenn mir längere Zeit das gleiche Auto nachfährt, fahre ich zweimal um den Kreisel herum, das funktioniert bestens." Redeker muss selbst schmunzeln.

Angst? "Habe ich nicht mehr", behauptet der in Frankreich landesweit bekannte Denker. Nur wenn ihn auf der Straße jemand erkenne oder anspreche, zucke er weiterhin zusammen. Deshalb meidet er heute den Medienrummel: "Ich versuche mich unsichtbar zu machen." Kürzlich, in Barcelona, wo er an einer Tagung teilnahm, wurde er von der Polizei durch Seitentüren an den Kontrollen vorbei direkt ins Flugzeug geführt. Eine Woche lang ließ sie ihn nicht aus dem Hotelzimmer; er sah kein Zimmermädchen, nicht einmal die Ramblas.

Am schlimmsten war für Redeker aber der Tod seines deutschen Vaters. Der Landarbeiter und Rebell aus Hannover hatte Kriegsdienst im Afrikakorps geleistet und auf Hitler gespuckt, erzählt sein Sohn; danach sei er im Südwesten Frankreichs interniert gewesen und habe dort seine Frau kennengelernt – ebenfalls eine Niedersächsin, die ihrem Land den Rücken gekehrt hatte. "Für diesen wackeren Mann durfte ich aus Sicherheitsgründen nicht einmal ein ordentliches Begräbnis organisieren", ärgert sich Redeker. "Und das einzig wegen Leuten, die mich aus dem Ausland für ein Meinungsdelikt verurteilten, das im französischen Recht nicht einmal existiert. Ich bin ein politischer Flüchtling im eigenen Land."

"Unverdaulicher" Koran

Solche trotzigen Dinge sagt der Mann mit der sanften Stimme gerne. Sein Zeitungsbeitrag im Figaro war im gleichen Ton gehalten – provokant, aber genau reflektiert. Das sei nationale Tradition, auch Voltaire habe über den "unverdaulichen" Koran und noch häufiger über die katholischen Schwarzröcke geschimpft, führt Redeker aus. "Polemik gehört in Frankreich dazu", erklärt der Mitredakteur der von Jean-Paul-Sartre gegründeten Zeitschrift Les Temps Modernes. Ja, auch Sartre habe in den 1960er-Jahren einmal geschrieben, wenn ein Dritte-Welt-Bewohner einen Kolonialisten töte, dann ergebe das zwei freie Menschen.

Am meisten schimpft Redeker nicht über die Islamisten, sondern über seine Lehrerkollegen, die seinen Zeitungsbeitrag verurteilten oder zumindest als "exzessiv" bezeichneten. "Sie sagen, man müsse konfessionelle Gemeinschaften wie den Islam, diese Religion der Armen, respektieren", meint Redeker. "In Wahrheit schließen sie aber nur die Augen. Zum Beispiel auch vor den tieferen Ursachen der französischen Banlieue-Krise." Redeker spricht dagegen Klartext: Die regelmäßigen Vorstadtkrawalle in Frankreich würden nie von Mädchen, sondern nur von Burschen inszeniert, die schon mit sieben Jahren ihre Eltern herumkommandierten und im anderen Geschlecht nur Objekte sähen.

Engagierte Lehrer aus den Banlieues halten dagegen, Redeker habe die Fatwa mit seinem Pamphlet geradezu gesucht. Dazu meint der Angesprochene: "Stellen Sie sich einen jungen Deutschen vor, der 1941 Steine auf die Nazis warf und zum Tode verurteilt wurde. Hatte der es etwa auch ‚gesucht‘?"

Bekannte Philosophen wie Pascal Bruckner, Chantal Delsol, Alain Finkielkraut oder Pierre-André Taguieff stellten sich in Wort und Schrift hinter Redeker. Nicolas Sarkozy sprach von einer "skandalösen Fatwa" und sicherte ihm den Schutz der Republik zu. Trotzdem bleibt der politisch unabhängige Intellektuelle in Frankreich umstrittener als Salman Rushdie. Drei Vorwürfe werden hauptsächlich an ihn gerichtet. Etwa, dass er Islam und Fundamentalismus vermenge. "Die Grenze ist in der Tat ungenau und durchlässig, wenn der Koran selbst Gewalt predigt", meint der gläubige Christ, der den Islam über das Studium der persischen Mystiker kennengelernt hat.

Schutz der Republik

Dagegen wird ihm vorgehalten, er reduziere den Koran auf einzelne Passagen und komme zu letztlich falschen Verallgemeinerungen – zum Beispiel, dass Mohammed von Hass erfüllt sei. "Nicht ich vereinfache, sondern der Islam tut es, wenn er fürUngläubige den Tod und für Frauen die sexuelle Verstümmelung fordert", erwidert Redeker. "Heutefindet eine Regression statt, denn sogar in liberaleren Ländern wie Tunesien, Marokko oder der Türkei tragen heute immer mehr Frauen den Schleier."

Er sei schlicht islamfeindlich, lautet der vielleicht häufigste Vorwurf. "Ich nehme das als Kompliment, wenn man davon ausgeht, dass der Begriff der Islamophobie von totalitären Ayatollahs wie Khomeini gegen ihre Gegner eingesetzt wurde", kontert Redeker und wiederholt nochmals, der Islam kenne "als Religion keine Friedensbotschaft wie diejenige eines Dalai Lama".

Hält Redeker eine innere Reformation, eine Modernisierung des Islams denn für unmöglich? "Ein französischer Islam etwa ist nur möglich, wenn er die Werte der Republik und der Demokratie annimmt und mit seinen eigenen Werten kombiniert. Aber wenn gemäßigte Muslime den Islam reformieren wollen, müssen sie zuerst einmal die gewalttätigsten Seiten aus dem Koran reißen."

Ja, solche provokanten Dinge sagt der Mann mit dem freundlichen Rundgesicht gerne. Er bedauert nicht, den Beitrag veröffentlicht zu haben – im Gegenteil: "Das trug zu einer nötigen Klärung bei und schärfte das Bewusstsein." Redeker schreibt heute in langen Stunden auch über Kulinarisches, beschäftigt sich mit Fahrradsport (er kennt die Sieger jeder größeren Radrundfahrt auswendig). Aber dann sagt er auch leise: "Ich hoffe, dass diese Treibjagd bald zu Ende geht." Provozieren mag ja gut sein. Aber eine Fatwa, die zerrt schon ziemlich an den Nerven. (Stefan Brändle, ALBUM/DER STANDARD, 02./03.02.2008)

  • Robert Redeker: "Keine Angst, ich bin ohne Polizeibegleitung gekommen."
    foto: stefan brändle

    Robert Redeker: "Keine Angst, ich bin ohne Polizeibegleitung gekommen."

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