Der Bilderkrösus

3. Februar 2008, 10:00
21 Postings

Raoul Korty, Bankierssohn und Bohemien, sammelte wie besessen Fotos - Der Schatz der Lichtbilder wird nun in der Nationalbibliothek gehoben

Seiner Umgebung muss er ziemlich auf die Nerven gegangen sein. Denn schon als Kind begann Raoul Korty, am 4. Februar 1889 in Wien geboren, Fotografien zu sammeln. Seine Mutter zum Beispiel versah im Juli 1901 eine Postkarte an ihn mit dem wohl liebevoll gemeinten Zusatz "Ansichtskartenkrampfinhaber".

Korty selbst spricht von einem "Sammelwahn", der ihn gepackt hatte. In einem undatierten Aufsatz mit dem Titel Meine 250.000 Bilder erzählt er: "Meine Freunde und Bekannten nennen mich den Bilderkrösus, sie ahnen nicht, wie arm ich eigentlich bin und um wie viel ärmer ich schon war, als ich mich auf dem Wege befand, der zu diesem jedenfalls nicht ganz ernstzunehmenden Titel führte. Eines stimmt ja: Heute besitze ich eine Bildersammlung, die an Zahl das erste Viertel einer Million schon ein wenig übersteigt. Aber man überschätze mich nur nicht, denn ich besitze weder echte Van Dykes noch Tintorettos, es sind ganz gewöhnliche armselige Fotografien, die ich mein Eigen nenne und die nichts weiter sollen, als irgendein Stück Weltgeschichte illustrieren."

Schon als Dreijähriger räumte er seinen Verwandten die Alben aus: "Ich verlangte nie nach Süßigkeiten und Küssen hübscher Kusinen, das Einzige, was mich freute, waren Fotografien, die ich schon damals sorgsam zu Bündeln zusammenschnürte, und, da ich nicht schreiben konnte, mit Merkzeichen versah, die nur ich zu entziffern imstande war."

Mit seiner Gouvernante geriet er des Öfteren in Konflikt: "Tag um Tag bat ich sie, mir eine Krone zu schenken, damit ich Bilder kaufen könnte. Eine Zeitlang nahm sie meine fixe Idee mit stiller Heiterkeit hin, schenkte mir auch meistens die gewünschte Krone, allein eines Tages schien ihr die Sache ins Geld zu gehen, sie verhielt sich meinen Wünschen gegenüber ablehnend, und als ich nicht nachgeben wollte, drohte sie mit der Demission ..."

Theaterbegeisterter Plagegeist

Zu Beginn sammelte Korty, der als Bub seine Uhr verkaufte, "nur um jenes Bild erwerben zu können, das den Fürsten Bismarck mit der berühmten Opernsängerin Pauline Lucca zeigt" (aufgenommen in Ischl 1865), natürlich sinn- und planlos: "Eine Spur von System kam erst herein, als ich eines Tages, noch ein Knabe, zwei Bilder geschenkt erhielt, die die Wiener Burgschauspielerin Charlotte Wolter als Königin Elisabeth in Heinrich Laubes Graf Essex und Emmerich Robert, den Meisterdarsteller der gleichen Bühne, als Uriel Acosta zeigten. Da begab es sich eines Tages, dass der Nachlass des Theatermalers Franz Gaul – Gaul war bekanntlich einer der intimsten Freunde der Charlotte Wolter und besaß nicht weniger als 600 fotografische Aufnahmen – verkauft wurde."

Und zwar an einen Wiener Händler, "zu dessen Plagegeist ich mich im Alter zwischen 12 und 13 Jahren entwickelt hatte. Stundenlang saß ich in seinem Laden und durchwühlte die mir kostbar scheinenden Schätze und brachte es durch meine Überredungskunst so weit, dass er ab und zu bis 10 Uhr abends in seinem Geschäft blieb, um mir hinter geschlossenen Rollläden die Recherchen in seinen Regalen noch ungestört zu ermöglichen. Nun wanderte eines Tages besagte Woltersammlung in den Besitz dieses Händlers. Für mich stand fest, dass ich diesen Schatz in meinen Besitz bringen musste, aber wie?"

Der Händler ging auf Kortys Vorschlag der Ratenzahlung ein. Aber: "Ich habe mich bezüglich der Einhaltung der Raten ganz so verhalten, wie man es heute tut, ich zahlte nämlich sehr saumselig, sodass die ganze Angelegenheit schließlich beim Advokaten landete, der meinen Vater von diesem Geschäft informierte."

Der Vater war zum Glück wohlsituiert: Seit 1880 führte er zusammen mit seinem Bruder Jakob Kohn einen florierenden Kommissionshandel mit Börseeffekten. 1896 nahm Siegfried Hermann Kohn – und mit ihm die Familie – aus gesellschaftlichen wie beruflichen Gründen den unverdächtigeren Nachnamen Korti bzw. Korty an. Mit der Sammelleidenschaft seines Sohnes wusste er, so Margot Werner, Historikerin an der Österreichischen Nationalbibliothek, in ihrer Recherche Ein Wunderkind der Sammelwut, wenig anzufangen: "Raouls Persönlichkeit entsprach wohl nie so ganz den Vorstellungen seines Vaters."

Aber auch wenn der Bankier den einzigen Sohn für einen Taugenichts hielt: Er unterstützte ihn. Und Raoul Korty wurde immer findiger im Aufstöbern fotografischer Schätze. Einmal erfuhr er vom Tod eines "Sonderlings", der Frauenfotografien gesammelt haben soll. "Dass ich fünf Minuten später schon an Ort und Stelle war, brauche ich nicht zu sagen. Man ließ mich Stichproben machen, und ich fand in der Wohnung tatsächlich Unmengen von Fotografien, die mich auf der Stelle davon überzeugten, dass ich einen wirklichen Fund gemacht hatte." Die Bedingung war aber, dass er "den ganzen Plunder im Verlaufe desselben Tages fortschaffen musste". In der Wohnung der Eltern, Opernring 19, habe es am Abend ausgesehen "wie in einem Archiv, das durch die Hand des Teufels in Unordnung gebracht war. Auf und unter dem Bette, auf den Tischen, unter den Stühlen, überall türmten sich Berge von Fotografien auf, das Stubenmädchen kündigte, meine Mutter rang die Hände, kurzum es war ein Glück – zum Verzweifeln!"

Nach Abschluss der Realschule inskribierte Korty an der Kunstakademie, verpflichtete sich dann aber als Einjährig-Freiwilliger. Am 28. Juli 1914, dem Tag der Kriegserklärung Österreich-Ungarns an Serbien, wurde er einberufen; Korty diente, ausgezeichnet mit einer Tapferkeitsmedaille, bis zum Ende der Monarchie. Im März 1919 trat er aus der Armee aus, die ihn, wie sein Fotoarchiv bezeugt, nachhaltig beeindruckt hatte.

Drei Monate später gründete er mit dem Geld seines Vaters und zusammen mit einem Bekannten, der einen Gewerbeschein besaß, das Fotoatelier Georgette. Doch Korty, der das Leben eines Bohemien führte, hatte keinen Sinn fürs Geschäft: Abgelichtet wurden von ihm oder angeheuerten Fotografen in erster Linie nicht zahlende Kunden, sondern Bekannte und Prominente. Mitunter posierte Korty stolz auch selbst vor der Kamera: in der Offiziersuniform des Husarenregiments (signiert mit "Zur Erinnerung an schönere Zeiten, 1919"), im Frack oder mit Melone.

Er selbst wohnte in der Weyringerstraße 27, der Großteil des Fotoarchivs aber befand sich weiterhin in der Wohnung der Eltern. Es umfasste schließlich drei Zimmer mit nüchternen Regalen, die bis zur Zimmerdecke reichten. Und unablässig mehrte Korty seinen Bilderschatz. In einer Reportage über ihn mit dem Titel "Der Mann, der in drei Zimmern die Weltgeschichte eingefangen hat", vermutlich vom Schriftsteller Hans Habe verfasst, heißt es: "Bei Todesfällen berühmter Männer oder ihrer Verwandten erscheint als Leichenbeschauer regelmäßig ein einfacher kleiner Mann, von dem die trauernden Hinterbliebenen meist nicht wissen, was er will. Korty erzählt selbst, man habe ihn oft als Bettler angesehen und mit einem Almosen abspeisen wollen. Das allzu eifrige Dienstpersonal wieder versuchte, den verdächtigen Eindringling zu verjagen, und bei einer Gelegenheit musste Korty sogar, noch dazu ohne jegliche Beute, von Hunden gehetzt über die Gartenmauer eines gräflichen Schlosses."

Korty selbst schrieb, dass es ihm zumeist doch gelungen sei, die Hinterbliebenen von seiner Harmlosigkeit zu überzeugen: "Wenn ich es so weit brachte, dass sie mich für einen ungefährlichen Narren hielten, war ich schon zufrieden." Ihm sei es aber natürlich nicht leicht gemacht worden: "Mit dem Verkauf von Fotografien gaben sich die Leute in der Regel nicht ab. Ich musste also ganze Einrichtungen kaufen und altes Bettzeug, abgetragene Hosen. Sessel mit drei Beinen und dergleichen mehr gingen oft in meinen Besitz über, oft nur zu dem Zweck, um als Kohlenersatz zu dienen und für die Bereitung meines Morgenkaffees die nötige Wärmequelle abzugeben." Korty war aber nicht nur in Wien aktiv, wie Habe berichtet: "Er ist bald in Paris und bald in Berlin, in München und Budapest, in London und in Prag."

Am Höhepunkt dürfte Korty mehr als eine Viertelmillion Fotos besessen haben. Bei ihm konnte man, wie er meinte, alles finden: "Kommt der Theaterenthusiast, so kann ich ihm sicher mit einigen Dekaden, aber auch mehreren Hunderten von Aufnahmen eines berühmten Schauspielers dienen." Politiker und Staatsoberhäupter: "Ein Griff in die entsprechende Schublade, und sie sind da, in allen Lebensaltern, Lebenslagen und Uniformen. Auch der Kriminalist, sofern er sich auf historisches Material beziehen will, kann reichliche Ernte bei mir halten. Mit einem Worte, es gibt keine Disziplin, die der Kamera zugänglich ist, von der eine historische Stichprobe in meiner Sammlung nicht gemacht werden könnte."

Gegenüber Habe gab Korty an, 1200 Bilder von Charlotte Wolter, je 150 Bilder von Kaiserin Elisabeth und Kaiser Franz Joseph, 200 Bilder des Kronprinzen Rudolf, 50 Bilder von Katharina Schratt, 300 Bilder des französischen Hofes unter Napoléon III. und eine "Sammlung von 100 Bildern verschiedener Frauenmörder" zu besitzen. Einen besonderen Wert repräsentierte für ihn "die Sammlung von 400 Bildern des russischen Zarenhofs, weil ja in den Revolutionstagen das Zarenarchiv in Petersburg völlig vernichtet wurde".

Und Habe zählt auf, was er in Kortys Reich entdeckte: "Kossuth in London, Garibaldi, Girardi als wirklicher Schlosserjunge, der närrische Graf Diudandi, der sich nur von Porzellantieren umgeben fotografieren ließ, der Rennreiter Baltazzi, der Onkel der Maria Vetsera, (...) das letzte Bild der alternden Lola Montez, eine Fotografie des Feldmarschalls Radetzky, eine moderne Aufnahme des jungen Fürsten Starhemberg neben der Fotografie des Staatskanzlers Fürst Metternich. Fotografien vom Beginn der Fotografie, ja sogar noch Daguerrotypien von den Hoffotografen Lehmann in Berlin, Bergamasso in Petersburg, Disderi in Paris, Hanfstaengel in München, Klee in Wien."

Was jeden Besucher verwunderte: Korty stapelte zwar thematisch zusammenhängende Fotografien zu Konvoluten (zum Beispiel "Volksheroen"), aber er kam ohne Register aus. Habe machte die Probe aufs Exempel – und griff wahllos ein Foto einer "reizenden Frau" heraus, die mit einem Papagei spielt. Und sofort begann Korty zu erklären: "Jenny Gross, geboren zu, geboren am, Freundin Katharina Schratts, Schauspielerin zur gleichen Zeit in Wien, trat auf in den Hauptrollen..." Der Reporter zog, um dem Redeschwall ein Ende zu bereiten, ein anderes Bild heraus, das Porträt eines jungen eleganten Mannes. "Wilker Booth", sagte Korty. "Ermordete am 14. April 1865 Lincoln." Dann fügte er hinzu: "Wollen Sie auch wissen, von welchem Fotografen das Bild stammt?"

Und so ging das weiter: "Vornehme Herren in peinlich sauberen Jacketts, Mitglieder des diplomatischen Korps, züchtig dasitzende junge Damen der Gesellschaft, kokett geputzte Dirnen in buntem Firlefanz, ordensgeschmückte Militärs, junge Erzherzoge, die Offizierskappe schief auf dem Kopf, und Staatsminister mit gewichtigen Mienen, Erfinder und Komödianten, berühmte Schneiderinnen und freundlich lächelnde Frauenmörder. Und ihre Namen alle kennt Raoul Korty und er kennt ihren Lebens- und Familiengeschichte, ihre Ehen und Liebschaften, ihre Taten und Untaten. Und während er so erzählt, wandern wir durch das Museum Korty, durch die drei Zimmer der Wiener Hofratwohnung, in der eine sorgsame, vornehme stille und gewiss peinlich saubere Mutter kopfschüttelnd sieht, wie der Junge alles auf den Kopf stellt in seinem unzähmbaren Sammelwahn."

Im dritten Zimmer wies Korty auf ein besonderes Regal hin: "Wir stehen vor einem Friedhof", sagte er, "dem Friedhof der Namenlosen. In diesen Fächern liegen viele tausende Fotografien von Menschen, deren Namen mir unbekannt (sind). Ich habe oft Sammlungen aufgekauft oder mir verschafft, und viele dieser fremden Bilder trugen keinen Namen. Natürlich gelang es mir stets, einen Großteil der Bilder zu agnoszieren. Die anderen kamen in das große Massengrab. Aber aus diesem Massengrab gibt es ein Erwachen. Ich bin ununterbrochen bemüht, aus den Namenlosen Namhafte zu machen."

Ob der "detektivischen Tätigkeit" blieb fürs Geschäft kaum Zeit. Am 1. Jänner 1929 wurde die GmbH "Georgette, Atelier für moderne Bildniskunst" aufgelöst; das Unternehmen hatte Kortys Vater 20.000 Kronen gekostet. Im gleichen Jahr heiratete der Privatier seine langjährige Lebensgefährtin Philippine Zeisberger, eine Nichtjüdin, die ihm bereits 1923 eine Tochter namens Nora geboren hatte, gegen den Willen des strenggläubigen Vaters, was zum Bruch (und damit zur Einstellung der Zuwendungen) geführt haben muss.

Raoul Korty arbeitete nun zwar als freier Journalist, er belieferte Zeitschriften mit seinen Fotos, er stattete Ausstellungen wie Bücher – Franz Joseph I. in 100 Bildern und Kaiserin Elisabeth von Österreich in zweihundert Bildern – aus, aber dennoch geriet er zusehends in finanzielle Schwierigkeiten: Mitte der 30er-Jahre musste er Teile seiner Sammlung verkaufen oder verpfänden.

Der Rest der Geschichte ist trist. Hans Habe meint zum Schluss seines Berichts zwar pathetisch, dass in der Wohnung von Korty "wahrscheinlich, wenn er einmal stirbt, irgendein kleiner Mann erscheinen wird, dem man zuerst ein Almosen anbietet und der später um der Fotografien willen das ganze Haus kauft". Doch der kleine Mann, er hieß Hitler, wartete weder den Tod Kortys ab noch kaufte er: Am 26. April 1939 beschlagnahmte die Gestapo die Fotos in den Wohnungen am Opernring 19 und in der Weyringergasse 27 sowie jenen Teil der Sammlung, den Korty bei der Spedition Knauer eingelagert hatte.

Die Hausdurchsuchung hatte Wilhelm Beetz angeregt, der in der Nationalbibliothek die Porträtsammlung leitete, um das für diese "wertvolle Kulturgut aus der Ostmark zu Tage zu fördern und eine Verschiebung ins Ausland verhindern zu können". Das Material wurde der Porträtsammlung übergeben, es umfasste etwa 15.000 Bilder und eine nicht näher präzisierte Anzahl an Negativen.

1942 erwarben die Theater- und die Porträtsammlung der Nationalbibliothek zudem jenen Bestand, den Korty 1936 notgedrungen dem Verleger Eduard Hoffmann überlassen hatte. Und auch eine Sammlung an Negativplatten war in die Hofburg gekommen: Sie hatte sich zur Deckung aufgelaufener Schulden in Verwahrung der nun von den Nationalsozialisten aufgelösten Österreichischen Lichtbildstelle befunden.

"Ruhig weiter lagern lassen"

Korty konnte längst nicht mehr in die Geschicke eingreifen: Seine Frau hatte sich, um der Verfolgung zu entgehen, scheiden lassen. Die Flucht nach England, viel zu spät ins Auge gefasst, ließ sich nicht mehr finanzieren. Im November 1941 wurde Korty, der sich in einer Pension einquartiert hatte, in eine Sammelwohnung in der Seegasse, 1942 in eine weitere in der Praterstraße eingewiesen. Zuletzt war er bei der Firma "Rudolf Petru Papiersäcke und Papierwarenerzeugung" als Heimarbeiter beschäftigt. Im März 1944 wurde er nach Theresienstadt deportiert. Am 28. Oktober 1944 kam Korty ins KZ Auschwitz, wo er getötet wurde.

Nora Korty, seine Tochter, bemühte sich nach dem Krieg um Restitution. 1948 bestätigte der damalige Generaldirektor Josef Bick die unrechtmäßige Zuweisung und die Bereitschaft, die Sammlung auf Weisung der Finanzlandesdirektion zurückzustellen. Doch es kam nicht dazu – vielleicht auch deshalb, weil Nora Korty nicht wusste, was sie mit den Fotografien hätte tun sollen. 1952 erlangte die ÖNB Kenntnis von einem weiteren Teil der Sammlung, den Korty, um den Zugriff der Gestapo zu verhindern, einem Bekannten übergeben hatte. Weil man dieses Konvolut zu erwerben gedachte, fragte der Leiter der Porträtsammlung in der Generaldirektion bezüglich des weiterhin unbearbeiteten Bestandes an: "Ist eine Verjährung der Besitzrechte zu gewärtigen? Diesfalls würde ich die Sammlung ruhig weiter lagern lassen, bis sie heimfällt, und dann durchprüfen." Bis 1980 wurde die Rückstellung immer wieder in Aussicht gestellt, dann bricht die Korrespondenz ab.

Wie so manches Bundesmuseum reagierte auch die ÖNB 1998 nur zögerlich auf die Weisung der damaligen Bildungsministerin Elisabeth Gehrer, die Bestände nach Objekten zu durchforsten, die in der NS-Zeit geraubt und nie restituiert oder in der Nachkriegszeit abgepresst wurden: Man kontrollierte lediglich die Druckwerke, die ein "geringfügiges Wirtschaftsgut" darstellen, aber nicht die ungleich wertvolleren Autografen, Inkunabeln und Musikhandschriften. Doch das konnte Johanna Rachinger, die neue Generaldirektorin, nicht wissen: Ahnungslos gab sie im April 2002 ein dürftig erscheinendes Ergebnis der hauseigenen Nachforschungen bekannt. Und sie war peinlich berührt, als sie erkannte, hinters Licht geführt worden zu sein: Sie beauftragte sofort die damals externe Historikerin Margot Werner mit der Abfassung eines lückenlosen (und nach wie vor exemplarischen) Gesamtberichts. Ende 2003 fertiggestellt, enthielt er auf mehr als 3500 Seiten detaillierte Angaben zu 14.133 Druckschriften und 11.373 Sammlungsobjekten sowie einem "ungezählten Bestand" an Fotos (eben die Sammlung Korty), die als "bedenklich" eingestuft wurden.

In der Folge kam es – endlich – zu Restitutionen. Anfang 2005 wurde auch die Sammlung Korty, insgesamt 23.649 Originale, zurückgegeben. Die Erben fragten aber an, ob die ÖNB nicht an einem Ankauf interessiert sei. Das Wiener Fotoantiquariat Helfried Seemann sichtete daraufhin den Bestand und schätzte den Wert auf 90.000 Euro. Am 9. Mai 2005 wurde der Kaufvertrag unterzeichnet.

Da es, wie gesagt, keinen die Sammlung erschließenden Katalog gibt, wurde beim Auspacken der teilweise noch originalverpackten Holzkisten und Kassetten mit größter Sorgfalt vorgegangen: Man legte Konvolut neben Konvolut, um das Ordnungsprinzip, das man vermutete, erhalten zu können. Anfängliche Schwierigkeiten bereitete, wie Michaela Pfundner, Historikerin am Bildarchiv, in ihrem Bericht Ein fotografisches Gedächtnis darlegt, die Entzifferung der Angaben auf der Rückseite der Bilder: "Doch gerade diese handschriftlichen Vermerke erwiesen sich als unschätzbare Informationsquellen. Mithilfe einschlägiger Lexika beziehungsweise mit Vergleichsfotos aus dem umfangreichen Bestand des Bildarchivs gelang es, Hinweise zu damals berühmten (und heute zum Großteil vergessenen) Sängern und Schauspielern zu finden." Es gelang nicht nur, "die Sammlung Korty durch Herstellung von Querverweisen zwischen verschiedenen Konvoluten weiter aufzuschlüsseln", sondern auch "viele zunächst anonyme Personen namentlich zuzuordnen". Pfundner bestätigte, was schon Korty wusste: Es gibt ein Erwachen aus dem "Friedhof der Namenlosen". (Thomas Trenkler, ALBUM/DER STANDARD, 02./03.02.2008)

Die Ausstellung "Zur Erinnerung an schönere Zeiten. Bilder aus der versunkenen Welt des jüdischen Sammlers Raoul Korty" wird am 28. Februar um 19 Uhr im Prunksaal der Nationalbibliothek, Josefsplatz 1, eröffnet. Laufzeit: 29. Februar bis 13. April (Dienstag bis Sonntag 10–18 Uhr, Donnerstag 10–21 Uhr). Zur Ausstellung erscheint ein umfangreicher Katalog, herausgegeben von den beiden Kuratorinnen Michaela Pfundner und Margot Werner.
  • 1939 in Kisten verpackt, blieb die Sammlung Korty über Jahrzehnte unbearbeitet. 2007 wurde im Bildarchiv der ÖNB Konvolut für Konvolut aufgelegt.
    foto: önb

    1939 in Kisten verpackt, blieb die Sammlung Korty über Jahrzehnte unbearbeitet. 2007 wurde im Bildarchiv der ÖNB Konvolut für Konvolut aufgelegt.

  • Raoul Korty  – links ein Porträt des Bohemien von 1923 – sammelte so ziemlich alles. Auch Kuriositäten (rechts) und Bilder von Kriminellen. Besonders interessierten ihn die Mitglieder des Kaiserhauses und Schauspieler – wie Alexander Girardi und Katharina Schratt.
    fotos: önb

    Raoul Korty – links ein Porträt des Bohemien von 1923 – sammelte so ziemlich alles. Auch Kuriositäten (rechts) und Bilder von Kriminellen. Besonders interessierten ihn die Mitglieder des Kaiserhauses und Schauspieler – wie Alexander Girardi und Katharina Schratt.

Share if you care.